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Suche nach radioaktiven Spuren am Lago Maggiore

31.12.2003 - (idw) Fachhochschule Ravensburg-Weingarten

Ein Forscherteam der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten untersucht die Verteilung von radioaktiven Spurenelementen nach dem Tschernobyl-Unfall. Nach dem Bodensee und dem Jenissej haben die Professoren Dr. Eckehard Klemt und Dr. Gregor Zibold Proben aus dem Lago Maggiore genommen. Das Forschungsprojekt soll um zwei Jahre verlängert werden.


Strahlende Idylle: Hanna Paliachenka (von links), Professor Dr. Eckehard Klemt und Professor Dr. Gregor Zibold von der Fachhochschule haben am Lago Maggiore Proben genommen, um die Verteilung von Radioaktivität zu untersuchen. Steil ragen am Ufer die Berge empor, davor ein Meer aus tiefem Blau. Das Klima ist mild und noch warm für die Jahreszeit. Im Yacht-Hafen machen sich Professor Dr. Eckehard Klemt, Professor Dr. Gregor Zibold, Hanna Paliachenka, Victoria Putyrskaya und ein paar Schweizer Kollegen bereit. Doch statt Sonnenschirm, Kaffee und Kuchen laden sie Sedimentstecher, Filteranlage, Glaskolben und -zylinder in das Motorboot.

Sie sind nicht zum Vergnügen an den Lago Maggiore nach Italien gekommen, sondern aus wissenschaftlicher Neugier. Wegen seiner Klarheit und Sauberkeit ist der Lago Maggiore bei Urlaubern sehr beliebt. Und genau aus diesem Grund hat auch das Forscherteam von der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten diesen See genauer untersucht. Die Experten für Radio-Ökologie interessieren sich ganz besonders für einen bestimmten Stoff, das radioaktive Caesium 137. Durch Kernwaffentests seit den 50er- und 60er-Jahren und das Reaktor-Unglück von Tschernobyl 1986 wurde es in die Atmosphäre geblasen und findet sich jetzt in winzigsten Spuren überall, sogar auf dem Grund des Lago Maggiore in 372 Metern Tiefe.

An verschiedenen Stellen des Sees nehmen Klemt und sein Team Wasserproben, stechen Löcher in den Grund und entnehmen Sedimentproben. "Uns interessiert: was passiert mit den radioaktiven Stoffen, wo sammelt sich Radioaktivität und wo wird sie weggeschwemmt", erklärt Professor Klemt. "Tschernobyl ist schlimm, aber es ist auch ein einmaliges Experiment", so die kühle Analyse des Wissenschaftlers. Um zu lernen, wie sich die Radioaktivität in der Natur verteilt und wie langsam oder schnell sie abgebaut wird, untersuchen Klemt und seine Kollegen von der Fachhochschule in Weingarten schon seit Jahren Wälder, Böden, Pflanzen, Wild und Gewässer. Nicht nur in Oberschwaben sind sie aktiv, auch den Bodensee, den Lugano See und den Jenissej in Sibirien haben sie schon unter die Lupe genommen.

Die eigentliche Arbeit beginnt Tage später, wenn die Proben heil im Weingartener Labor angekommen sind. Hinter dicken Bleiziegeln verbergen sich teure Mess-Instrumente, die den radioaktiven Zerfall genau festhalten können. "Keine Angst, das Blei ist dazu da, unsere Proben vor der natürlichen Strahlung der Atmosphäre zu schützen", sagt Klemt. So könne man verhindern, dass die Mess-Ergebnisse verfälscht werden. Weil es sich nur um sehr kleine Spuren von radioaktiven Elementen handelt, dauert die Messung relativ lange, bis zu vier Tage. Die Auswertung nimmt sogar Monate in Anspruch, da die Bodenproben Schicht für Schicht untersucht werden.

Klemt zeigt ein Diagramm mit Messwerten vom Bodensee. Deutlich sieht man große Ausschläge von den Atomtests in den 50er-Jahren und dem Reaktor-Unfall von 1986. "Nach Tschernobyl ist eine Menge von etwa 2,5 Gramm Caesium 137 auf dem Bodensee niedergegangen. Das entspricht einem Stück Würfelzucker," hat Klemt ausgerechnet. Das scheint wenig, reicht aber aus, um es mit den feinen Mess-Instrumenten aufzuspüren. Doch Klemt und sein Team wollen mehr als nur Radio-Aktivität nachweisen. Ziel sei es, mathematische Modelle zu entwickeln, anhand derer sich Vorhersagen über das Verhalten radioaktiver Stoffe in der Umwelt treffen lassen. Weitere Untersuchungen am Lago Maggiore und am Jenissej sollen folgen. Anfang Dezember hat das Labor Spiez, wichtigster Geldgeber für das Projekt, einer Verlängerung der Verträge mit der Fachhochschule um zwei Jahre zugestimmt.

Ein Glücksfall, denn in einer Zeit, in der der Atomausstieg auf der politischen Agenda steht, nimmt das öffentliche Interesse an der Erforschung der Auswirkungen von Radioaktivität auf die Umwelt ab, fürchtet Klemt. "Die Radio-Ökologen sind bei uns fast am Aussterben." So kommt es denn auch, dass in seinem Team hauptsächlich osteuropäische und russische Nachwuchsforscher arbeiten. Eine von ihnen, Yana Spasova, hat gerade in Varna (Bulgarien) ihre Doktorprüfung bestanden. Ihre Doktorarbeit hat sie über die Ergebnisse der Jenissej-Untersuchung geschrieben.

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