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Sowjetischer Schlager hatte revolutionäres Potenzial

06.06.2014 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Schlagermusik steht von jeher in der Kritik, affirmativ, trivial und anspruchslos zu sein. Dass genau das Gegenteil der Fall sein kann, beweist der RUB-Slavist Dr. Ingo Grabowsky in seinem Projekt strada! Schlager und Gesellschaft in der Sowjetunion im Zeitraum von 1953 bis 1985: Hier tritt Schlager als revolutionäre Triebfeder in Erscheinung. Vollständiger Beitrag mit Bildern im Netz

Einen ausführlichen Beitrag mit Bildern zum Forschungsprojekt strada! finden Sie online auf der Webseite des Wissenschaftsmagazins RUBIN:
http://rubin.rub.de/de/stiefkind-der-sowjetkultur

Aus der Tristesse wegträumen

Ingo Grabowsky stellt die These auf, dass der Schlager für die Gesellschaft in der Sowjetunion ein Motor der Verwestlichung war. Die Leute haben den Schlager benutzt, um sich mit seiner Hilfe Illusionsräume außerhalb der Sowjetunion zu erschaffen und sich aus der Tristesse wegzuträumen, erklärt der Slavist. Der Schlager war ein Mittel, um diese durchideologisierte Welt überhaupt auszuhalten. Für sein Projekt, das von der DFG gefördert wurde, hat er zahlreiche Zeitzeugen interviewt und Quellen in russischen Archiven bemüht.

RocknRoll und Lederjacken

Im Jahr 1948 hatte es in der Sowjetunion eine staatliche Kampagne gegen den Einfluss westlicher Musik gegeben, sowohl in der Klassik als auch in der strada, der leichten Musik. Wer sich nicht an die Vorgaben hielt, landete im Straflager. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 änderte sich einiges: Bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1957 in Moskau kamen 34.000 junge Menschen aus aller Welt, unter anderem aus dem Westen, zusammen und brachten ihre Musik und ihren Modestil mit: Jazz, RocknRoll, Skiffle, gepaart mit Jeans und Lederjacken. Diese neuen Einflüsse kamen in das im Grunde völlig abgeschottete Land und brachen einiges auf, so Grabowsky. Sowjetische Künstler begannen daraufhin, sich an den westlichen Musikern zu orientieren.

Kontrolle durch künstlerische Räte

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, traten sogenannte künstlerische Räte auf den Plan. Diese saßen zum Beispiel in Konzertagenturen oder in der Schallplattenfirma Melodija und fungierten als Zensurkommissionen. Unter anderem waren sie dafür zuständig, ein Bühnenprogramm abzusegnen, bevor es zur Aufführung kam. Dennoch schafften es Musiker immer wieder, diese Räte zu unterwandern.

Wirtschaftlicher Plan

Verschiedene musikalische Trends schwappten in den Folgejahren vom Westen in die Sowjetunion: Twist, die Beatlemanie vom Volk geliebt, von den künstlerischen Räten verpönt. Im Gegensatz zum Radio und Fernsehen, die ausstrahlten, was sie für ideologisch korrekt hielten, mussten die staatlichen Konzertorganisationen ab Anfang der 70er-Jahre einen wirtschaftlichen Plan erfüllen. Und das taten sie mit Künstlern, die westlichen Mustern folgten. Das ermöglichte es sowjetischen Musikern und Bands zum ersten Mal, die Musik zu machen, die sie wirklich machen wollten. Die großen Stars traten in Kultur- und Sportpalästen auf, wo bis zu 12.000 Personen hineinpassten. Die Verwestlichung war damit nicht mehr aufzuhalten.

Weitere Informationen

Dr. Ingo Grabowsky, Lotman-Institut, Fakultät für Philologie der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-25032, E-Mail:
ingo.grabowsky@rub.de Weitere Informationen:http://rubin.rub.de/de RUBIN im Netz
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