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Pflegepersonal gibt Heimbetreuung schlechte Noten

02.12.2003 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Altenpflegerinnen und -pfleger geben ihren Arbeitsstätten keine guten Noten. Mehr als 60 Prozent würden sich im Alter niemals freiwillig in ein Pflegeheim begeben. Das zeigt eine Studie der Universität Bonn, bei der die Wissenschaftler deutschlandweit erstmalig mehr als 100 Pfleger und leitende Angestellte von Pflegeheimen zu ihren Vorstellungen vom eigenen Leben im Alter befragten. Hauptsächlicher Kritikpunkt der Beschäftigten: Aufgrund der Arbeitsüberlastung bleibe kaum noch Zeit, auf individuelle Wünsche der Heimbewohner einzugehen oder einfach mal ein Schwätzchen mit ihnen zu halten. Die psychosoziale Komponente bleibe so weitgehend auf der Strecke; die Pflege verkomme mehr und mehr zur Fließband-Arbeit.

In ihrer Dissertation hat Christina Dymarczyk vom Wirtschaftssoziologischen Institut der Uni Bonn 102 Beschäftigte aus insgesamt acht verschiedenen Pflegeeinrichtungen in der Region Köln/Bonn zu ihren Vorstellungen vom eigenen Leben im Alter befragt. Lediglich ein Drittel konnte sich vorstellen, sich später selbst einmal in einem Altenheim pflegen zu lassen. Zwar genießt die Heimpflege generell in der Bevölkerung keine große Anerkennung - "acht von zehn Senioren sagen, sie würden nie in ein Heim gehen", relativiert die Wirtschaftssoziologin, "da existieren enorme Berührungsängste." Dennoch ist auch sie von der hohen Quote überrascht - immerhin kannten die Befragten nicht nur die Probleme, sondern auch die Vorteile der Heimpflege aus eigener Erfahrung.

Die Interviewpartner sollten sagen, welche Faktoren ihnen wichtig wären, wenn sie selbst im Altersheim gepflegt würden. "85 Prozent legten besonders Wert auf die psychosoziale Betreuung", erklärt Dymarczyk - also dass die Pfleger sich auch einmal Zeit für ein Gespräch nähmen oder individuelle Wünsche berücksichtigten. "Manche Heimbewohner möchten zum Beispiel sonntags bestimmte Kleidungsstücke angezogen bekommen - ein Wunsch, der bei dem Zeitdruck in der Pflege oft unberücksichtigt bleibt", so die Wissenschaftlerin, die neben ihrem Studium lange Zeit selbst in Pflegeeinrichtungen gearbeitet hat. Für besonders wichtig hielten die Befragten die Wahrung der Intimsphäre und Würde der Heimbewohner. "Also Selbstverständlichkeiten wie Freundlichkeit, keine Pflege bei offener Zimmertür, keine 'Babysprache' beim Umgang mit den Senioren."

Massenabfertigung und "Ghetto-Atmosphäre"

Leider blieben aufgrund der hohen Arbeitsbelastung gerade der soziale Kontakt und die individuelle Betreuung auf der Strecke; die Pflege verkomme mehr und mehr zur Massenabfertigung. Ein weiterer Grund, warum die meisten Befragten für sich eine Versorgung im Altenheim ablehnen, sei die "deprimierende Ghetto-Atmosphäre", die dort herrsche: "Die Senioren sind unter sich, die Lebendigkeit fehlt, es gibt keinen Mix der Generationen, keine Impulse durch junge Leute - das alles sehen die Pflegerinnen und Pfleger in höchstem Maße negativ", so Dymarczyk.

Die meisten Befragten würden sich daher im Alter lieber zu Hause durch Familienmitglieder pflegen lassen. Andererseits wollen sie ihren Angehörigen aber auch nicht zur Last fallen: Nur jeder Dritte Interviewte erwartet von seinen Kindern, dass sie ihn im Alter pflegen. Dagegen erklärten 75 Prozent, für sie wäre es selbstverständlich, später einmal für ihre Eltern zu sorgen - bei den befragten Ausländern lag diese Zahl noch höher.

Zufriedenheit trotz Arbeitsbelastung

Trotz des hohen Zeitdrucks - immerhin fühlen sich 90 Prozent aller Pfleger zumindest zeitweise überlastet - standen die Befragten ihrem Beruf größtenteils positiv gegenüber: "75 Prozent haben Freude an ihrer Arbeit; in den höheren Positionen ist diese Quote sogar noch höher", fasst die Wirtschaftssoziologin zusammen. "Nur jeder zehnte war mit seinem Job unzufrieden." Als Grund gaben ihre Interviewpartner vor allem das befriedigende Gefühl an, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben - und das positive Feedback: "Eine Pflegerin sagte mir: Das schönste ist es, wenn man hereinkommt, und man wird angestrahlt." Negativ sahen die Befragten neben der körperlichen Anstrengung und dem Schichtsystem vor allem den Personalmangel. Zudem sei der Beruf schlecht anerkannt und zu gering bezahlt.

"Die Personalfluktuation in der Pflege ist immens", erklärt Dymarczyk. "Nur wenige bleiben länger als fünf Jahre in ihrem Beruf." Schon rein körperlich sei es kaum möglich, bis zur Rente durchzuhalten. "Mehr als 30 Stunden pro Woche sollte in diesem Bereich niemand arbeiten müssen - und das bei gleichem Lohn wie heute", fordert die Wissenschaftlerin. "Das ist unrealistisch, ich weiß, aber wenn dort kein Umdenken einsetzt, will es bald keiner mehr machen." Die jetzige Situation zeigt in ihren Augen vor allem eines: Eine "erschreckend geringe Wertschätzung" von Seniorinnen und Senioren nach dem Motto: "Wer nichts mehr leisten kann, ist nichts mehr wert."

Eine ausführliche Zusammenfassung der Studie findet sich im Internet unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2003/432/bilder/Altenheim-Umfrage.pdf.

Ansprechpartner:

Christina Dymarczyk
Institut für Agrarpolitik, Marktforschung und Wirtschaftssoziologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7486 oder -3546
E-Mail: dymarczyk@agp.uni-bonn.de
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