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Erstmals gemeinsam: Pflegeschüler und Medizinstudenten üben den Notfall

04.06.2014 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Greifswalder Modell soll bundesweit Schule machen

Notfälle sind hochkomplexe, unerwartete und zeitkritische Ereignisse. Bevor es für junge Pflegekräfte und Mediziner ernst wird, durchlaufen sie jetzt in Greifswald ein gemeinsames Simulations-Training. Erstmals trainieren seit kurzem in der Universitäts- und Hansestadt Pflegeschüler des 2. Lehrjahres der Beruflichen Schule an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) zusammen mit Medizinstudierenden in einem zweitägigen Intensivkurs den Notfall. Das Projekt ist einzigartig in Deutschland und Teil einer Initiative der Robert Bosch Stiftung für mehr Patientensicherheit durch interprofessionelles Lernen. Das Greifswalder Modell wird für zwei Jahre mit 100.000 Euro aus Mitteln der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Der Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald hat das Projekt von Anfang an aktiv unterstützt. Das berufsübergreifende Training schon in der Ausbildung wird dazu beitragen, die Patientensicherheit in der Notfallmedizin weiter zu erhöhen. In kritischen Situationen richtig miteinander zu agieren und zu kommunizieren, stellt an alle Beteiligte höchste Anforderungen und kann gar nicht früh genug geübt werden, sagte der Ärztliche Vorstand, Dr. Thorsten Wygold. Mit dem Schaffen einer solchen Gelegenheit durchbrechen wir auch bewusst althergebrachte Ausbildungsstrukturen und Rollenbilder.

Das Überleben von Patienten in der klinischen Notfallmedizin hängt wesentlich von einer eingespielten Zusammenarbeit der beteiligten Gesundheitsberufe ab. In dem Greifswalder Projekt wurde deshalb ein gemeinsames Lehrangebot für Medizinstudenten und Auszubildende der Pflege im Bereich der klinischen Notfallmedizin entwickelt, das im laufenden Sommersemester erstmals zum Einsatz kommt. Medizinstudierenden wird ebenso wie Schülern der Gesundheits- und Krankenpflege während ihrer Ausbildung zu wenig handlungsbezogenes Wissen vermittelt, sagte Prof. Konrad Meissner von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der das interprofessionelle Projekt initiiert hat. Und obwohl diese beiden Berufsgruppen später täglich in Notfallsituationen für den Patienten möglichst fehlerlos funktionieren müssen, gibt es bislang keine gemeinsamen Ausbildungsmöglichkeiten. Das wollten wir ändern!

Teamwork als Praxislehrstoff

In den neuartigen Notfall-Kursen wird der Ernstfall in einem Simulationszentrum an zwei Tagen mit wechselnden Rollen, mit lebensechten Puppen und professionellem OP-Equipment trainiert. Auszubildende und Studierende werden mit unterschiedlichen authentischen Notlagen konfrontiert - beispielsweise einem frischoperierten Patienten mit plötzlicher Atemnot - und müssen diesen Vorfall gemeinsam bewältigen. In 16 Trainingsstunden an zwei Tagen werden insgesamt acht Fallszenarien trainiert. Das gemeinsame Agieren und die Kommunikation miteinander sowie mögliche Fehler werden anschließend per Videoanalyse ausgewertet.

Sowohl die Pflegeschüler als auch die Studierenden erlernen in ihrer Ausbildung notfallmedizinische Handlungs- und Entscheidungsschritte, die als grundlegende Abläufe bekannt und von elementarer Bedeutung sind. Die Wirklichkeit hält jedoch viele menschliche Überraschungen bereit, so Oberarzt Dr. Martin von der Heyden, auf die die meisten nicht ausreichend vorbereitet sind. Es geht um die sogenannten non-technical-skills, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit im Team, zur richtigen Einschätzung der Situation und zum Treffen von angemessenen Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit.

Wer vergibt Aufgaben? Werden Anweisungen klar kommuniziert? Auf welche Weise wird Rückmeldung gegeben? Da muss es klare Regeln geben, die dann in der Extremsituation auch zur Anwendung kommen. Alle relevanten Abläufe können an programmierbaren Simulatorpuppen lebensecht dargestellt und durchgespielt werden. Fehler haben in dieser Phase keine negativen Auswirkungen, dafür aber einen nachweislich länger anhaltenden Lerneffekt. Die Teilnehmer erhalten ein professionelles Feedback ihrer Instruktoren und können über das Video-Debriefing ihr eigenes Verhalten, ihre Stärken und Schwächen reflektieren. Welche Erkenntnisse die Teilnehmer daraus ableiten, was sie künftig anders machen wollen, obliegt ihrer eigenen Entscheidung und Verantwortung. Eine Fähigkeit, die sie auch im späteren Berufsalltag befähigt, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und zu korrigieren, erläuterte Projektkoordinatorin Maud Partecke.

Die ersten Erfahrungen nach dem Start des gemeinsamen Notfalltrainings sind fast durchweg positiv. Beide Berufsgruppen empfinden es als eine große Bereicherung, miteinander ihr Wissen in einer gespielten Krisensituation austesten zu können. Das Interesse daran ist sehr groß, wie auch die schnell ausgebuchten Kurse belegen, so Prof. Konrad Meissner. Die bessere interprofessionelle Zusammenarbeit der Berufsgruppen ist vor allem ein Gewinn für die Patienten und sollte fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden.

Hintergrund zum Greifswalder Projekt

Erhöhung der Patientensicherheit durch die Integration von interprofessionellem Human Factor Training in die Ausbildung von Gesundheitsberufen

Wie lange hat die Entwicklung der Trainingsmodule gedauert?
Die Entwicklung der Module hat sechs Monate gedauert (Oktober 2013 bis April 2014). Der Kurs wird auch während der Durchführung fortlaufend evaluiert und weiterentwickelt. Für den Notfallunterricht wurden 22 Instruktoren ausgebildet, die das Training leiten und die Teilnehmer betreuen. Das Instruktoren-Team setzt sich zusammen aus Ärzten, Praxisanleitern, Pflegekräften und studentischen Tutoren.

Wann war das erste Training?
Das erste Trainingsmodul fand am 29. und 30. April 2014 statt. Bisher wurden vier Trainingsmodule (jeweils zwei Tage) absolviert. Am 3. und 4. Juni findet das 5. Trainingsmodul statt. An jedem Trainingstermin nehmen zwölf Teilnehmer teil. Mit dem 5. Termin haben 30 Pflegeschüler und 30 Medizinstudierende das Programm durchlaufen.

Wie viele Einheiten werden dieses Semester angeboten?
Insgesamt zehn Einheiten (jeweils zwei Tage), jeweils dienstags und mittwochs, 8.00 bis 16.00 Uhr (Letzte Einheit: 8./9. Juli 2014).

Wie viele Studenten und wie viele Schüler nehmen daran insgesamt teil?
In zwei Jahren nehmen mindestens 240 Teilnehmer teil. Insgesamt jeweils 120 Studierende und 120 Auszubildende (2. Ausbildungsjahr). Gruppen-Zusammensetzung je Trainingseinheit: sechs Studierende und sechs Auszubildende. Jeder Teilnehmer absolviert ein 16-stündiges Notfall-Training.

Wie viele Notfälle müssen pro Schüler/Student absolviert werden?
In jeder Trainingseinheit werden acht Notfallszenarien trainiert. Die Rollenbesetzung variiert - die Teilnehmer besetzen mal die Rolle des Schülers, des Pflegers, des Medizinstudenten im Praktischen Jahr, des Stations- oder des Oberarztes.

Schwerpunkte des Notfallkurses
Auf fachlicher Ebene werden den Teilnehmern zu Veranstaltungsbeginn Algorithmen der Notfallmedizin vorgestellt. Hierüber wird sichergestellt, dass alle wesentlichen Aspekte der Verletzung/Erkrankung des Patienten gesehen und erfasst werden, Relevantes nicht versehentlich übersehen wird. Zudem erhalten die Teilnehmer eine Einführung in die Grundlagen der Kommunikation nach dem Crisis Ressource-Management-Ansatz. Dabei geht es um die direkte Ansprache der Teammitglieder, klare Anweisungen und Rückmeldungen zur Ausführung, Informationen zu sammeln und Maßnahmen zu priorisieren. Im ersten praktischen Teil durchlaufen die Teilnehmer ein technisches Training, um beispielsweise die verschiedenen Beatmungstechniken sowie die Herz-Druck-Massage an der Simulationspuppe auszuprobieren. Im zweiten praktischen Teil werden die simulierten Notfälle trainiert. Die Teilnehmer erhalten im Vorfeld dazu nur einige wenige allgemeine Informationen zum Patienten, bevor sie das Krisen-Szenario bewältigen müssen. Im Anschluss findet zur Auswertung ein Video-Debriefing

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