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DFG fördert mit 240.000 Euro sprachwissenschaftliches Projekt an der Universität Greifswald

04.04.2014 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung eines soziolinguistisches Gemeinschaftsprojekt Greifswalder Fennisten und Baltisten zugesagt. Unter dem Titel Der soziale Status von Sprachen in Finnland und Litauen: Eine vergleichende Fallstudie zur Rolle verschiedener Erhebungsmethoden wollen sie sprachpolitische Spannungsfelder unter die Lupe nehmen. Ziel ist, zu ermitteln, welchen sozialen Status Sprechergruppen in Finnland und Litauen den jeweils relevanten Verkehrssprachen (Finnisch, Schwedisch bzw. Litauisch, Polnisch, Russisch) beimessen. Das Projekt wird geleitet von den Professoren Marko Pantermöller (Fennistik) und Stephan Kessler (Baltistik). Das Forschungsprojekt soll in Kooperationen mit den Universitäten Vaasa, Joensuu, Helsinki und Vilnius sowie mit dem Europaparlament umgesetzt werden. Die DFG stellt für das Vorhaben 240.000 Euro für zwei Jahre bereit.

Wenn in der Öffentlichkeit über staatliche Mehrsprachigkeit oder den Schutz und die Rechte sprachlicher Minderheiten diskutiert wird, so richtet sich der Blick häufig nach Finnland. Die dortige demokratische Sprachgesetzgebung, auf die die staatliche Zweisprachigkeit fußt, wird gern zum Vergleich herangezogen und oft als vorbildhaft dargestellt. Die Ergebnisse aktueller Umfragen bestätigen auch dieses Bild der generellen gegenseitigen Toleranz der beiden Sprachgruppen, Finnisch und Schwedisch.
In Finnland selbst ist es indes unbestritten, dass die per Grundgesetz garantierte Gleichberechtigung finnisch- und schwedischsprachiger Sprecher in der Praxis nicht immer gegeben ist. Zweisprachigkeit wird dort wieder zunehmend kontrovers diskutiert. Bei den Parlamentswahlen 2011 konnte die populistische Partei der Perussuomalaiset (Wahre Finnen) aufgrund eines ihrer Hauptziele, der Abschaffung des Pflichtschulfachs Schwedisch, einen gewaltigen und bis heute relativ stabilen Stimmenzuwachs verzeichnen. Wie ist es vor diesem Hintergrund zu erklären, dass selbst neuere, umfangreiche empirische Erhebungen zur sprachlichen Situation keinen Hinweis auf diese sprachpolitische Gemengelage geben? Was bilden die bisherigen Umfragen eigentlich ab? Und wie könnte die Validität entsprechender neuer Untersuchungen gesteigert werden?, umreißt Professor Dr. Marko Pantermöller die Kernfragen, die am Anfang der Projektplanung standen.

Die Situation in Litauen ist mit der in Finnland insofern vergleichbar, als die Verwendung oder Nicht-Verwendung der Staatssprache Litauisch extrem politisch aufgeladen ist. Die korrekte Verwendung von Litauisch gilt als Garant nationaler Einheit; Litauisch zu sprechen sei so die offizielle Version ein für alle erstrebenswertes Ziel. Und doch konstatieren die staatlichen Institutionen, die vom litauischen Ge-setzgeber mit der Sprachpflege beauftragt sind, bisher immerzu funktionale und qualitative Mängel, die es beim Gebrauch des Litauischen geben soll. Sie planen ihre Staatssprache systematisch, fordern strengere Maßnahmen und setzen diese auch um. Auch hier kann man in der Realität einen Konfliktbereich erkennen. Dieser verläuft zwischen dem sprachlichen Freiheitswillen der Bürger und den staatlichen, meist akademisch dominierten Institutionen. Deren Feindbild sind die landeseigenen russischen und polnischen Muttersprachler, die das Litauische allein deshalb schon bedrohten, weil sie Barbarismen, so die Terminologie der litauischen Forschung, ins Litauische einbrächten von anderen Interferenzen ganz zu schweigen, beschreibt Professor Dr. Stephan Kessler die sozialen Konfliktlinien in Litauen.

Die Greifswalder Sprachwissenschaftler werden bei ihren Untersuchungen ein neuartiges Methodendesign einsetzen. Die bisherigen Arbeiten zum Problemkreis vermochten kaum, das Spannungspotenzial abzubilden, das aus dem Gebrauch verschiedener Sprachen in der gesellschaftlichen Realität entsteht.
Dessen mitunter überraschende Auswirkungen stellen politische Entscheidungsträger in Finnland und Litauen vor schwierige Aufgaben. Gemeinsam ist beiden Ländern ein hohes Sprachbewusstsein der Bevölkerung, das ein Gespür für sprachpolitisch korrektes Verhalten einschließt. Herauszufinden, wie stark sich diese sprachreflexive Korrektheit verzerrend auf verschiedene Erhebungsmethoden auswirkt, ist ein Kernziel des Projekts.
Ausgangspunkt des methodenpluralistischen Ansatzes ist ein indirektes Verfahren, das den Probandenden Untersuchungsgegenstand zunächst vorenthält und so die Aktivierung sprachpolitischen Wissens vermeidet. Die Greifswalder Wissenschaftler wollen jedoch nicht nur einen Beitrag zur soziolinguisti-schen Grundlagenforschung hinsichtlich multilingualer Gesellschaften leisten. Sie sehen die hohe sprachpolitische Relevanz ihres Vorhabens. Die jeweilige gesellschaftliche Einschätzung der Wirkungen von sprach(en)politischen Maßnahmen, die sowohl in Litauen als auch Finnland eine vergleichbare Intensität haben, ist ganz unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund ist es günstig, dass das Projekt räumlich-institutionell außerhalb der untersuchten Spannungsfelder angesiedelt ist. Dies ist eine gute Voraussetzung für eine konstruktive Diskussion der Untersuchungsergebnisse in den Zielländern.

Weitere Informationen
Institut für Fennistik und Skandinavistik http://www.phil.uni-greifswald.de/index.php?id=17311
Facebookseite des Bereiches Fennistik http://www.facebook.com/fennistik
Institut für Baltistik http://www.baltistik.uni-greifswald.de/

Integrierter Master Sprachliche Vielfalt http://www.uni-greifswald.de/lady

Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Marko Pantermöller
Institut für Fennistik und Skandinavistik
Lehrstuhl für Fennistik
Hans-Fallada-Straße 20
17489 Greifswald
Telefon 03834 86-3600
panter@uni-greifswald.de

Prof. Dr. Stephan Kessler
Institut für Baltistik
Domstraße 9/10
17489 Greifswald
Telefon 03834 86-3200
stephan.kessler@uni-greifswald.de
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