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Friedensprojekt Europa auf dem Prüfstand

22.05.2014 - (idw) Universität Osnabrück

OSNABRÜCK.- Der international renommierte Philosoph und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Otto Kallscheuer (64) ist der vierte Friedensgastprofessor der Universität Osnabrück. Gerade zurück von einem Forschungsaufenthalt an der Columbia University New York, lehrt und forscht er im Sommersemester am Osnabrücker Zentrum für Demokratie- und Friedensforschung (ZeDF). Hier beschäftigt er sich mit dem schwierigen Verhältnis von Weltreligionen und Staatenordnungen. Steht das Friedensprojekt Europa angesichts der aktuellen Konflikte kurz vor seinem Scheitern? Oder doch nur an einem Wendepunkt? Die Europawahlen am 25. Mai betreffen das Selbstverständnis der Europäischen Union. Doch welche Aufgaben verbindet der Bürger mit der EU? Wird sie vorrangig als Wirtschaftsgemeinschaft der beteiligten Länder begriffen? Dann würde sie auch in erster Linie danach beurteilt, ob »Europa« und nicht zuletzt der Euro dem eigenen ökonomischen Wohlergehen förderlich ist oder nicht. Oder bemisst sich der Wert der EU vorrangig an ihrer Qualität als politische Gemeinschaft, die zur politischen Stabilität des Kontinents beiträgt und nach einem Jahrhundert zweier europäischer Weltkriege den Frieden dauerhaft sichern soll? Fragen, die Prof. Kallscheuer mit den Osnabrücker Studierenden in seiner Ringvorlesung diskutiert.

Die Ukraine-Krise betrifft Prinzipien eines Völkerrechts souveräner Nationen, welche in der anglo-amerikanischen Politikwissenschaft mit Bezug auf den Friedensschluss von Münster und Osnabrück (1648) zumeist »westfälisches System« genannt werden, so der Friedensgastprofessor. Es gehe um Werte und politische Ordnungsmuster, die in der europäischen Geschichte bestimmend waren. Zum einen ist es das Prinzip der nationalen Souveränität und territorialen Integrität, das seit der Gründung der Vereinten Nationen von allen Mitgliedstaaten als grundlegende Norm des Völkerrechts anerkannt wird. Zum anderen geht es um die Frage der Zuordnung zu einem wirtschaftlichen, politischen, militärischen, zivilisatorischen Machtblock oder seiner Einflusssphäre.

»Muss sich eine unabhängige Ukraine entscheiden zwischen der Orientierung auf die Europäische Union und das Militärbündnis der NATO oder auf eine eurasische Union, wie sie von den geopolitischen Vordenkern des Präsidenten Putin nicht nur als russisch dominierter Wirtschaftsblock, sondern auch als zivilisatorische Alternative zum dekadenten europäischen Westen anvisiert wird«, fragt Prof. Kallscheuer?

Vor diesem Hintergrund greift die diesjährige Friedensvorlesung an der Universität Osnabrück drei Grundmuster internationaler Ordnungspolitik auf:
Zum einen eine von Imperien strukturierte und von Weltreligionen inspirierte Weltordnung; weiterhin das westfälische System der internationalen Ordnung souveräner Nationalstaaten und drittens das »Projekt Europa«, das die Gefahrenmomente eines staatlichen Nationalismus durch einen föderalen Verbund überwinden soll.

Kallscheuer (Jahrgang 1950) studierte Philosophie und Politikwissenschaften an den Universitäten Bonn, Bochum und Berlin (1968-1975). Er war wissenschaftlicher Assistent für politische Theorie am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin und wurde dort 1984 zum Dr. phil. promoviert. 1997 erfolgte die Habilitation an der Justus-Liebig-Universität Gießen. In der Zwischenzeit war er als Lektor im Rotbuch-Verlag und als Publizist tätig. Kallscheuer versah Gastdozenturen bzw. Gastprofessuren an den Universitäten Neapel, Gießen, Luzern (Schweiz), Berlin (FU), Sassari (Italien), Rom III (Italien). Er war u.a. Fellow beziehungsweise Visiting Scholar am Institut für die Wissenschaft von Menschen (Wien/Österreich), am Institute for Advanced Study, School of Social Science (Princeton/USA).

Kallscheuer schrieb zahlreiche Bücher zu Fragen der Theologie in der Moderne. Bekannt sind seine Publikationen »Die Wissenschaft vom Lieben Gott. Eine Theologie für Recht- und Andersgläubige, Agnostiker und Atheisten (Frankfurt / M. 2006), in der er über das Verhältnis von Gott und Vernunft nachdenkt, sowie Essays »Zur Zukunft des Abendlandes« (Springe 2009).

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Arnulf von Scheliha, Universität Osnabrück,
Wissenschaftlicher Koordinator »Gastprofessur Frieden und globale Gerechtigkeit«
Neuer Graben 29 / Schloss, 49069 Osnabrück
Tel. +49 541 969 4336, Fax +49 541 969 4772,
E-Mail: arnulf.von.scheliha@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Ulrich Schneckener, Universität Osnabrück
Direktor des Zentrums für Demokratie- und Friedensforschung (ZeDF)
Seminarstraße 22, 49074 Osnabrück
Tel.: +49 541 969 4697
E-Mail: ulrich.schneckener@uni-osnabrueck.de Anhang
Hintergrundinformationen zur Friedensgastprofessur an der Universität Osnabrück
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