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Engagement für soziale Gerechtigkeit

20.12.2003 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster


Alphabetisierungskurs in einem Armenviertel Brasiliens "Früher habe ich mir eine solche Zukunftsperspektive nicht im Traum vorstellen können". Die 21-jährige Louise, die mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einem Armenviertel von Passo Fundo im Süden Brasiliens lebt, studiert zur Zeit in ihrer Heimatstadt Portugiesisch für Lehramt und möchte später einmal Dozentin an der Uni werden. Bei allem persönlichen Ehrgeiz hat sie aber nicht nur ihr eigenes Fortkommen im Sinn. Dass sich die Lebensverhältnisse der armen Bevölkerung in Brasilien verbessern, dass andere Jugendlichen möglichst einmal die gleichen Chancen haben wie sie selber, ist ihr ein großes Anliegen. Neben ihrem Studium engagiert sie sich daher gemeinsam mit anderen Studierenden in sozialen Projekten.

Louise ist eine von derzeit 52 Stipendiaten der Studienförderung Passo Fundo. "Es ist wichtig, dass unsere Stipendiaten die Erfahrung machen, dass sie mit ihren Fähigkeiten etwas bewirken können, dass sie ein Bewusstsein für soziale Kompetenz entwickeln", erklärt Prof. Dr. Werner Wittkowski, Hochschullehrer am Institut für Anatomie des Universitätsklinikums Münster (UKM), das Ziel des 1988 von ihm gegründeten Fördervereins. Die Unterstützung begabter junger Brasilianer, für die ein Hochschulstudium ansonsten unerschwinglich wäre, wird daher mit der Auflage verbunden, dass sich die Studierenden sozial engagieren. "Mit ihrem Ansatz verfolgt die Studienstiftung ein innovatives Konzept, das in erster Linie auf Köpfe und nicht auf Sachkapital als Motor für einen eigenverantwortlich gestalteten Entwicklungsprozess in Brasilien baut", so Wittkowski .

Und dieses Konzept ist aufgegangen und hat immer größere Kreise gezogen. Längst beschränkt sich das Engagement von "Passo Fundo" nicht mehr auf die Stadt, die der Studienstiftung vor 15 Jahren ihren Namen gegeben hat. Die Universitätsstädte Porto Alegre und Sao Joao del Rei sind mittlerweile hinzugekommen, wo Partnervereine die Arbeit des münsterschen Vereins vor Ort tatkräftig unterstützen. Ein vierter Standort könnte derzeit auf Initiative eines Altstipendiaten in Montes Claros entstehen. Die Sozialprojekte, die von den Stipendiaten geplant und durchgeführt werden, sind breit gefächert. Hier kümmern sich Studentinnen und Studenten um die Betreuung von Kleinkindern in einem Armenviertel, dort geben sie Nachhilfeunterricht oder initiieren Jugendgruppen, anderenorts nehmen sich die Stipendiaten der
Aufklärung Jugendlicher etwa zum Thema Verhütung oder Drogen an, führen Familienberatungen in Sachen Hygiene, Ernährung, Erziehung und Gesundheit durch oder stellen Alphabetisierungskurse für Erwachsene auf die Beine.

Wittkowski, der regelmäßig zu den Stipendiatentreffen nach Brasilien fährt und sich vor Ort über die Fortschritte in den Projekten informiert, spricht von einem langen Prozess der Gewöhnung und des Vertrauens bei den Bewohnern der Armenviertel. Doch letztlich ist dieser Prozess immer zu Gunsten der Stipendiaten ausgefallen. Und auch von staatlicher Seite aus weiß man deren Einsatz durchaus zu schätzen, was schon in diversen Auszeichnungen zum Ausdruck gekommen ist. So wurde beispielsweise das Projekt "Lava Pes", ein Sozialprojekt in einem Armenviertel von Sao Joao del Rei, das sich auf Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Erwachsenenbildung sowie den Aufbau einer Wasserversorgung und Kanalisation konzentrierte, bereits dreimal vom Bundesstaat Minas Gerais als bestes Sozialprojekt des Jahres ausgezeichnet. Ein weiterer Staatspreis wurde für ein Projekt an einer staatlichen Grundschule vergeben, an der Stipendiaten Erstklässler in Englisch und Informatik unterrichten. Dieser Unterricht ist mittlerweile fest in den Stundenplan integriert.

Solche Auszeichnungen machen Mut, fördern die Motivation und reizen andere zum Mitmachen. So unterstützen derzeit 25 Studierende freiwillig den Einsatz der Stipendiaten in den Sozialprojekten. Sie alle wirken letztlich auch als Multiplikatoren. Die große Hoffnung der Studienstiftung ist natürlich, dass das soziale Engagement auch nach dem Examen nicht nachlässt. Die meisten der mittlerweile bereits 71 Altstipendiaten sind heute in alle Winde verstreut. Viele werden die Idee der Stiftung aber wohl in irgendeiner Form weitertragen und sich ideell oder materiell für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der armen und benachteiligten Bevölkerung Brasiliens einsetzen. Denn wer allein auf die Politik zu hofft, nimmt in Kauf, dass sich so schnell nichts ändern wird. Allerdings sei der Optimismus seit Amtsübernahme des aus der Arbeiterbewegung kommenden neuen Staatschefs "Lula" gewachsen, hört Wittkowski von seinen brasilianischen Freunden. Doch auch wenn es erste hoffnungsvolle Ansätze für mehr soziale Gerechtigkeit gibt oder vielleicht gerade deshalb, sind die Stipendiaten hochmotiviert, die gute Sache fortzusetzen. "Ich habe gelernt", so einer der geförderten brasilianischen Studenten, "dass man nicht unbedingt auf die Regierung warten muss, um das Land wachsen und sich entwickeln zu lassen. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen."

Studienstiftung Passo Fundo

Tel. 02534/2727
E-Mail: studienfoerderung@passofundo.de
Internet: www.passofundo.de
Spendenkonto: Bank im Bistum Essen
BLZ 360 602 95
Kto-Nr. 47 350 018
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