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Studie im Auftrag der Projekt Ruhr GmbH zur Bildungsbe(nach)teiligung im Ruhrgebiet

13.12.2003 - (idw) Institut Arbeit und Technik

Institut Arbeit und Technik plädiert für eine "neue Kompensatorik" in der Bildungspolitik

Das Bildungsniveau mit Blick auf die Schulabschlüsse liegt im Ruhrgebiet zwar durchaus im Landes- und Bundesdurchschnitt oder gar darüber. Probleme bereiten aber die großen Unterschiede in der Region - zwischen Nord und Süd, innerhalb einzelner Kommunen und Kreise. Insbesondere in "schwierigen" Stadtteilen haben Kinder und Jugendliche aufgrund von Arbeitslosigkeit, Armut und Sprachbarrieren weniger Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere.

Eine heute im Essen vorgestellte Studie plädiert deshalb für das Leitbild einer "neuen Kompensatorik", um die regionalen, sozialen und ethnischen Unterschiede zu verringern. Ziel ist dabei nicht die Angleichung von Lebenslagen, sondern die Befähigung aller, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. "Ungleiches muss ungleich behandelt werden, weil Gleichbehandlung bei ungleichen Voraussetzungen die Ungleichheit verschärft" so Dr. Josef Hilbert vom Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen). In der Konsequenz bedeutet dies, dass Regionen, Stadtteile und Einrichtungen, die mit besonderen Problemlagen konfrontiert sind, stadtteilbezogene und passgenaue Maßnahmen entwickeln müssen.

Mit der Untersuchung hatte die Projekt Ruhr GmbH im Rahmen der "Lernallianz Ruhrgebiet" einen Forschungsverbund, bestehend aus der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Duisburg-Essen und dem Institut Arbeit und Technik im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen beauftragt. Ziel war, mit einer breit angelegten Analyse des Bildungsbereichs - vom Kindergarten bis zur beruflichen Weiterbildung - die Schwerpunkte und Gestaltungsaufgaben für eine offensive Bildungspolitik für das Ruhrgebiet aufzuzeigen.

Differenzen im Versorgungsangebot von Kindergartenplätzen zeigt die Studie zwischen den Universitätsstädten Essen, Bochum und dem nördlichen Ruhrgebiet auf. So ist die quantitative Versorgung mit Kindergartenplätzen zwar insgesamt ausreichend, in Bochum mit dem Wert von 111 Prozent sogar übererfüllt, ungenügend ist aber das Angebot für Kinder im Krippen- und Hortalter. In Bochum gibt es Krippen für 4,1 Prozent, in Essen für 3,6 Prozent der Kinder bis zu drei Jahren - im übrigen Ruhrgebiet sind es 2,2 Prozent, in Gelsenkirchen nur 1,1 Prozent. Auch bei der Versorgung mit Hortplätzen für 7- bis 14-jährige weist Bochum eine Quote von 4,4 Prozent auf, während es im Ruhrgebiet weniger als 2 Prozent sind. Immerhin hat in jüngster Zeit die "offene Ganztagsgrundschule" die Betreuungssituation stark verbessert und wird von Karin Esch (IAT) als Schritt in die richtige Richtung bewertet. Handlungsbedarf sieht sie jedoch in der Flexibilisierung der Betreuungszeiten, weil für viele Mütter Arbeits- und Betreuungszeiten immer weniger zusammen passen.

Weiterhin von großer Bedeutung ist die Sprachkompetenz. Ein hoher Anteil an Kindern ausländischer Herkunft vor allem im nördlichen Ruhrgebiet erfordert eine frühzeitige Sprachförderung bereits im Kindergarten. Dort zeigt sich auch bei Betrachtung der allgemein bildenden Schulabschlüsse, dass ein hoher Anteil von Schülern aus Migrantenfamilien und/oder aus sozial-benachteiligten Familien stammt und nur niedrige oder gar keine Schulabschlüsse vorweisen kann. "Hier reicht das vorhandene Förderangebot für den Schulerfolg nicht mehr aus, weshalb insbesondere in diesen Stadtteilen - über die bestehenden kommunalen Grenzen hinweg - ein enormer Handlungsdruck besteht, um beruflichen und schließlich auch biographischen Abwärtsspiralen vorzubeugen" stellt der IAT-Wissenschaftler Dirk Langer fest. Im nördlichen Ruhrgebiet sind daher gezielte und bedarfsorientierte Bildungsanstrengungen auch in den allgemein bildenden Schulen notwendig. Viel verspricht sich das IAT von einer verbesserten Zusammenarbeit über die Grenzen der an der Bildung beteiligten Institutionen hinweg. "Mehr Flexibilität und Pragmatismus bei der Suche nach wirkungsvollen Lösungen sei gefragt", hebt Dr. Josef Hilbert hervor.

Im Hinblick auf den Übergang von der Schule in den Beruf ist das duale Ausbildungsplatzangebot in den 90er Jahren um ca. 20 Prozent überdurchschnittlich zurückgegangen. Damit deutet sich im Bereich der Berufsausbildung eine "Entindustrialisierung" des Ruhrgebiets im Vergleich zu NRW oder dem Bundesgebiet an. Damit wird ein erfolgreicher Einstieg für Schulabgänger mit niedrigem bzw. ohne Schulabschluss deutlich erschwert. Insbesondere die neuen Ausbildungsberufe, z.B. im IT- und Medienbereich, erfordern mittlere bis hohe Zugangsqualifikationen und können den Verlust "klassischer" Ausbildungsplätze quantitativ nicht kompensieren. Diese Probleme der Berufsausbildung fangen derzeit vor allem die Berufskollegs mit ihren vielfältigen Bildungsangeboten auf.

Im Bereich der beruflichen Weiterbildung hat das Ruhrgebiet einen deutlichen Rückstand zu verzeichnen - dies ergab eine Sonderauswertung des Mikrozensus. Die Teilnahme der Erwerbstätigen an beruflicher Weiterbildung ist im Ruhrgebiet geringer als in Nordrhein-Westfalen insgesamt. Gerade auch das Lernen in Eigeninitiative hat beim Erwerb beruflichen Wissens ein geringeres Gewicht als im übrigen NRW. "Eine Ursache könnte sein, dass die betrieblichen Arbeitsanforderungen weniger kreativ und lernförderlich sind", meint Dr. Matthias Knuth (IAT).

Das Abschlussplädoyer der Autoren lautet, dass nicht mehr, sondern bessere Bildung und Erziehung - unter besonderer Aufmerksamkeit für Problemgruppen und zwar vom Kindergarten an - dringend notwendig ist, um insbesondere den negativen Entwicklungen im nördlichen Ruhrgebiet entgegenzuwirken. Dabei kann sich das Ruhrgebiet als Pilot-Region für innovative und bedarfsorientierte Bildungslösungen profilieren.

Die Studie "Bildungsbeteiligung im Ruhrgebiet. Auf der Suche nach einer neuen Kompensatorik" kann über die Projekt Ruhr GmbH, Berliner Platz 6-8, 45127 Essen bezogen werden.

Für weitere Fragen stehen

Ihnen zur Verfügung:
PD Dr. Josef Hilbert
Durchwahl: 0209/1707-120
E-Mail: hilbert@iatge.de
Dr. Matthias Knuth
Durchwahl: 0209-1707-186
E-Mail: knuth@iatge.de
Karin Esch
Durchwahl: 0209/1707-283
E-Mail: esch@iatge.de
Dirk Langer
Durchwahl 0209-1707-182
E-Mail: langer@iatge.de

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