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Kurze Wege zum Verbraucher: Sind Lebensmittel aus der Region eine nachhaltige Alternative?

28.11.2003 - (idw) Technische Universität München

Auf der Suche nach dem billigsten Schlachthof, der preiswertesten Mühle, dem besten Absatzmarkt werden Lebensmittel und Tiere über immer größere Strecken quer durch Europa und rund um den Globus transportiert. Haben früher Futtergewinnung, Aufzucht, Mast und Schlachtung in der Tierhaltung auf einem Bauernhof und im regionalen Schlachthof stattgefunden, sind heute für die einzelnen Schritte nicht selten mehrere hundert bis tausend Transportkilometer erforderlich. Der Aufwand, Lebensmittel zu transportieren, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren verdoppelt, belastet die Umwelt und die menschliche Gesundheit und verursacht jährlich in Deutschland - vor allem durch Lärm und die Straßenbeanspruchung - externe Kosten in Höhe von mehr als 4,5 Mrd. EURO.

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Nachhaltigkeit durch regionale Vernetzung", an dem der Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues der TU München beteiligt ist, ergab eine ganz wesentliche Erkenntnis: Die Vielfalt regionaler Lebensmittelvermarkter ist sehr groß und reicht von Kleinstinitiativen mit nur einem Produkt bis zu professionell agierenden, großen Lebensmitteleinzelhändlern. Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über vier Jahre gefördert und im Herbst 2003 abgeschlossen.

Bei einem süddeutschen Lebensmitteleinzelhändler, der seit fünf Jahren neben seinen konventionellen Waren ein großes Sortiment regionaler Produkte vermarktet, wurde eine Ökobilanz durchgeführt: ein Warenkorb, gefüllt mit Lebensmitteln aus der Region, wurde mit einem überregionalen Warenkorb verglichen. Die Ökobilanz zeigt, dass der regionale Warenkorb beim Transport nur ein Drittel der Energie benötigt, die Lärmbelastung sinkt um mehr als die Hälfte und die Straßenbeanspruchung wird um zwei Drittel reduziert. In der Lebensmittelkette sind regionale Großunternehmen beteiligt, die die Rohstoffe der Region in hocheffizienten Verfahren verarbeiten. Mit dem Warenkorb lässt sich zudem Geld sparen - pro Korb sinken die externen Transportkosten um jährlich 35 EURO. Dabei repräsentiert dieses Unternehmen - ebenso wie eine kleine lokale Apfelmosterei - nicht die gesamte Bandbreite der Regionalvermarkter. Es zeigt aber, dass sich "Regionalität" und "Effizienz" unter einen Hut bringen lassen. Eine vergleichbare Situation trifft man beispielsweise auch bei den Lebensmittelhändlern "Migros" in der Schweiz und "Billa" in Österreich an, die beide seit mehreren Jahren regionale Lebensmittel im Sortiment führen.

Was brachte den Erfolg? Die Verfolgung beider Strategien: der Effizienzstrategie und der Vermeidungsstrategie. Bei kleinen Initiativen besteht vielfach ein Mangel an Effizienz in der Verarbeitung und im Handel. Diese zu steigern wird eine zukünftige Herausforderung sein, die nur zu schaffen ist, wenn existierende Handelsstrukturen genutzt werden können und der Anteil an regionalen Lebensmitteln steigt. Der regionale Anteil ist bislang (noch) außerordentlich gering: Derzeit wird in Deutschland beim Lebensmitteleinkauf nicht einmal jeder hundertste Euro für Waren aus der Region ausgegeben.

Für den Großhandel, der mehr als 95 Prozent des Lebensmittelhandels ausmacht, muss hingegen die Vermeidungsstrategie gelten: Da die Effizienzsteigerung weitgehend ausgereizt ist, müssen die Entfernungen wesentlich reduziert sowie die "Lagerhaltung auf der Strasse" und die Vielzahl überflüssiger Transporte (z. B. Pulen von Nordseekrabben in Marokko vor dem Verkauf auf dem Hamburger Fischmarkt) verringert werden. Nur dann lässt sich effektiv den Prognosen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen gegensteuern, die für die kommenden fünfzehn Jahre einen weiteren Anstieg des Straßengüterverkehrs von 70 Prozent, mit dem größten Wachstum im Lebensmitteltransportbereich, vorhersagen.

Bei der einseitigen Konzentration auf Energiebilanzen werden ganz wesentliche Zusammenhänge, die das Entstehen und die vielfältigen negativen Auswirkungen des zunehmenden Verkehrsaufkommens erklären, unterschlagen. Hinter regionalen Lebensmitteln steht aber auch eine ganze Reihe weiterer ökologischer und sozialer Aspekte, wie der kulturelle Wert oder der Erlebniswert oder die Zufriedenheit der Arbeitenden. Daneben soll ein regionales Produkt auch erschwinglich sein. Diese Gesichtspunkte lassen sich weit schwieriger erforschen, sind aber in keinem Fall weniger wichtig.

Lebensmittel aus der Region - eine nachhaltige Alternative? Nach bisherigem Erkenntnisstand: Nicht immer, aber immer öfter. Weitere Potenziale sind vorhanden, müssen aber vielfach erst noch erschlossen werden.

Kontakt:

Prof. Dr. Alois Heißenhuber und Martin Demmeler
TU München
Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues
Alte Akademie 14
D-85350 Freising-Weihenstephan
Tel.: +49-(0)8161-71-3410 bzw. -3575
Fax.: +49-(0)8161-71-4426
heissenhuber@wzw.tum.de
demmeler@wzw.tum.de
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