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"Das Bild von der 'braunen Universität' greift zu kurz"

20.12.2003 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Studienband zur Universität Jena im Nationalsozialismus erschienen


Titel des neuen Bandes aus dem Böhlau-Verlag. Jena (19.12.03) "Braune Universität" - so lautet ein Klischee, wenn die Jenaer Universität in der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet wird. Das Bild beruht u. a. darauf, dass die Hochschule 1930 als erste deutsche Universität dem Zugriff eines NS-Ministers (Frick) unterlag, der hier mit der Berufung des "Rassepapstes" (Hans F. K. Günther) einen reichsweit hochschulpolitischen Präzedenzfall schuf. Daran konnten die seit Sommer 1932 amtierende NSDAP-Landesregierung und dann 1933 die reichsweit einsetzenden, im Falle Jenas von dem prominenten Physiker Abraham Esau als Rektor repräsentierten "Säuberungs"-, Integrations- und "Gleichschaltungs"-Prozesse anknüpfen.

Mit dieser Vorgeschichte wurde die Alma Mater Jenensis, die 1934 den Namen "Friedrich-Schiller-Universität Jena" erhielt, zum Aktionsfeld jener Hochschulpolitiker, die eine im Sinne des NS-Systems und seines "Neuordnungs"-Krieges leistungsfähige und "rassenpolitisch" ausgerichtete "Musteruniversität" anstrebten. Das von "Kriegs-Rektor" Karl Astel erstellte Konzept einer nationalsozialistischen "universitas vitae" korrespondierte mit Selbstmobilisierungsstrategien einer sich als "aktivistisch" verstehenden neuen Forscher- und Hochschullehrergeneration. Dem standen konkurrierende, bald zurückgedrängte Konzepte einer "politischen Universität" gegenüber. Alles in allem wurde die Universität Jena zu einer prominent "rassekundlich" ausgerichteten und neue Wissenschaftspotenziale entwickelnden Forschungs- und Ausbildungsstätte des "Dritten Reiches".

Ihre höchst widersprüchliche Geschichte jener Zeit ist in einem Studienband zusammengefasst, der heute (19.12.) während einer Pressekonferenz präsentiert worden ist. ",Kämpferische Wissenschaft'. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus" heißt der im Böhlau-Verlag erschienene fast 1.200 Seiten starke Band. Herausgegeben von Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth und Rüdiger Stutz sind nun 32 materialreiche Einzelstudien zur Jenaer Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte greifbar, die ein differenziertes Bild jener Zeit ermöglichen. "Mit dem vorliegenden Band wird erstmals in einer komplexen Gesamtperspektive, interdisziplinär und in Form tieflotender, archivgestützter und den neuesten Forschungsstand markierender Studien die Geschichte der Jenaer Universität in jener Zeit untersucht", fasst der Wissenschaftshistoriker Uwe Hoßfeld zusammen. Die Studien widmen sich nach einem Gesamtüberblick dem Lehrkörper, der Studentenschaft sowie ausgewählten Fakultäten, Fachdisziplinen, Strukturen und Wissenschaftlern. Besonders markante Fälle und Persönlichkeiten - wie etwa der international renommierte Reformpädagoge Petersen - werden in mehreren Studien aus unterschiedlichen bis kontroversen Forschungs- und Interpretationsperspektiven behandelt. Universitäts- und wissenschaftsgeschichtliche Vergleiche arbeiten spezifische Profile und Milieus der Jenaer Universität in der NS-Zeit, markante Ausbildungs- und Wissenschaftsbeiträge sowie exemplarische Konfliktfälle heraus. "Mit all dem erstrebt der Band methodische Pluralität und möglichst viele Vergleichs- und Außenperspektiven", so der Jenaer Geschichts-Student und Mitherausgeber Oliver Lemuth. "Das unterscheidet ihn", ist sich der Zeithistoriker Rüdiger Stutz sicher, "von bereits vorliegenden Bänden über Universitäten im Nationalsozialismus".

Die Studien des vorliegenden Bandes machen deutlich: Der Wissens- und Kompetenztransfer in Kernbereiche nationalsozialistischer Politik, Kriegsführung und Generalplanung "Ost" beschränkte sich nicht auf NS-Aktivisten der "kämpferischen Wissenschaft". Er erfasste auch den akademischen Forschungs- und Lehralltag. "Entgegen akademischen Selbstwahrnehmungen und Rechtfertigungsversuchen stellte sich das Verhältnis von NS-System und Hochschule bzw. Wissenschaft, von 'Macht und Geist' keineswegs als prinzipieller Gegensatz, sondern als spezifischer Wirkungszusammenhang dar", macht Jürgen John deutlich. Dieser basierte auf ausgeprägten persönlichen, wissenschaftlichen und berufsständischen Eigeninteressen und Selbstmobilisierungsstrategien des Lehrkörpers. "Die erinnerungskulturellen Spuren dieser 'vaterländischen Pflichterfüllung' der sich selbst als unpolitisch verstehenden Hochschullehrer verweisen bis in unsere Tage, was besonders in den abschließenden Studien des Bandes problematisiert wird", unterstreicht der Jenaer Geschichts-Professor John. Denn eine Mehrheit der Hochschulangehörigen hatte sich zwar gegenüber der NSDAP und ihren Gliederungen eher indifferent verhalten, sich jedoch aufgrund ihrer zeitgenössischen "Allianzen" mit anderen Machtträgern des Nationalsozialismus nach 1945 ebenfalls zu Umdeutungen und Umorientierungen veranlasst gesehen. "Auch aus diesem Grunde greift das Bild von der ,braunen Universität' zu kurz", stellt John klar.

Bibliographische Angaben:

"Kämpferische Wissenschaft". Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus
Herausgegeben von Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth, Rüdiger Stutz
Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2003
1168 Seiten und 51 Abbildungen auf 24 Tafelseiten. Gebunden. 154,- Euro
ISBN 3-412-04102-5
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