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Studenten ermittelten religiöse Vielfalt in Leipzig

12.12.2003 - (idw) Universität Leipzig

Über zwei Jahre haben Studenten des Instituts für Religionswissenschaft der Universität Leipzig nach Religionsgemeinschaften in Leipzig gesucht - knapp 60 haben sie letztlich aufgespürt. Jetzt stellen sie ihre "Funde" in dem Buch "Religionen in Leipzig" vor. Um es zu publizieren, sind sie einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Sie haben einen Verein und einen Verlag gegründet.

Es ist - auf den ersten Blick - ein naheliegendes und einfaches Unterfangen: Man nehme zwei Handvoll Studenten, stecke sie in ein Seminar und hoffe auf deren Neugierde. Mengt man dieser Hoffnung ein fesselndes Thema bei und mischt eine Portion Glück unter, kann am Ende ein Ergebnis stehen, das in den Buchhandel kommt: "Religionen in Leipzig" heißt die Publikation, die erst die zweite ihrer Art in Ostdeutschland ist. Dr. Thomas Hase, wissenschaftlicher Assistent am Religionswissenschaftlichen Institut, hat diesen Prozess über zwei Jahre hinweg begleitet. Andreas Rauhut und seine KommilitonIinnen haben ihn in Gang gehalten. - Wir sprachen mit beiden.
Seit knapp zehn Jahren kennt die Wissenschaft hierzulande den Trend, religiöse Gruppen lokal zu erfassen. 1993 markierte Marburg den Anfang, es folgten westdeutsche Städte wie Hamburg, Freiburg, Essen, dann kam Berlin, 2001 schließlich Halle/S. Und jetzt erhält Leipzig seinen Platz in der Religionsgeographie - dank der Studenten des Religionswissenschaftlichen Instituts, des ältesten in Deutschland. Der Stadtplan, den Dr. Gudrun Mayer vom Institut für Geographie einbrachte, symbolisiert am augenscheinlichsten das Anliegen des Buches: die Religionsgemeinschaften Leipzigs zu erfassen und zu beschreiben. Gleichsam eine Bestandsaufnahme vorzulegen, die - dafür haben sich die Autor/innen entschieden - allgemeine Informationen über Geschichte, Aufbau und Lehre, über Gründer und Persönlichkeiten einschließt, die über die Ansiedlung und Entwicklung in Leipzig, über Ansprechpartner und Treffpunkte berichtet, die sich jedoch jeglicher Bewertung und Einschätzung enthält.
Stück für Stück haben die 13 Autorinnen und Autoren Telefonbuch und Vereinsregister, Aushänge und Auftreten, Zeitungen und Broschüren studiert, um Anhaltspunkte für ihre Recherchen zu finden. Nach und nach konnten sie die allgemeinen Daten durch Interviews mit lokalen Vertretern ergänzen. Auf diesem Wege haben schließlich 57 Religionsgemeinschaften Eingang in das Buch gefunden. "Den Anspruch auf Vollständigkeit erheben wir allerdings nicht", versichert Andreas Rauhut. Während evangelische oder katholische Kirchen quasi vor der Türe zu finden sind, liegen die Zentren der Baha`i-Religion, des Tibetischen Buddhismus oder der Sikhs "versteckt" - zumeist weil die Zahl der Gemeindemitglieder zu klein ist, um große, repräsentative Räume für Rituale, Zusammenkünfte und Feiern zu unterhalten. So richteten sowohl Sikhs als auch Schiiten ihre religiösen Stätten in Wohnungen ein; eine der fünf islamischen Gemeinden nutzt einen ehemaligen Kindergarten in der Roscherstraße als Moschee. Die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde ist in der Russisch-orthodoxen Kirche an der Deutschen Bücherei zu Gast, die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der evangelischen Kirche in der Schreberstraße.
"Die meisten waren angetan von unserem Anliegen", erinnert sich Andreas Rauhut an die Gespräche mit den verschiedenen Gemeinden. Einzelne reagierten aber auch verhalten auf die Anfrage. "Doch nachdem wir erklärt haben, dass wir von der Religionswissenschaft an der Universität kommen und dass wir die religiösen Gemeinschaften beschreiben und nicht bewerten wollen, haben fast alle zugestimmt." Lediglich drei Gruppen aus dem christlichen Spektrum zogen sich zurück. Mit den anderen 57 Gemeinden entstand derweil ein "fruchtbarer Kontakt", schildert Rauhut.
Die Blicke der Studenten gehen derweil in die Zukunft. Mit dem Verein "re.form leipzig - Religionswissenschaftliches Forum" und dem Leipziger Campus Verlag haben sie zum einen ihre Publikation auf zwei eigene Beine gestellt. Zum anderen sollen beide Gründungen über dieses erste Ziel hinausführen: Im Gespräch sind Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema; Weiterbildungen für Lehrer, die dann kenntnisreicher als bisher mit Schülern Religionsgemeinschaften besuchen können.

Wer zu "Religionen in Leipzig" gehört, wurde "pragmatisch entschieden", so Dr. Thomas Hase. Aufgenommen wurden religiöse Gemeinschaften, die sich selbst als solche verstehen und die in einem gewissen Maß organisiert sind. Ein Extra-Kapitel widmet sich Weltanschauungsgemeinschaften mit religiösem Hintergrund wie Freimaurer, Rosenkreuzer oder Anthroposophen. Diese betrachten sich zwar nicht immer als religiös, beziehen sich aber auf religiöse bzw. sakrale Texte und Rituale.
In puncto Sekten wie Scientology, Moon oder Hare Krishna allerdings muss das Buch "enttäuschen" - in Leipzig existieren sie nicht im Sinne einer Religionsgemeinschaft. Nach der Wende geisterten diese Gruppierungen als Bedrohung für ostdeutsche Großstädte durch die Medien "Wir haben immer vermutet, dass das nicht stimmt", erzählt Dr. Hase. "Mit dem studentischen Projekt können wir jetzt feststellen: So genannte Jugendkulte, Psychosekten und ähnliche Gruppen hatten bis Mitte der 1990er zwar teilweise kleine Zentren gebildet; doch es entstanden weder dauerhafte Strukturen noch fand sich eine größere Zahl von Anhängern." Dieser Befund decke sich mit dem von Halle/S. Im Vergleich zu vielen westdeutschen Großstädten habe sich Leipzig nicht als klassisches Sektenfeld erwiesen.
Die studentischen Autor/innen förderten einen erstaunlichen Pluralismus zu Tage: Neben den katholischen, orthodoxen, protestantischen Gemeinden sind in Leipzig die klassischen christlichen Freikirchen und Sondergemeinschaften wie Siebenten-Tags-Adventisten, Neuapostolische Kirche oder Jehovas Zeugen zu Hause. Die Israelitische Religionsgemeinschaft hat durch den Zustrom russischer Juden einen ungeahnten Aufschwung erfahren. Und muslimische Migrantengemeinden, die erst nach der Wende neu entstanden, ließen sich bereits fünf finden.
Es ist eine der Leistungen des Buches "Religionen in Leipzig", die religiöse Vielfalt sichtbar zu machen. "Die religiöse Landschaft Leipzigs ist weitaus vielfältiger, als man vermuten kann, wenn man nur die weithin sichtbaren christlichen Kirchen in den Blick nimmt", resümiert Dr. Thomas Hase.

Daniela Weber

re.form Leipzig (Hrsg.), Religionen in Leipzig. Leipziger Campus Verlag 2003. 12,90 Euro. ISBN: 3-937218-009


Weitere Informationen:
Dr. Thomas Hase
Telefon: 0341 - 97 37160
Fax: 0341 - 97 37169
E-Mail: hase@uni-leipzig.de
www.religionen-in-leipzig.de
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