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Die Kultur des Hörens

20.12.2003 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Hat das Hören eine Geschichte? Hören wir heute anders, als es unsere Vorfahren taten? Nicht nur ihre Bewertung sondern auch die Sinneswahrnehmungen selbst ändern sich mit der historischen und kulturellen Entwicklung. So lautet die These, die Dr. Max Ackermann, Hörfunkjournalist und Dozent am Institut für Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen, in einer umfassenden Untersuchung belegt hat. Unter dem Titel "Die Kultur des Hörens. Wahrnehmung und Fiktion" ist die literatur- und medienwissenschaftliche Analyse nun vom Institut für Alltagskultur veröffentlicht worden. Die Dissertation zu diesem Thema war 1999 mit dem Lilli-Bechmann-Rahn-Preis ausgezeichnet worden. Damals wurde der Promotionspreis der Philosophischen und Erziehungswissenschaftlichen Fakultäten der Universität Erlangen-Nürnberg zum ersten Mal verliehen.

Räuspern und Hüsteln im Publikum stören die andächtige Stimmung, die zum Konzert passt. Laute Produktionsanlagen zählen zur akustischen Umweltverschmutzung und werden an den Stadtrand verbannt. So selbstverständlich das heute scheint, so wenig vorstellbar sind die Zeiten, in denen lärmende Fabriken Wohlstand bedeuteten und die Konzertsäle oder Kinos von ungeniertem Geplauder erfüllt waren, obwohl diese Vergangenheit noch gar nicht fern liegt. Da fällt erst recht nicht auf, dass niemand mehr im Sturmgeheul die Götter kämpfen hört.

Was als unangenehmer Lärm gilt, wandelt sich im Lauf der Geschichte, ebenso wie das Urteil über die menschliche Stimme oder den Schrei, der angemessene Ausdruck für Liebessehnsucht, der Stellenwert von Musik und Konversation. Die moderne Medien- und Kommunikationstechnik hat die Hörgewohnheiten zusätzlich geprägt, doch das ist nur ein Aspekt unter vielen. Sobald das Hören nicht mehr allein den Naturwissenschaften als Arbeitsfeld überlassen bleibt, öffnet sich ein weiter Raum, in dem Geistes- und Kulturwissenschaftler Soundabstufungen, Geräuschübergänge und Zwischentöne in großer Vielfalt entdecken können. Zugleich zeichnet sich damit der Zugang zu einer umfassenden Historie der menschlichen Sinneswahrnehmungen ab.

Um die Kulturgeschichte des Hörens zu entwerfen, nutzt Max Ackermann im Kern wichtige literarische Werke als Quellenbestand, insbesondere aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Europa. Besonders eingehend befasst er sich mit Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", dazu mit zahlreichen anderen Autoren der Klassischen Moderne und der Avantgarde. Komparatistische und medienwissenschaftliche Ansätze werden ergänzt durch Methoden der Mentalitätengeschichte und der Historischen Anthropologie. Der fließende Wechsel zwischen den Disziplinen macht es möglich, Veränderungen im Bewerten der Wahrnehmungen, die das Ohr liefert, auf der Spur zu bleiben.

Als Quelle verwendete literarische Texte erfahren hier außerdem häufig eine neue Interpretation, die vernachlässigte Aspekte berücksichtigt. Dass die Kulturwissenschaften dem Gehör bisher weitgehend mit Missachtung begegnet sind, lässt sich auch in Zusammenhang mit der Dominanz des Auges und des Sehens begreifen. Dem Hören steht konkurrierend eine scheinbar überlegene Welt der Bilder gegenüber. Viele geläufige Redewendungen zeugen davon. Der Autor stellt ihnen eine Sammlung von "Hör-Wörtern" gegenüber, die die Aufmerksamkeit für akustische Wahrnehmungen und ihre Bedeutsamkeit schärfen können.

Zwei Exkurse beschließen das Werk: eine Wanderung durch die Jahrhunderte auf der Spur des Wunschs nach einem "Ohrenlid", welches das stets offene Hörorgan gelegentlich verschließen möge, und ein Ausflug in die Welt der neueren Philosophie und ihrer Stellungnahmen zum Thema Hören. Wer sich durch die Lektüre davon überzeugt hat, dass das Hören eine Vergangenheit hat, wird ihm eine Zukunft nicht absprechen können. Sensortechnik und virtuelle Akustik, Schallgewehre, Zuhör-Roboter, Astronomen, die Schwarze Löcher belauschen, gentechnische Eingriffe zu Gunsten des Unterwasserhörens - um die Echos aus kommenden Zeiten abzufangen, reicht vermutlich die Fantasie nicht aus.

Ackermann, Max: Die Kultur des Hörens. Wahrnehmung und Fiktion. Institut für Alltagskultur/ Hans Falkenberg-Verlag: Haßfurt; Nürnberg 2003 (Vorher: Phil.-Diss, Univ. Erlangen-Nürnberg 1998).

Weitere Informationen:

Dr. Max Ackermann
Tel.: 0911/ 41 52 42
E-Mail: Max_Ackermann@gmx.de

Oder über den Verlag:
Alltagskultur@t-online.de


Der Preis
Die aus einer alteingesessenen jüdischen Fürther Familie stammende Lilli Bechmann-Rahn war unter denjenigen, denen die Erlanger Philosophische Fakultät im Nationalsozialismus unter politischem Druck die Doktortitel aberkannt hatte. Zum Gedenken daran wurde der Preis gestiftet, der aus Spendenmitteln finanziert wird. Vergeben wird die Auszeichnung für eine herausragende Dissertation im Fächerspektrum "Dr. phil.".
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