Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 12. Dezember 2017 

Prof. Ngg wa Thiongo mit Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth ausgezeichnet

07.05.2014 - (idw) Universität Bayreuth

Einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart, der kenianische Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Kritiker Prof. Ngg wa Thiongo, ist am 5. Mai 2014 während eines öffentlichen Festakts mit der Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth ausgezeichnet worden. Die Bayreuth International Graduate School of African Studies (BIGSAS) hatte ihn für diese Ehrung vorgeschlagen. Ngg wa Thiongo, der seit vielen Jahren als Distinguished Professor of English and Comparative Literature an der University of California, Irvine (UCI) lehrt, wurde wie es in der Ehrenpromotionsurkunde heißt für seine herausragenden Verdienste um die Profilierung der afrikanischen Literaturen, insbesondere der Literaturen in afrikanischen Sprachen gewürdigt.

In seiner Grußansprache zur Eröffnung des Festakts stellte der Präsident der Universität Bayreuth, Prof. Dr. Stefan Leible, die Auszeichnung für Prof. Ngg wa Thiongo in den Zusammenhang der Afrikastudien an der Universität Bayreuth: einen Kontext von exzellenter Forschung, gelebter Interdisziplinarität und intensivem Netzwerken und Austausch rund um den afrikanischen Kontinent. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Bayreuth, Brigitte Merk-Erbe, betonte in ihrem Grußwort das Engagement des weltbekannten Schriftstellers für die Vielfalt von Kulturen und die Lebendigkeit des Miteinanders und hob die große Bedeutung hervor, die der Afrikaschwerpunkt der Universität für die Stadt Bayreuth habe.

Der Vorsitzende der BIGSAS, Prof. Dr. Dymitr Ibriszimow, überreichte Prof. Ngg wa Thiongo die Ehrenpromotionsurkunde. Er erinnerte daran, dass die Universität Bayreuth die erste Universität in Deutschland sei, die dem international hochgeschätzten Autor die Ehrendoktorwürde verleihe. Zudem werde erstmals eine Ehrenpromotion an der Universität Bayreuth nicht durch eine einzelne Fakultät, sondern durch die in allen Fakultäten verankerte Graduiertenschule für Afrikastudien vergeben. Respekt, Freude und Glückwünsche der gesamten Universität Bayreuth und der afrikanischen Partneruniversitäten im Netzwerk der BIGSAS würden den Geehrten begleiten.

Die Rede, mit der Prof. Ngg wa Thiongo die Ehrendoktorwürde annahm, war ein leidenschaftliches, das Publikum tief beeindruckendes Plädoyer für eine Welt der Vielfalt von Sprachen und Kulturen. Trotz oder gerade infolge der Globalisierung sei die Auffassung weit verbreitet, es gebe zwischen Kulturen, Sprachen, gesellschaftlichen und ethnischen Gruppen hierarchische Beziehungen. Doch diese Vorstellung sei verfehlt. Jede Sprache, jede Kultur stehe wie jeder einzelne Mensch in Beziehungen, die durch ein gleichgewichtiges wechselseitiges Geben und Nehmen geprägt seien. Genau diese Brückenfunktion sei der Grund für ihre Lebendigkeit. Der mehrfach für den Nobelpreis nominierte Autor wandte sich deshalb mit Nachdruck gegen die absolute Dominanz europäischer Sprachen im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben Afrikas. In der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus sei die Verwendung dieser Sprachen durch die afrikanische Mittelklasse strategisch sinnvoll gewesen. Seit der politischen Unabhängigkeit habe sich jedoch die fortgesetzte Übernahme europäischer Sprachen, verbunden mit einer aggressiven Zurückweisung afrikanischer Sprachen, zu einem sprachlichen Gefängnis entwickelt, das die Entfaltung intellektueller und kultureller Ressourcen in Afrika behindere.

Mit dieser Kritik knüpfte Ngg wa Thiongo an seine programmatische Streitschrift Decolonising the mind an. Vor genau 30 Jahren, im Mai 1984, hatte er diesen weltweit einflussreichen Text zu schreiben begonnen während einer zweimonatigen Gastprofessur an der Universität Bayreuth, die insofern zu einem Wendepunkt in seinem Leben wurde. Auch die räumliche Nähe zum Festspielhaus Richard Wagners habe dabei sein Denken beeinflusst. Wenn die Welt von wenigen Sprachen dominiert würde, dann sei das so, als würde man das Orchester einer Oper Richard Wagners auf wenige Blechinstrumente reduzieren. In seiner Rede ließ der Bayreuther Ehrendoktor mehrfach anklingen, welche bedeutende Rolle die Musik, insbesondere die Begegnung mit der musikalischen Tradition Deutschlands, in seinem Leben spielt. In Kenia habe er den Ritt der Walküren in die Aufführung seines Theaterstücks Maitu Njugira/Mutter singe für mich integrieren wollen, das von den kenianischen Behörden verboten wurde. Und in Kalifornien erzähle ihm sein Taxifahrer immer wieder begeistert von der Musik Johann Sebastian Bachs und der Thomaskirche in Leipzig. Der Tod jeder Kultur, jeder Sprache so betonte der kenianische Autor lasse das globale Menschheitsorchester schrumpfen. Wenn die von der Universität Bayreuth verliehene Ehrendoktorwürde ihm dabei helfe, die Welt an den fortdauernden Kampf für sprachliche Vielfalt zu erinnern, dann nehme er sie dankbar an.

Die Vielfalt der Sprachen, die das Werk Ngg wa Thiongos und seine weltweite Rezeption heute prägt, spiegelte sich auch in den Lesungen aus seinem Werk. Der Literaturwissenschaftler und BIGSAS-Absolvent Samuel Ndogo aus Eldoret/Kenia, der Übersetzer Dr. Thomas Brückner aus München, die Wissenschaftlerin und Übersetzerin Dr. Wangi wa Goro aus Großbritannien, die BIGSAS-Doktorandin und Journalistin Nadja Ofuatey-Alazard aus München sowie der Literaturwissenschaftler und BIGSAS-Absolvent Ndi Gilbert Shang aus Kenia trugen Texte in drei Sprachen vor: in Kikuyu, der kenianischen Muttersprache des Autors, in der sie ursprünglich verfasst wurden, sowie in englischen und deutschen Übersetzungen. Aly Keita aus Mali am Balafon und Peter Cervenec aus Bayreuth am E-Piano begeisterten das Publikum mit ihren musikalischen Einlagen.

Die Laudatio auf den weltbekannten Schriftsteller hielt die renommierte Literaturwissenschaftlerin Anne V. Adams, Professorin Emerita an der Cornell University in New York. Sie knüpfte dabei an den von Goethe entwickelten Begriff der Weltliteratur an, den Ngg wa Thiongo in seinem Essay Globaletics: Theory and the Politics of Knowing aufgegriffen hat wobei er unter die Globalektik die Befreiung der Literatur aus der Zwangsjacke des Nationalismus versteht. In ihrem Rückblick auf das Lebenswerk des Geehrten machte sie deutlich, wie es Ngg wa Thiongo gelungen ist, den Begriff der Weltliteratur aus den zeitbedingten Beschränkungen des 19. Jahrhunderts zu lösen und auf eine moderne Vision postkolonialer Literatur im 21. Jahrhundert zu übertragen.


Homepage der BIGSAS:
http://www.bigsas.uni-bayreuth.de
uniprotokolle > Nachrichten > Prof. Ngg wa Thiongo mit Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth ausgezeichnet
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/277563/">Prof. Ngg wa Thiongo mit Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth ausgezeichnet </a>