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"Die Verteidigung unserer Werte beginnt am Hindukusch" Afghanische Flüchtlinge in Pakistan

11.12.2003 - (idw) Freie Universität Berlin

Der Essay "Afghanische Flüchtlinge in Baluchistan/Pakistan" erzählt die Folgen der Massenflucht von Millionen Stammesmitgliedern der Afghanen und Pathanen nach Pakistan. Der Autor Prof. Dr. Fred Scholz, der am Institut für Geographische Wissenschaften der Freien Universität Berlin lehrt, unterstreicht Fakten mit anschaulichen Beschreibungen und Erfahrungen seiner Forschungsreisen nach Pakistan. Das elende Leben von Flüchtlingen, die Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung, den Arbeitsmarkt und auf die Ökologie eines Landes verblassen oft hinter den spektakulären Bildern eines Krieges oder etwa der durch die Taliban inszenierten historisch-kulturellen Tragödie - der Sprengung einmaliger Buddhastatuen. Im Krieg gegen das Taliban-Regime beherrschten Erfolgsmeldungen einer befreiten Gesellschaft die Medien. Flüchtlingsströme und die Katastrophen, denen sie zu entkommen versuchen, sind weniger medienwirksam, obwohl sie schnell Ursachen neuer Krisenherde sein können.

"Im Kampf gegen die Sowjets verloren sie drei Söhne und durch die versteckten Minenfelder den gesamten Herdenbesitz, also rund 60 Schafe und Ziegen", berichtet Fred Scholz. Die Realität einer afghanischen Flüchtlingsfamilie, die im größten pakistanischen Flüchtlingslager Spaidar lebt, ist so erschreckend wie symptomatisch für die afghanische Geschichte. Afghanistan wurde am Ende des 19. Jahrhunderts als Pufferstaat zwischen der englischen Kolonie Indien im Süden und dem zaristischen Russland im Norden geschaffen. Das Interesse der globalen Entwicklungs- und Militärhilfe konzentrierte sich auf ressourcenreichere oder strategisch interessantere Nationen. Dem Sturz des Königs 1973 folgten Jahre der innenpolitischen Unruhen, bis schließlich im Dezember 1979 sowjetische Truppen in das Land einmarschierten. Der folgende Befreiungs- und anschließende Bürgerkrieg führte zu einer Massenflucht der verschiedenen afghanischen Stämme in die benachbarten Länder. Schließlich waren auch die Antiterrorbombardements der USA Auslöser jüngster Flüchtlingsbewegungen. Unter den Zielländern nimmt Pakistan eine entscheidende Rolle ein. In Baluchistan, eine an der afghanischen Grenze liegende pakistanische Provinz, konzentriert sich das Flüchtlingsaufkommen.

In der Grenzregion gibt es viele pathanische Nomaden, die auf beiden Seiten der Grenze heimisch und sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan familiär verwurzelt sind. Der Massenzuzug konnte jedoch nicht einmal Ansatzweise über Verwandtschaftsstrukturen bewältigt werden. In den pakistanischen Gebirgsprovinzen, Baluchistan und N.W. Frontier, entstanden annähernd dreihundert Lager. Alleine in Baluchistan standen nach pakistanischen Schätzungen einer Gesamtbevölkerung von etwa 4,5 bis 5 Millionen circa 2,6 bis 3,1 Millionen Flüchtlinge gegenüber. Ohne die Hilfe des World Food Programme und dem United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) wäre es unmöglich, diesen Menschen das Überleben zu sichern, von Würde ist in diesem Zusammenhang kaum zu sprechen. "Es gibt keine Brunnen, keine Quellen, keinen Baum oder Strauch", sagt Fred Scholz und berichtet weiter: "Das Trinkwasser wird mit Tankwagen herantransportiert und rationiert verteilt, ähnlich verhält es sich mit den Nahrungsmitteln." Die schiere Masse der Flüchtlinge verhindert dabei eine aus eigener Kraft vorangetriebene Verbesserung der Situation. Das Weben und Knüpfen von Kleidung und Teppichen, ein traditioneller Erwerbszweig, ist ein exemplarisches Beispiel. "Doch das Angebot an diesen Erzeugnissen ist groß", so der Berliner Geograph. "Die Händler, die anfänglich das Lager in Scharen durchzogen und alles aufkauften, kommen nur noch selten. Die Preise sind derart gefallen, dass manches Mal die Materialkosten nicht verdient werden." Da die Flüchtlinge nicht nach Afghanistan zurückkehren können und in den Lagern einseitig abhängig von Hilfsprogrammen sind, wandern sie tiefer in das pakistanische Binnenland, in größere Städte wie Karachi und Faizalabad, um hier Arbeit und Autonomie wiederzugewinnen. Das UNHCR war in ihren Integrationsbemühungen insoweit erfolgreich.

Besonders schwer betroffen sind die afghanischen Nomaden, die heute schätzungsweise ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. "Die Gründe für ihren Verbleib in Pakistan lagen in der kriegerischen Bedrohung, der Gefahr, die von den Mienenfeldern ausging, im Nahrungsmittelmangel sowie später auch in den Verfolgungen und Zwangsrekrutierungen durch die Taliban", sagt Scholz. Sie siedeln mit ihren Schaf-, Ziegen- und Dromedarherden nahe den UNHCR-Lagern, bekommen jedoch nur unregelmäßig und illegal Hilfswaren und können andererseits ihre Tiere nicht verkaufen, der Markt ist durch afghanische Tierhalter übersättigt. Jenseits ihres eigenen Schicksals tragen die Nomaden wesentlich zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung bei. Das örtliche, nomadische System des saisonalen Wechsels der Nutzung von Tal- und Gebirgsweiden wurde schon 1979 durch den Einbuch unzähliger Herden aus Afghanistan nachhaltig gestört. Die folgenden Jahre der Übernutzung führten zur völligen Zerstörung des Weidelandes und wiederkehrendem massenhaften Tiersterbens aufgrund von Futtermangel. Zudem entstanden gewalttätige Konflikte um das knappe Trinkwasser. Die Einrichtung von motorbetriebenen Tiefbrunnen durch wohlhabende Afghanen wurde von einem Absenken des Wasserspiegels und dem Austrocknen der Flachbrunnen lokaler Landeigner begleitet. Zuletzt mussten die Einheimischen das Wasser von den Afghanen kaufen.

Die Probleme der Massenmigration zeigen sich auch im Arbeitsmarkt, dieser an sich schon strukturschwachen Provinz. In Baluchistan gibt es, aufgrund fehlender Industrie jeder Art, Arbeitsplätze nur im Handel, Transportwesen, Dienstleistungsbereich und in der Landwirtschaft. Die vorhandenen Arbeitsplätze, eigentlich nach Stammeszugehörigkeiten unter den Einheimischen verteilt, wurden nach und nach mit den billigeren und verlässlicheren Immigranten besetzt. Die lokalen Arbeitnehmer wanderten daraufhin aus. "Über das ihnen hier beschiedene Schicksal gibt es nur düstere Vermutungen", so Fred Scholz. Was überwiegend den Landarbeitersektor betrifft, erschließt sich auch auf die anderen Bereiche. Im Transportwesen haben afghanische Transporteure den Markt für Laster und Sattelschlepper sowie für Transportdienstleistungen durch ein Überangebot und durch einen, für die ursprünglichen Transportunternehmer ruinösen, Wettbewerb total vereinnahmt.

Obgleich seit einigen Jahren die Rückkehr nach Afghanistan möglich ist, verbleiben viele Afghanen und Pathanen in Baluchistan. In der Provinzhauptstadt Quetta nehmen Wohnbauten der Pathanen, afghanischen wie pakistanischen Ursprungs, zu. Den ehemals in Quetta dominierenden Baluchi fällt eine immer geringere Rolle zu. Segregation der Stammesgruppen ist die Folge. Spannungen und Konflikte verlagern sich an alle Berührungspunkte zwischen den Ethnien. Die Pathanen, die ja beiderseits der Grenze leben und durch die Flüchtlingsströme zahlenmäßig verstärkt wurden, wollen auf ihren den Baluchi gegenüber gewonnenen Einfluss nicht verzichten. Wirkungsvolle Hilfe kann deshalb laut Scholz vorrangig durch eine wirkungsvolle Entwicklung dieser ärmsten Region Pakistans geschehen. Dazu aber muss die pakistanische Zentralregierung mehr tun.

Florian Hertel

Literatur:

Fred Scholz, "Afghanische Flüchtlinge an Baluchistan/Pakistan", in: Karlsruher Schriften zur Geographie und Geoökologie, Bd. 18, hrsg. von Dieter Burger, Manfred Meurer und Joachim Vogt, Karlsruhe 2003, S. 25-37

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Fred Scholz, Institut für Geographie der Freien Universität Berlin, Zentrum für Entwicklungsländer-Forschung, Tel.: 030 / 838-70224, E-Mail: scholz@geog.fu-berlin.de
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