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Breitenkultur in Niedersachsen: Studie zur kulturellen Vielfalt auf dem Lande

13.05.2014 - (idw) Stiftung Universität Hildesheim

Schützenvereine, Theater und Posaunenchöre Forscher des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim haben untersucht, wie vielfältig die kulturellen Ausdrucksformen im ländlichen Raum in Niedersachsen ausfallen. Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljaji hat das Weißbuch Breitenkultur heute in Hannover vorgestellt. Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen von Amateurtheater wurden in einer Sonderauswertung erfasst. Dabei wird deutlich: 76 % der Amateurtheater erhalten keine Förderung. Die Forscher um Professor Wolfgang Schneider schlagen vor, die Kinder- und Jugendarbeit gemeinsam aufzubauen oder Synergieeffekte bei der technischen Ausstattung zu erzeugen. Wer etwas über Breitenkultur erfahren möchte, landet zunächst in Freepsum, einem der 19 Dörfer der ostfriesischen Gemeinde Krummhörn. 381 Menschen leben hier, der überwiegende Teil arbeitet im rund zehn Kilometer entfernten Emden, die meisten im Schichtdienst bei einem großen Autobauer. Das durchschnittliche Alter steigt, junge Menschen wandern ab. Neben der Freiwilligen Feuerwehr und einem Sportverein entdeckt man im Dorf einen Posaunenchor sowie den Männerchor Freepsumer Meersänger. Mit einer Episode zu Freepsum beginnt das 200 Seiten starke Weißbuch zur Breitenkultur in Niedersachsen. Ein Blick durchs Schlüsselloch, in die Dörfer: Was passiert da eigentlich? Von Diepholz über Quakenbrück bis Hoogstede. Von Lastrup bis Pattensen.

Schützenvereine und Heimatmuseen, Amateurtheater und Posaunenchöre im Norden ist die Breite zu entdecken. Forscher des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim haben untersucht, wie vielfältig die kulturellen Ausdrucksformen im ländlichen Raum in Niedersachsen ausfallen. Dabei haben sie Vereine und Verbände befragt, kirchliche Gemeindehäuser und kommunale Kulturzentren besucht.

Die wohlwollende und zugleich kritische Untersuchung (Weißbuch Breitenkultur. Kulturpolitische Kartografie eines gesellschaftlichen Phänomens am Beispiel des Landes Niedersachsen) wurde am heutigen Dienstag durch die niedersächsische Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljaji in Hannover vorgestellt. Niedersachsen habe als Flächenland ein besonderes Interesse daran, allen Bevölkerungsschichten Zugang zu Kultur und damit kulturelle Bildung zu ermöglichen, ohne Breitenkultur sei dies nicht zu erreichen, so Heinen-Kljaji. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur hat das Forschungsprojekt gefördert. In 22 Beiträgen befassen sich die Autoren mit kulturpolitischen Fragen (Regionale Kulturförderung, Empirische Erkenntnisse zur Kulturpolitik in Niedersachsen, Kulturentwicklungsplanung) und suchen Orte auf (Brelinger Mitte. Ein Dorf kauft ein Haus, Lichtspiele für Gronau. Grenzen des Ehrenamts, Soziales trifft Kulturelles. Bürgerradio Tonkuhle, Wir wollen nicht unter uns bleiben. Ein Kulturzentrum auf dem Weg zur Internationalität).

Gemeinschaften bilden sich und finden gemeinsam zu kulturellen Ausdrucksformen, sie können den Zugang zu Kultur für sozial benachteiligte Randgruppen sichern und sind in der Regel für alle Bevölkerungsgruppen offen, unabhängig von Herkunft, Bildungsstand und Einkommen. Unsere Untersuchung macht deutlich, dass Kulturpolitik neu gedacht werden muss, sagt Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider. Dabei vermisst der Professor der Universität Hildesheim allerdings zweierlei: Die gesellschaftspolitische Wahrnehmung ländlicher Kulturarbeit und infrastrukturelle Maßnahmen, um kultureller Verarmung durch den demografischen Wandel entgegenzuwirken. Mit Blick auf das Kulturentwicklungskonzept Niedersachsen, das derzeit in Arbeit ist, sagt Schneider: Kulturelle Vielfalt gilt es insbesondere in einem Flächenland in den kleinen Kommunen zu sichern.

Im Weißbuch Breitenkultur stellen Thomas Renz und Doreen Götzky eine Studie zu Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen von Amateurtheater in Niedersachsen [LINK unten] vor. Etwa 1.000 Datensätze, Mails und Briefe wurden herangezogen und verschickt, insgesamt 387 Antworten liegen vor (Rücklauf 40 %). Dabei wird deutlich: Theater wird in Pflegeeinrichtungen, in Hochschulen, in Kirchen, in freiwilligen Feuerwehren, in Sportvereinen oder in Volkshochschulen gespielt. Die Theatergruppen können zum Teil auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken, sie haben in der Regel keine großen finanziellen Spielräume. 83 % der Theatergruppen haben bis zu 25 Mitspieler, alle werden durch viele Helfer unterstützt. 50 % der Amateurtheater sind in Gemeinden mit bis zu 5.000 Einwohnern daheim, etwa die Hälfte probt zweimal oder mehrmals pro Woche, 72 % inszenieren einmal im Jahr (bis zu 10 Aufführungen). 78 % der Stücke sind Komödien, Schwänke und Lustspiele, 29 % der Stücke werden in Plattdeutscher Sprache aufgeführt. 76 % der Amateurtheater erhalten keine Förderung, 49 % sind den Förderern unbekannt. Wenn eine Förderung erfolgt, dann meist durch die Kommune (45 %). Das ist das erste Mal in meinen 25 Jahren im Vorstand unseres Theaters, dass, abgesehen von unserem Publikum, sich jemand für unsere Arbeit interessiert, sagt ein Theaterspieler den Forschern der Universität Hildesheim.

Junge Menschen für Theaterarbeit zu aktivieren, scheint bisher überwiegend eher in den Städten als in ländlichen Räumen zu funktionieren. Die Forscher schlagen vor, Strukturen zu vernetzen, um die Kinder- und Jugendarbeit gemeinsam aufzubauen oder Synergieeffekte bei der technischen Ausstattung oder Vereinsverwaltung zu erzeugen. Auch Fortbildungen mit dem Ziel der Professionalisierung bestimmter Arbeitsbereiche (wie Geschäftsführung, Öffentlichkeitsarbeit), der Entwicklung neuer Theaterformate oder die Nachwuchsarbeit aufzubauen sollten überwiegend möglichst nah am Ort des jeweiligen Theaters stattfinden.

Neben der quantitativen Befragung enthält die Amateurtheater-Studie Forschungsgespräche mit Verbänden, mit Vertretern des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, der Soziokultur und Fortbildungseinrichtungen. Das erste eigenständige Kinder und Jugendtheater in Lüneburg, das Türkisch-Deutsche Theater von Kulturwissenschaftsstudierenden der Hildesheimer Uni mit Bürgern unterschiedlicher Berufsfelder und Herkunft gegründet und die Plattdeutsche Bühne in Wittmund werden exemplarisch vorgestellt. Wir spielen grundsätzlich Einakter im Rahmen unseres jährlich stattfindenden Feuerwehrballs. Natürlich überwiegend plattdeutsch. Hier braucht es die geeignete Mischung aus möglichst vielen Rollen und einer heiteren Geschichte, so eine Aussage von Mitspielern eines 1960 gegründeten Dorftheaters.

Als Expertisen zur Erstellung des Weißbuchs dienten die wissenschaftliche Begleitung der Kulturentwicklungsplanung im Peiner Land, eine Dissertation zur Kulturpolitik im ländlichen Raum und andere empirische Kulturforschungen. Beobachtungen und Datenmaterial haben die Forscher in zwei Seminaren mit Studierenden der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim diskutiert. Die Studierenden haben teilnehmende Beobachtungen organisiert und Interviews mit Experten geführt. Das Weißbuch und die Sonderuntersuchung zu Amateurtheater sind in dieser Form bislang bundesweit einmalig.

Was ist Breitenkultur?

Spricht man von Breitenkultur, so ist das gemeinsame kulturelle und künstlerische Tun mit individueller Teilhabe und bürgerschaftlichem Engagement auf einer nichtkommerziellen, sparten- und politikfeldübergreifenden Ebene gemeint. Das kann zum Beispiel die Mundart in Liedern und Erzählungen, die Maibaumfeier der Dorfgemeinschaft, die Hausmusik im Familienkreis, das Amateurtheater auf der Freilichtbühne, den geselligen Abend des Heimatvereins, das Krippenspiel in der Kirche oder die Pajatz-Kürung beim Schützenverein sein.

Breitenkultur ist vor allem geprägt durch ehrenamtliches Engagement. Menschen aus allen Generationen, Schichten und Kulturen der Bevölkerung sind in ihrer Freizeit künstlerisch-gestaltend aktiv. Breitenkultur ist zumeist in Vereinen organisiert und finanziert sich zum Teil über die Mitgliedsbeiträge der Vereine.
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