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Gebete, Feste und die Pest - Das Leben in einem mittelalterlichen Frauenkonvent

20.12.2003 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München

München, 19. Dezember 2003 - An Dramatik sind die Aufzeichnungen kaum zu überbieten: Die letzten Zeilen der Handschrift einer anonymen Zisterzienserin brechen mitten im Satz unvermittelt ab. Im Juni des Jahres 1507 trat die Pest in Braunschweig auf - und hatte nun auch im vor den Toren der Stadt gelegenen Frauenkloster mit dem Klosterbäcker ihr erstes Todesopfer gefordert. Die unbekannte Nonne konnte nur noch letzte Einträge über den Tod einiger ihrer Mitschwestern notieren. "Dann ist sie wohl selbst der Pest erlegen, wie auch zwei Drittel ihrer Gemeinschaft", vermutet Privatdozentin Dr. Eva Schlotheuber von der Abteilung Mittelalterliche Geschichte der LMU. Die Wissenschaftlerin beschäftigte sich im Rahmen ihrer Habilitation mit dem Leben und der Bildung der spätmittelalterlichen Nonnen. In dem bislang vollkommen unbekannten Konventstagebuch der Braunschweiger Nonne fand sie eine der seltenen Beschreibungen eines Frauenlebens im Spätmittelalter, das auch ungewöhnlich tiefe und lebendige Einblicke in den Klosteralltag mit allen Freuden und Schwierigkeiten bietet, die sonst keinen Niederschlag in den Quellen finden. So wird etwa von einem ausgelassenen Fest anlässlich des Leinenschlagens berichtet, aber auch von einer weniger erfreulichen Begebenheit: Das Kloster saß Schwindlern auf, die eine großzügige Spende weit entfernt wohnender Adeliger versprachen. Tatsächlich wollten sie sich aber nur ein paar Tage der klösterlichen Gastfreundschaft erfreuen. Dies wolle sie niederschreiben, so die Zisterzienserin - als Warnung für nachfolgende Generationen.

Das Tagebuch scheint der Chronistin eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein, der sie einige Zeit und Mühe opferte. So schabte sie unter anderem die Seiten eines alten Gebetsbuches zur Wiederverwendung ab, weil anderes Material nicht zur Verfügung stand. Aus unbekannten Gründen fasste sie ihre Aufzeichnungen nicht in ihrer niederdeutschen Muttersprache sondern in fehlerhaftem Latein ab, das wie auch Schreiben, Lesen und Chorgesang im Kloster unterrichtet wurde. Das Studium der theologischen Schriften gehörte ebenfalls zur mehrjährigen Ausbildung des Nachwuchses, die breiten Raum im Klosterleben einnahm.

"Auf dem Klostereintritt, den Aufnahmeriten und der Ausbildung der Nonnen liegt der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit", so Schlotheuber. Bislang war unbekannt, dass vor allem sehr junge Mädchen in das Kloster aufgenommen wurden. Von klein auf für das geistliche Leben erzogen, galten diese Frauen als privilegierte Mittlerinnen zwischen Gott und den Menschen, weshalb ihnen in der mittelalterlichen Gesellschaft eine hohe soziale Stellung als Bräute Christi zukam. "Hintergrund dieser speziellen Hochschätzung weiblichen geistlichen Lebens sind die zeitgenössischen Vorstellungen der prinzipiellen Möglichkeiten zur Gotteserkenntnis", berichtet Schlotheuber. "Während sich Männer in erster Linie über den Verstand der geistlichen Sphäre näherten, ermöglichte den geistlichen Frauen ihr unberührter Körper eine spezielle Gottesnähe."

Zur literaten Erziehung im Kloster gab es für Mädchen und Frauen im Spätmittelalter kaum Alternativen. Deshalb versuchten manche Familien, auch jene Töchter gegen Entgelt im Kloster unterrichten zu lassen, die für eine spätere Heirat und ein weltliches Leben vorgesehen waren. Weil die Ausbildung der Nonnen aber vor allem eine Disziplinierung sowie Hinführung zu einem abgeschiedenen und geistlichen Leben bedeutete, lehnten die Konvente dieses Ansinnen grundsätzlich ab, zumal die verschiedenen Lebenswege leicht zu Konflikten innerhalb der Gruppe führen konnten. Gerade weil die Erziehung im Kloster so aufwändig und exklusiv war, sollte sie nur dem eigenen Nachwuchs zugute kommen. Deshalb versuchten die Frauenkonvente, die zukünftigen Konventsmitglieder möglichst zeitig verbindlich aufzunehmen. Selbst bei unmündigen Kindern unter dreizehn Jahren, die kein gültiges Gelübde ablegen konnten, war dies möglich. So konnten die Eltern nach einer Probezeit des Kindes im Kloster ein unwiderrufliches Gelübde für ihre Tochter ablegen und das Mädchen damit gleichsam dem Altar schenken. Ein anderer Weg bestand in der Einkleidung mit einem geweihten Habit, wodurch ebenfalls ein Übertritt in den geistlichen Stand bewirkt wurde, den die junge Frau aber später bestätigen musste.

Eine wichtige Rolle bei dieser Entscheidung spielte sicher auch, dass die Verheiratung einer Tochter wesentlich kostspieliger war als die Mitgift für das Kloster. Der Eintritt in ein Kloster war deshalb für manche Mädchen die einzige Möglichkeit, ihre Zukunft abzusichern, etwa wenn ein oder beide Elternteile verstarben. "Der Tag des Eintritts war die geistliche Hochzeit des Mädchens mit Christus und wurde wie eine weltliche Vermählung begangen", so Schlotheuber. "Nach der Messfeier erhielt das Mädchen kleine Geschenke, und die Eltern - als Brauteltern - richteten ein üppiges Festessen im Kloster aus." Für die Mädchen markierte dieser Tag allerdings auch ihren endgültigen Abschied aus der Welt.

Im Frühjahr 2004 wird "Aufnahme, Ausbildung und Lebenswelt in den Frauenklöstern des späten Mittelalters. Mit einer Edition des 'Konvents-tagebuchs' einer Zisterzienserin von Heilig-Kreuz bei Braunschweig (1484-1507)" im Mohr Siebeck Verlag erscheinen. (suwe)

Ansprechpartner:

PD Dr. Eva Schlotheuber
Historisches Seminar, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte der LMU
Tel.: +49-89-2180-5447
E-mail: e.schlotheuber@mg.fak09.uni-muenchen.de
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