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Stadtteilplanung einmal anders: Jung und Alt bestimmen mit!

30.12.2003 - (idw) Universität Bremen

Bremer Dissertation über "Verteilungskonflikte im Straßenraum - Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen konkurrierender Interessengruppen"


Das Straßenmodell von der Bremer Psychologin Dr. Esther Bernds
Im Maßstab 1:25 werden auch Problembereiche wie "gelbe Säcke" nachgestellt. Zugeparkte Straßen, Berge von gelben Säcken, weit und breit kein Kinderspielplatz - so sieht die Realität in manchen Stadteilen bundesdeutscher Großstädte aus. "Bürgerfreundliche Stadtplanung" lautete das Zauberwort, dass hier Abhilfe schaffen sollte und oftmals bei schönen Versprechen blieb. Die Gestaltung des Straßenraumes in Wohnquartieren wird immer noch zu oft von "oben" bestimmt. Die verantwortlichen Stadt- und Verkehrsplaner berücksichtigen dabei zu wenig die Folgen, die ihre Maßnahmen in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht haben. Mit diesem Problem hat sich die Bremer Psychologin Esther Bernds in ihrer Dissertation "Verteilungskonflikte im Straßenraum - Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen konkurrierender Interessengruppen" beschäftigt und - eine Lösung gefunden. Mit dem von ihr entwickelten Straßenmodell können Wege aufgezeigt werden, wie die Gerechtigkeitsvorstellungen konkurrierender Interessensgruppen bei der Stadtentwicklung auf faire Art und Weise berücksichtigt werden können.

Die Dissertation basiert auf Forderungen, die aus dem Leitbild der ?Nachhaltigen Entwicklung? hervorgehen. Hier sind die Begriffe Gerechtigkeit und Fairness, aber auch Wörter wie Ökologie, Ökonomie und Soziales zentral. Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass gerechte Verteilungen von knappen Ressourcen durch faire Verfahren erreicht werden können. Gerechtigkeitsfragen spielen dann eine Rolle, wenn zu wenig von etwas da ist. Für die Untersuchung, die der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung zugeordnet wird, wurde als Anwendungsfeld der knappe Straßenraum in Bremer Straßen ausgewählt. Im Zentrum steht im empirischen Teil der Dissertation die Analyse von Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen unterschiedlicher Nutzungsgruppen (z.B. Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger) und verschiedener Akteursgruppen (z.B. Bürger, Stadt- und Verkehrsplaner aus Behörden und der Wirtschaft) im Straßenraum. An der explorativen qualitativ angelegten Studie nahmen insgesamt 45 Personen teil.

Um schon in der Untersuchungssituation faire Kommunikation zu ermöglichen hat Esther Bernds eine neuartige Untersuchungsmethode entwickelt. Dadurch wird schon von Beginn an nach den Verteilungsvorstellungen unterschiedlicher Interessengruppen im Straßenraum gefragt. Welche Nutzungsgruppe bekommt wie viel Straßenraum? In der Untersuchung wird geprüft, welche Gerechtigkeits- und Fairnessvorstellungen Bürgerinnen und Bürger aber auch Stadt- und Verkehrsplaner aus Behörden und der Wirtschaft haben. Die Ergebnisse wurden untereinander verglichen. Herausgearbeitet wurde z.B., wie in Konflikt- und Lösungsdarstellungen die Interessen von Privatpersonen, Kindern, Senioren, Autofahrern, Fahrradfahrern oder wirtschaftlichen Betrieben betrachtet werden, welche Prioritäten gesetzt werden und wer nicht berücksichtigt wird. Herausgestellt wurde auch, wer nach Ansicht der Befragten für Konflikte verantwortlich ist und wer demgegenüber für Lösungen von Konflikten sorgen soll.
Das Straßenmodell

Das Besondere an der Dissertation und ein zentrales Ergebnis dieser Arbeit ist die Entwicklung einer innovativen Untersuchungsmethode, die gleichzeitig als Instrument in Bürgerbeteiligungsverfahren eingesetzt werden kann. Nach dem Vorbild von Wohnstraßen in Bremen wurde ein gegenständliches Straßenmodell aus Holz gestaltet. Alle Elemente dieses Modells (Fassaden mit unterschiedlichen Häusertypen, Holzautos, Fahrräder, Menschen, Hunde, Blumen und Sträucher etc.), das im Maßstab 1:25 entwickelt wurde, können flexibel verschoben werden. Mit dem Modell kann eine gerechte Beteiligung verschiedener Gruppen optisch dargestellt werden. Faire Kommunikation beruht z.B. darauf, dass alle Beteiligten in einer Gruppe auf "ihre Weise" zu Wort kommen können: Frauen wie Männer, Alte wie Junge, Experten und Laien. Das Modell machte möglich, dass sie ihre Kritik und ihre konstruktiven Vorschläge "verbal" und "non verbal" zum Ausdruck bringen konnten. Dies reduziert die Barriere, die entsteht, weil einige lauter, besser ausgebildet oder sprachgewandter sind.

In Planungsprozessen fehlt zudem oftmals Transparenz über das, was geplant werden soll. Im Modell können Informationen eingefordert werden, die Kritik oder Lösungen verständlich machen. Diese Phase des Probehandels wurde nicht selten zur Überprüfung der Realisierbarkeit auch für diejenigen genutzt, die etwas vorgeschlagen haben. In verschiedenen Situationen wurden unrealisierbare oder unpraktische Lösungen auch gleich von denen, die sie vorgeschlagen hatten, zurückgenommen. Als "Planungsfehler" zeigte sich beispielsweise die Idee eine Sammelstelle für gelbe Säcke und Müll an einer Straßenecke. Dort sollten die Entsorgungsbetriebe es abholen. Die Beteiligten stellten sofort fest, dass diese Lösung ungerecht ist, weil es für niemanden zumutbar sei, an dieser durch Müll und Geruch belasteten Stelle dauerhaft zu wohnen. Sie plädierten dafür, dass die "Lasten" geteilt werden, in dem die Orte für solche Sammelstellen wechselten. Dieser Trend, Lasten zu teilen, zeigte sich auch, wenn es darum ging, die Belastungen, die durch Autos entstehen, zu teilen.

Als ein unerwartetes Ergebnis zeigt sich, dass alle Beteiligten sich sehr fürsorglich zeigten: Sie setzten sich insbesondere für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ein. In ihren Vorschlägern zur Gestaltung der Straße orientieren sich die erwachsenen Befragten an den Bedürfnissen der Kinder. "Man hatte den Eindruck, als würden die Befragten, indem sie sich für die Belange von Kindern einsetzten, auch ihr eigenes Bedürfnis, die Straße als Lebensraum zu nutzen, realisieren" vermutet Esther Bernds.

Das Modell ist ein Prototyp, der für die Konfliktmoderationsprozesse und Mediationsverfahren konzipiert wurde. Es wurde für die Ideengenerierung schon erfolgreich auf Stadtteil- und Straßenfesten eingesetzt. In Kürze wird das Modell auch für Bürgerbeteiligungsverfahren genutzt. "Wichtig erscheint mir," fasst die Bremer Wissenschaftlerin zusammen, "dass auch in anderen Prozessen, z.B. für die Konfliktbewältigung in Unternehmen, solche Prototypen mit gegenständlichen Modellen entwickelt werden, die auch hier eine faire Kommunikation befördern können. Denn sobald Unrecht im Modell "sichtbar" wird, wird im Dialog nach Lösungen gesucht."

Achtung Redaktionen: In der Pressestelle der Uni Bremen können Fotos vom Straßenmodell angefordert werden.

Weitere Informationen:

Dr. Esther Bernds
Tel.: (0421) 794 84 64 oder Handy 0160 83 47 97 9
E-Mail: bernds@unplugged-kommunikation.de
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