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Jüdische Naturwissenschaftler an der Universität Leipzig

20.12.2003 - (idw) Universität Leipzig

Am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur wurde mit dem Blick auf das 600-jährige Bestehen der Universität im Jahr 2009 eine Ausstellung zu einem wichtigen Kapitel der Geschichte der Alma mater Lipsiensis eröffnet.

Am 19. Dezember 2003 wurde im Beisein von Staatssekretär Dr. Schmidt aus dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst im Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig der dritte Abschnitt der Wechselausstellung "Jüdische Kapitel der Leipziger Universitätsgeschichte - Biographien, Fächer, Epochen" eröffnet. Mit den Themenbereichen ostjüdische Studenten, jüdische Mathematiker und Naturwissenschaftler und ihr Wirken im preußisch-deutschen Kaiserreich bis hin zum Jahre 1933 behandelt die neue Ausstellung Beziehungen und Zusammenhänge von Universitätsgeschichte und jüdischer Geschichte. Sie sind in hohem Maße durch Innovation und Dynamik, aber auch durch Ambivalenz und Verfolgung gekennzeichnet.

Dr. Stephan Wendehorst, stellvertretender Direktor des Simon-Dubnow-Institutes, führte zur Eröffnung aus, dass die Universität Leipzig gerade auch um die Jahrhundertwende eine große Anziehungskraft auf Studenten aus Osteuropa ausübte, weil sie wissenschaftlich attraktiv und gleichzeitig preiswert im Vergleich etwa zu englischen Universitäten war. Sie besaß damals einen respektablen Ausländeranteil von 10 Prozent, von dem wiederum die Hälfte russisch-jüdische Studierende ausmachten. Einerseits bestand über viele Jahre eine uneingeschränkte Zulassung zum Studium, andererseits wurden bereits 1913, also weit vor der Nazizeit, Ressentiments und Ausgrenzungen von jüdischen Studienbewerbern unter deutschnationalem Vorzeichen wirksam. Erst in der Weimarer Republik wurden diese Diskriminierungen und Beschränkungen aufgehoben.

Wie Universitätsarchivar Prof. Dr. Gerald Wiemers sagte, haben vor allem in den Fächern Physik, Mathematik und Chemie nach der Jahrhundertwende und nach dem 1.Weltkrieg jüdische Naturwissenschaftler in einzigartiger Weise Maßstäbe gesetzt, revolutionäre Forschungsergebnisse erzielt und die zeitweilige Weltgeltung der Universität Leipzig mitbestimmt. Sie kamen aus deutsch-jüdischen Familien, die seit Jahrhunderten in Deutschland lebten, aber auch aus Wien, Budapest, Böhmen, Galizien, Polen und dem Elsaß. Viele von ihnen stammten damit aus dem traditionellen Einzugsgebiet der Universität, aus Osteuropa.

Nicht zufällig erreichten viele Studenten aus jüdischen Familien die Universität Leipzig mit der berechtigten Hoffnung, hier eine solide wissenschaftliche Ausbildung zu erhalten und gleichzeitig auch `zivilisatorischen Fortschrift' praktisch zu erfahren: den gleichberechtigten Zugang von Juden zur Leipziger Universität. Elcanus Hertz wurde bereits 1767 als erster Student jüdischen Glaubens immatrikuliert und als gleichwertiger Staatsbürger - in Sachsen generell seit 1848 - in einer selbstbewussten und weltoffenen Bürgerstadt behandelt.

Für den Zeitraum nach der Jahrhundertwende finden wir besonders viele jüdische Nachwuchswissenschaftler in den das damalige Weltbild radikal verändernden Naturwissenschaften, nicht zuletzt in der Theoretischen Physik mit der Quantenmechanik. Ein Zentrum neben Göttingen, Zürich und Kopenhagen war seit 1927 Leipzig mit Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Über Länder-, Nationen- und Glaubensgrenzen hinweg erfolgte ein reger Austausch. Wie in einem Schmelztiegel wuchs das Wissen in Quanten: die besten Physiker aus aller Herren Länder gehörten zu dem weit gefächerten Kreis der Zuhörer und Disputanten. Manche kamen als Gäste, darunter die jüdischen Physiker Ugo Fano (Turin), Lew Landau (Moskau) aus der Sowjetunion, Stefan Rosenthal aus Polen oder die deutschen Studenten Fritz Nachod und der Geophysiker Ulrich Bergmann. Die jüdischen Physiker Edward Teller und László Tisza oder der Mathematiker Aurel Wintner kamen aus Budapest, der Physiker Victor Weisskopf war in Wien, George Placzek in Brünn geboren. Zu den engsten Mitarbeitern von Heisenberg zählten 1932/33 seine jüdischen Assistenten Felix Bloch (Schweiz) und Edward Teller (Ungarn). Schon sein erster Leipziger Assistent, Guido Beck, stammte aus Reichenberg (Liberec) in Nordböhmen.

Das Jahr 1933 mit der nationalsozialistischen Machtergreifung bedeutete für die Theoretische Physik, aber auch für die Mathematik und Chemie einen tiefen Einschnitt, ein menschlicher und wissenschaftlicher Verlust trat ein mit nicht wieder gut zu machenden Folgen. Eine aufstrebende, junge Generation von ausgewiesenen Wissenschaftlern musste Deutschland verlassen, hinterließ Lücken, die niemals wieder geschlossen werden konnten. Nach einem zeitgenössischen Bericht von 1937 sollen im Deutschen Reich etwa 3120 Hochschullehrer zum Ausscheiden aus ihren Berufen gezwungen worden sein. Viele von den aus Leipzig vertrieben gingen nach Österreich, nach Kopenhagen, Belgien, der Sowjetunion oder in die Niederlande. Sie warteten ab und hofften wie so viele, der braune Spuk würde schnell überwunden sein. Einige emigrierten 1933 nach England, darunter Heisenbergs Assistent Rudolf Peierls und anfangs auch das Ehepaar Heinrich und Charlotte Sack - er Physiker, sie Chemikerin. Ab Mitte der 30er Jahre fanden fast alle, fachlich hervorragend ausgewiesen, Lehrstühle oder herausragende Stellen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Während die Jungen vertrieben worden und alle Hoffnungen auf eine akademische Laufbahn in Deutschland verloren, mussten die älteren jüdischen Naturwissenschaftler auch ein Stück ihrer Vergangenheit begraben . Sie hatten für Deutschland im ersten Weltkrieg gekämpft und unter vielen Entbehrungen der Nachkriegszeit geforscht. Sie waren ganz aufgegangen in der deutschen Wissenschaft. Der hervorragende Mathematiker Léon Lichtenstein aus Warschau hatte während des 1. Weltkrieges die deutsche Staatsbürgerschaft erworben - im Jahr 1933 brach für ihn alles zusammen; er starb im August 1933 in Zakopane an den Folgen des NS-Rassenhetze. Der in Leipzig ansässige und später nach Bonn berufene Mathematiker Felix Hausdorff wählte mit Frau und Schwägerin unmittelbar vor der Verhaftung und Deportation 1942 den Freitod.

Auch wenn die Mehrzahl der Leipziger Naturwissenschaftler dem Schicksal ihrer jüdischen Kollegen eher teilnahmslos zusah, gab es Fälle von Zivilcourage, die erwähnt werden müssen. Der Geophysiker Ludwig Weickmann hat in mehreren Fällen seinen jüdischen Schülern in den USA und Schweden zu einem Neuanfang verholfen , darunter dem Meteorologen Bernhard Haurwitz. Auch hat er sich im letzten Moment für die Rettung der Habilitation von Felix Bloch eingesetzt. Das gleiche gilt für Werner Heisenberg, der seinen ehemaligen Assistenten Guido Beck auf dessen weltweiter Flucht mit Geld unterstützt hat. Karl Friedrich Bonhoeffer schützte und betreute die aus rassischen Gründen verfolgten Studenten der Physik und Chemie Barbara Siegert, Heinz Gerischer und Walther Jaenicke.

Als nach der Verschärfung des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1935 vier weitere Mitglieder der Philosophischen Fakultät entlassen werden sollten, kam es in der Sitzung vom 8.Mai zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Nordist Konstantin Reichardt, die Physiker Friedrich Hund und Werner Heisenberg und der niederländische Mathematiker Bartel L. van der Waerden protestierten in Anwesenheit des Rektors gegen diese Entlassungen. Sie wurden durch das Ministerium in Dresden zurecht gewiesen, und der Dekan Helmut Berve verlor sein Amt. Nur ein Jahr später wurde Heisenberg zum Gegenstand einer Hetzkampagne gegen die sogenannte jüdische Physik. In der NS-Presse wurde er als `weißer Jude und Einsteinjünger' beschimpft. Karl Friedrich Bonhoeffer, Schüler von Fritz Haber, solidarisierte sich mit ihm. Die ganze Richtung der `jüdisch-theoretischen Physik' sollte für immer ausgelöscht werden, was aber selbst den `deutschen Physikern' nicht gelang.

Für Leipzig als Wissenschaftszentrum hatten diese Vertreibungen, Verfolgungen und die Unterdrückung moderner Ideen in der Wissenschaft einschneidende Konsequenzen. Auch wenn es in Leipziger nur wenige Wissenschaftler gegeben hat, die ausdrücklich den Gedanken der neuen `arischen Wissenschaften' in Abgrenzung von der `jüdischen' Physik, Mathematik und Chemie vertraten, so war die Weltgeltung der Leipziger Heisenberg-Schule dahin. Heisenberg und seine Kollegen waren mehr oder weniger nur geduldet, seine besten Schüler weit in der Welt verstreut, die Aussichten auf ein sorgenfreies Forschen zunichte gemacht.


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Gerald Wiemers
Telefon: 0341 - 9904920
E-Mail:wiemers@uni-leipzig.de
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