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Kulturwissenschaftler untersucht die Wirkung des 11. September in den europäischen Medien

10.04.2014 - (idw) Universität des Saarlandes

Die Anschläge des 11. September 2001 sind eine Zäsur in der Zeitgeschichte, deren politische Auswirkungen bis heute allgegenwärtig sind. Die Attentate haben ihre Spuren nicht nur in der journalistischen Berichterstattung, sondern auch in Film, Literatur und Comic hinterlassen. Wie werden US-amerikanische Werke über den die Attentate, die die Vereinigten Staaten in ein kollektives Trauma gestürzt haben, in Europa aufgenommen? Der Saarbrücker Kulturwissenschaftler Thomas Schmidtgall hat in seiner Doktorarbeit neben US-amerikanischen Beispielen aus Film, Literatur und Comic auch deren Kritik in knapp 350 Artikeln aus spanischen, französischen und deutschen Zeitungen ausgewertet. Es sind zeithistorische Bilder mit bis dahin ungekannter medialer Wirkungsmacht: Die Aufnahmen der Flugzeuge, die in die Hochhäuser fliegen, sowie die einstürzenden Türme des World Trade Center haben sich tief ins Gedächtnis der Welt gegraben. Der zeitgleiche Anschlag aufs Pentagon sowie der vierte Flug, der bei Pittsburgh abstürzte, verblassen in ihrer medialen Wahrnehmung gegen diese Bilder.

In der Folgezeit griffen nicht nur Journalisten, sondern auch Filmemacher, Schriftsteller und Comicautoren die Anschläge als Thema auf. Vier große fiktionale Werke über den 11. September und knapp 350 Kritiken über diese in europäischen Zeitungen hat Thomas Schmidtgall in seiner Doktorarbeit untersucht: Die Filme United 93 von Paul Greengrass und World Trade Center von Oliver Stone, Jonathan Safran Foers Buch Extremely Loud & Incredibly close sowie die Comic-Serie In the Shadow of No Towers von Art Spiegelman. In spanischen, französischen und deutschen Medien wurden diese Werke teils ganz anders aufgefasst als in den USA.
Doch worin unterscheidet sich die europäische Kritik von der US-amerikanischen und wie unterscheiden sich die Besprechungen in europäischen Medien untereinander? Diesen Fragen ist Thomas Schmidtgall in seiner Doktorarbeit nachgegangen. Sein zentrales Ergebnis: Der 11. September wurde im gesamten westlichen Kulturkreis zwar sehr ähnlich, als Trauma, als Schock wahrgenommen. Er war in diesem Sinne ein transnationales Ereignis. Dennoch gibt es bei genauerem Hinsehen deutliche Unterschiede zwischen Amerika und Europa einerseits sowie innerhalb Europas andererseits, erklärt er.
Demnach sind sehr schnell nach den Attentaten in Europa die Fragen nach den Hintergründen und den Ursachen der Anschläge aufgekommen, wohingegen sich solche Fragen in Amerika noch lange verboten, da der emotionale Schock über die Verwundbarkeit auf eigenem Boden zu groß war.
Innerhalb Europas stellte der Kulturwissenschaftler fest, dass die Kritiker umso heftiger auf die Werke eingehen und sie kritisieren, desto deutlicher die US-amerikanische Perspektive in den Darstellungen der Ereignisse in Comic, Buch und Filmen spürbar waren. Ein emotionaler, patriotischer Film wie World Trade Center, der in Amerika äußerst positive Kritiken bekommen hat, hatte es in Europa deutlich schwerer. So taten sich deutsche Kritiker mit dem Film schwer. Sie können zwar aus ihrer deutschen Perspektive den amerikanischen Patriotismus nicht nachvollziehen. Sie versetzen sich aber aufgrund eines ausgeprägten kulturellen Wissens über die USA in die Lage der Amerikaner hinein und können aus dieser Perspektive die Reaktion verstehen, erklärt Thomas Schmidtgall. Französische Kritiker hingegen gehen umgekehrt an die Sache heran: Sie verstehen den Patriotismus zwar, lehnen ihn in dieser emotionalen, amerikanischen Form aber ebenso ab. Und die spanischen Kritiker haben fast überhaupt kein Verständnis für den Film. Sie lehnen die Mystifizierung heftig ab und haben völliges Unverständnis für diese Art der Umsetzung des 11. September, sagt Schmidtgall.
Er erklärt die unterschiedlichen Auffassungen in den drei Ländern, die er unter anderem wegen ihrer eigenen Terror- und Gewalterfahrungen (RAF, ETA, Algerienkrieg) ausgewählt hat, mit dem unterschiedlichen Grad der Beziehungen zu den USA. Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg die größte kulturelle Nähe zu den Vereinigten Staaten. Der Marshallplan war Grundlage des deutschen Wiederaufbaus in den 50er Jahren, die Musik- und Filmindustrie Amerikas ist allgegenwärtig. Frankreich steht kulturell und historisch gesehen in einer Art Konkurrenzverhältnis zu den USA, was den Anspruch der Universalität der Werte betrifft. Zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten gibt es letztlich einen deutlich geringeren kulturellen Austausch, so dass die Spanier auch weniger Verständnis für die amerikanische Mentalität aufbringen.
Das äußert sich auch in der Art und der Dauer der Berichterstattung in den einzelnen Ländern über den 11. September. Thomas Schmidtgall hat auch die Fernsehprogramme rund um den Jahrestag der Anschläge in den Jahren 2002 bis 2006 untersucht. In Deutschland liefen in den Wochen um den 11. September mehr und längere Sendungen als in Frankreich, das wiederum deutlich vor Spanien liegt. Diese Nicht-Beschäftigung mit dem Thema bildet sich später auch in der Rezeption von Film, Buch und Comic ab, resümiert der Kulturwissenschaftler.


Thomas Schmidtgall: Traumatische Erfahrung im Mediengedächtnis. Zur Struktur und interkulturellen Rezeption fiktionaler Darstellungen des 11. September 2001 in Deutschland, Frankreich und Spanien, Königshausen & Neumann (2014), ISBN 978-3-8260-5411-2

Kontakt:
Thomas Schmidtgall
Tel.: (0681) 3024431
E-Mail: t.schmidtgall@mx.uni-saarland.de
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