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TU Berlin: Die Gebrüder Humboldt in Paris

08.05.2014 - (idw) Technische Universität Berlin

TU-Wissenschaftler Bénédicte Savoy und David Blankenstein kuratieren eine große Ausstellung, die erstmals beiden Universalgelehrten gewidmet ist Eine Ausstellung in Paris über die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt hätte um 1850 oder 1900 nicht für Verwunderung gesorgt. Heute tut sie es schon. Obwohl sich in den Pariser Archiven unzählige Zeugnisse ihres Wirkens finden, die Erinnerung an sie dort also präsent ist, und Alexander von Humboldt über 20 Jahre in Paris lebte, sind die beiden Forscher, jenseits der gelehrten Zirkel, aus dem kollektiven Gedächtnis der Franzosen verschwunden. Die Brüder sind der großen Öffentlichkeit in Frankreich unbekannt, sagt Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin.

Insofern will die Ausstellung Les frères Humboldt. LEurope de lesprit, die am 15. Mai 2014 im Observatoire de Paris eröffnet wird, diese bedeutsame Facette deutsch-französischer Geistesgeschichte aus den Archiven wieder ans Licht holen. Kuratiert wird die Ausstellung von den beiden Kunstwissenschaftlern der TU Berlin Bénédicte Savoy und David Blankenstein. Bénédicte Savoy forscht seit Jahren zum transnationalen Kulturaustausch in Europa um 1800; David Blankenstein promoviert über Alexander von Humboldt als transnationaler Vermittler von Kunst und Förderer junger Künstler.

Der Titel der Ausstellung sagt viel über das Anliegen der Exposition: Hier werden zwei geniale Gelehrte ins Blickfeld gerückt, für die grenzüberschreitendes, transnationales Arbeiten, Denken und Leben nicht ein sich anzueignendes politisches Programm war, sondern ihre natürliche Lebens- und Geisteshaltung. Sich mit ihren Kollegen auszutauschen über Wissenschaft, Politik, Kunst, aber auch über ganz Persönliches, wo immer sie sich gerade aufhielten oder lebten ob in Paris, London, Wien, Madrid, St. Petersburg oder Caracas , war für beide selbstverständlich. Von daher stehen sie beispielhaft für eine zusammen gedachte und empfundene deutsch-französische, für eine europäische Geschichte mit Wirkung weit über Europa hinaus, sagt Savoy, und insofern sind sie uns heute weit voraus, die wir uns ständig unserer gemeinsamen europäischen Wurzeln vergewissern müssen. Sie dachten nicht Europa. Sie lebten es.

Die Modernität der von Humboldts zeigt sich den Kuratoren besonders in den wissenschaftlichen Arbeiten. Die Vernetzung der Wissenschaften und interdisziplinäres Arbeiten waren für den Naturforscher Alexander von Humboldt (17691859) und den Sprachforscher Wilhelm von Humboldt (17671835) essenziell. Trotz ihrer verschiedenen Forschungsdisziplinen haben sie sie immer wieder in Beziehung gesetzt. Alexander zum Beispiel brachte seinem Bruder Wilhelm aus Südamerika Materialien über die Sprachen der Azteken und anderer Völker für dessen linguistische Forschungen mit. Wilhelm wiederum gab, beruhend auf seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten, seinem jüngeren Bruder Anregungen zu anthropologischen Studien, sagt David Blankenstein.

Die Vielzahl der Objekte, die Savoy und Blankenstein fanden, war überra-schend und manches in Paris unbekannt. Das Manuskript von Alexander von Humboldts wichtigstem Werk Kosmos befindet sich in Frankreichs Nationalbibliothek. Aber auch Nationalarchiv, Naturkundemuseum, Louvre oder die Archive des französischen Außenministeriums alle bewahren sie ergreifende und wunderschöne Zeugnisse der engen Beziehungen der Humboldts zu den Institutionen und Persönlichkeiten der Stadt auf, erzählt David Blankenstein. In fünf Sektionen Revolution und Regeneration, Geteiltes Wissen, Der Horizont im anderen, Bildung und Partizipation und Aktualität der Antike macht die Schau anhand von mehr als hundert Objekten die reale und intellektuelle Präsenz der Brüder in Paris sichtbar.

Die Ausstellung ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil sie die erste ist in der Geschichte der Humboldt-Ausstellungen, die sich bewusst beiden Brüdern widmet sowohl hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Lebenswege, als auch hinsichtlich ihrer brüderlichen Bezogenheit aufeinander. Zum anderen, weil sie durchaus auch als Gegenentwurf betrachtet werden kann zu der bei Humboldt-Foren und Humboldt-Boxen zu beobachtenden Tendenz, den Namen der Humboldt-Brüder vor allem lediglich als ein Label zu nutzen. Den Machern der Schau geht es um das intellektuelle Erbe der beiden, das für sie das Potenzial hat, sich mit ihnen noch heute auf anregende und intensive Weise auseinanderzusetzen und das, ohne das gesamte moderne Arsenal interaktiver audiovisueller Medien in Stellung zu bringen wie die in Expositionen omnipräsenten Touchscreens. Sie vertraut, und das ist vielleicht die dritte Besonderheit der Schau, ganz der Faszination des Originals den selbst gebauten wissenschaftlichen Instrumenten, den aus Amerika mitgebrachten naturhistorischen und ethnografischen Fundstücken, Handschriften in vielen Sprachen der Welt, Zeichnungen, bewegenden Briefen und privaten Gebrauchsgegenständen. So werden unter anderem auch der nach dem Tode Alexander von Humboldts nach Paris gelangte Schreibtisch und sein Brille zu sehen sein. Und da Alexander von Humboldt seine wohl schönsten Nächte, wie Savoy es formuliert, im Observatoire de Paris verbracht hat, voller Wissbegierde den Pariser Sternenhimmel erforschend, findet die Ausstellung genau an die-sem Ort statt.

Zeit: 15. Mai 2014 bis 11. Juli 2014
Ort: Observatoire de Paris, Eingang: 61 avenue de lObservatoire, Paris
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 12.00 bis 18.00 Uhr. Am 2. und 3. Juni 2014 bleibt die Ausstellung geschlossen.

http://www.univ-psl.fr/default/EN/all/savoirs_en/humboldt_exhibition.htm


Träger der Ausstellung
Paris Sciences et Lettres Research University (PSL), vertreten durch ihre Präsidentin Prof. Dr. Monique Canto-Sperber, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michel Espagne und dem Labex Transfers

Präsident des wissenschaftlichen Beirats
Prof. Dr. Marc Fumaroli, de l'Académie française

Fotomaterial zum Download
www.tu-berlin.de/?id=147636

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr. Bénédicte Savoy und David Blankenstein, TU Berlin, Fachgebiet Kunstgeschichte, E-Mail: benedicte.savoy@tu-berlin.de; dblankenstein@gmail.com
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