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Neuer DFG-Sonderforschungsbereich der Saar-Uni: Linguisten erforschen Informationsdichte

16.05.2014 - (idw) Universität des Saarlandes

Jeder abgedruckte oder vorgetragene Text bietet eine ganz unterschiedliche Fülle an Informationen, die sich dem Leser oder Zuhörer nicht immer gleich erschließen. Bedienungsanleitungen sind kompakt formuliert, aber oft unverständlich. Bei mancher Politikerrede sucht man trotz vieler Worte nach Inhalt. Hingegen kann ein Gedicht ganze Gefühlswelten in wenige Zeilen packen. Die unterschiedliche Informationsdichte von sprachlichen Äußerungen wollen Saarbrücker Linguisten jetzt genauer analysieren. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft richtet dafür einen Sonderforschungsbereich an der Saar-Uni ein, der über vier Jahre mit bis zu 8,5 Millionen Euro gefördert wird. In wissenschaftlichen Publikationen werden viele Fachbegriffe und Abkürzungen verwendet, die dann nur die Experten auf diesem Gebiet verstehen. Schon Biologen und Mediziner nutzen einen unterschiedlichen Jargon, sagt Elke Teich, Professorin für Englische Sprach- und Übersetzungswissenschaft der Universität des Saarlandes. Sie ist Sprecherin des neuen Sonderforschungsbereichs und beschäftigt sich seit langem mit der Wissenschaftssprache. Ihr fiel dabei auf, dass es zahlreiche linguistische Analysen zu verschiedenen Textsorten gibt, jedoch kaum eine Studie zu der Frage, wie hoch die Informationsdichte in einem Text oder einer Äußerung ist. Wir gehen davon aus, dass Sprachproduzenten anstreben, die Informationsdichte in einer sprachlichen Einheit, also einer Abfolge von Silben oder Worten, einer Phrase oder einem Satz, relativ konstant zu halten. Wir wollen jetzt herausfinden, wie man die Informationsdichte noch genauer definieren und theoretisch erfassen kann, zum Beispiel über eine Analyse der Satzgliederung, der Phonetik und Morphologie, erläutert Teich.

Die Erkenntnisse aus dieser Grundlagenforschung sollen unter anderem dabei helfen, die maschinelle Verarbeitung von Sprache zu verbessern. Daher sind auch mehrere Professoren für Computerlinguistik und Sprachtechnologie von der Saar-Uni am neuen Forschungsprojekt beteiligt. Wenn Computer gesprochene Sprache verstehen soll, müssen sie Zusammenhänge erkennen und die Nuancen in den Formulierungen richtig interpretieren. Ein Redner setzt oft Hintergrundwissen beim Gesprächspartner voraus oder spricht Dinge nur zwischen den Zeilen an, nennt Teich als Beispiel. Bei der Sprachsteuerung etwa von Maschinen käme es darauf an, welche Informationsdichte ein Nutzer verarbeiten kann und welches Wissen vorausgesetzt werden muss. Bei Experimenten, bei denen Versuchspersonen Texte lesen, können wir über Hirnstrommessungen sehen, dass es bei unerwarteten Begriffen einen Überraschungseffekt gibt. Begriffe, die im Kontext stärker erwartet werden, können schneller erkannt und verarbeitet werden, erklärt die Linguistin. Wenn mehr Kontext vorhanden ist, kann Information komprimierter vermittelt werden. Dies spiele auch für didaktische Anwendungen, etwa Lehrbücher, eine wichtige Rolle.

Außerdem könnte eine genauere Definition, was Informationsdichte ausmacht, die Suchmaschinen im Internet verbessern helfen. Für die Übertragung von Informationen hatte der Mathematiker Claude Shannon bereits in den 1940er Jahren eine Theorie entwickelt, auf die heute die maschinelle Sprachverarbeitung aufbaut. Die Saarbrücker Forscher wollen diese nun weiter entwickeln. Wenn riesige Textbestände durchsucht werden, kommt es zum Beispiel darauf an, möglichst rasch einheitliche Muster zu erkennen. Auch der Kontext, in dem ein Satz steht, ist oft entscheidend. Je nach Informationsdichte könnten diese Rechenverfahren künftig unterschiedlich ausgelegt werden, sagt Elke Teich.

Im neuen Sonderforschungsbereich wirken zudem Psychologen mit, die untersuchen, ob ältere Menschen Sprache anders verarbeiten als Jugendliche. Im Laufe des Lebens baut man viel Hintergrundwissen auf, das dabei hilft, manche Texte schneller zu verarbeiten. Andererseits sind ältere Menschen stärker belastet, wenn sie gleichzeitig mehrere Dinge erfassen sollen, zum Beispiel beim Autofahren, wenn das Navigationssystem die Anweisungen nebenher spricht, erklärt Teich. Auch hier soll die Forschung zur Informationsdichte dazu beitragen, die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu verbessern.

Hintergrund: DFG-Sonderforschungsbereich Information Density and Linguistic Encoding der Universität des Saarlandes

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereiche (SFB) sind auf mehrere Jahre angelegt und haben zum Ziel, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Grenzen ihrer jeweiligen Fächer und Fakultäten hinweg im Rahmen eines wissenschaftlich exzellenten Forschungsprogramms zusammenarbeiten.

Am neuen Saarbrücker Sonderforschungsbereich sind Linguisten der Angewandten Sprachwissenschaft, Germanistik und Slavistik beteiligt, darunter die Professorin Elke Teich als Sprecherin sowie die Professoren Ingo Reich und Roland Marti. Aus dem Fachbereich Allgemeinen Linguistik, zu dem die Computerlinguistik gehört, wirken die Professoren Matthew Crocker, Dietrich Klakow, Bernd Möbius, Manfred Pinkal und Hans Uszkoreit mit. Von Seiten der Fachrichtung Psychologie trägt die Professorin Jutta Kray zum Forschungsprojekt bei. Außerdem sind Vera Demberg, Maria Staudte und Ingmar Steiner beteiligt, die am Saarbrücker Exzellenzcluster Multimodal Computing and Interaction eigene Forschergruppen leiten. Zudem forschen Hannah Kermes und Noam Ordan, wissenschaftliche Mitarbeiter der Professorin Elke Teich, im neuen Großprojekt mit. Der Sonderforschungsbereich wird über vier Jahre mit voraussichtlich rund 8,5 Millionen Euro gefördert werden. Davon sollen rund 30 Doktoranden und Nachwuchsforscher finanziert werden.

Fragen beantwortet:

Prof. Dr. Elke Teich
Tel.: +49 681 302- 70071

E-Mail: e.teich@mx.uni-saarland.de

Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung mit Direktanwahl oder über ARD-Sternpunkt 106813020001). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-3610). Weitere Informationen:http://fr46.uni-saarland.dehttp://www.coli.uni-saarland.dehttp://www.mmci.uni-saarland.dehttp://www.uni-saarland.de/pressefotos
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