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Aufstieg auf der Lernleiter

10.06.2014 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Das Thema Inklusion beschäftigt Wissenschaftler weltweit. Der Würzburger Sonderpädagoge Thomas Müller arbeitet mit Kollegen in Indien zusammen. Gemeinsam erforschen sie, wie Inklusion von Kindern in unterschiedlichen Bildungssystemen in zwei sehr verschiedenen Kulturen funktionieren kann. Lernleitern sind ein gutes Beispiel für ein Modell, das inklusives Unterrichten möglich macht. Mit Hilfe dieser symbolischen Leitern lernt jedes Kind individuell in seinem Tempo. Wenn es sich bereit fühlt, macht es einen Test und kann dann zur nächsten Stufe weitergehen.

An vielen Schulen im Rishi Valley, einer ländlichen Gegend im indischen Bundesstaat Andhra Telangana, kennen Schulkinder dieses Prinzip; an den Schulen in dem Tal werden pädagogische Konzepte ausprobiert und wissenschaftlich unter anderem von deutschen und indischen Experten begutachtet.

Auszeichnung für ein besonderes Projekt

Aus den kleinen Dörfern in Indien hat es das Konzept mittlerweile weit geschafft. Es hat sogar den Global Development Award gewonnen, einen Preis für besondere Entwicklungsprojekte, sagt Dr. Thomas Müller. Und mittlerweile werden Lernleitern an vielen Schulen eingesetzt, unter anderem auch in Deutschland.

Müller ist Akademischer Rat am Lehrstuhl Pädagogik bei Verhaltensstörungen der Universität Würzburg; dort organisiert er bereits seit etlichen Jahren die Zusammenarbeit mit dem Rishi Valley Institute for Educational Resources und dem Institut für Sozialwissenschaften am Indian Institute of Technology Madras, einer renommierten technischen Universität Indiens.

Regelmäßig lädt Müller Gastwissenschaftler aus Indien an die Universität Würzburg ein: Momentan sind zwei indische Professoren hier an der Uni, sagt er. In Vorlesungen und Seminaren tauschen sie sich mit den Studierenden der Sonderpädagogik aus. Und genauso regelmäßig reisen Würzburger Studierende nach Indien, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Möglich macht diesen Austausch das Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD A new passage to India, das gezielt solche Kontakte fördert.

Zu Besuch in der indischen Dorfschule

Jedes Jahr im Frühling fahre ich mit einer kleinen Gruppe von Studierenden nach Indien, berichtet Thomas Müller. Auch 2014 ist er mit angehenden Sonderschullehrern dorthin gereist, um sich mit indischen Fachvertretern auszutauschen und das indische Bildungssystem kennen zu lernen.

Im Rishi Valley haben die Studierenden sich das Konzept der Lernleitern im Unterricht der Dorfschulen angeschaut, sich bei den Lehrern der Dorfschulen über deren Erfahrungen informiert und vor allem selbst mit indischen Schülern kleine Projekte durchgeführt. Im Anschluss an diese Praxisphase nahmen sie am Indian Institute of Technology an einem internationalen Workshop teil, der sich mit dem Thema Inklusion beschäftigte.

Kann das funktionieren, dass Wissenschaftler aus Indien und aus Deutschland über Inklusion diskutieren? Sind dafür die Unterschiede zwischen den beiden Ländern nicht viel zu groß? Nein, findet Thomas Müller. Gerade weil die Bildungs- und Gesellschaftssysteme sich so stark voneinander unterscheiden, sei der Vergleich spannend.

In Indien ist die soziale Inklusion das wichtigste Thema; das Kastenwesen und ökonomische Unterschiede spielen dort eine große Rolle, sagt Müller. Wird in Indien über Inklusion diskutiert, stehe dort die Frage im Mittelpunkt, wie Kinder verschiedener Milieus zusammen lernen können.

In Deutschland dagegen ist die Art der Behinderung in Inklusionsfragen wichtiger, sagt Müller. Hier ginge es in erster Linie um die Besonderheiten beispielsweise von körperbehinderten Kindern, von Autisten oder von Kindern mit Down-Syndrom und deren besondere Bedürfnisse beim Lernen.

Globale Perspektiven der Inklusion

Der Workshop, den Müller mit seinen Studierenden in Madras gestaltet hat, bildet den Auftakt zu einem neuen Forschungsprojekt, das den Namen Global Perspectives on Inclusion trägt. Welche Schwierigkeiten bereitet Inklusion in der Schule? Wie können Kinder mit verschiedenen Behinderungen miteinander lernen, wie Kinder aus verschiedenen Milieus? Wie müssen dafür die Bildungskonzepte gestaltet werden? Und überhaupt: Wer ist eigentlich benachteiligt?

Mit diesen und vielen weiteren Fragen werden sich die Würzburger Sonderpädagogen und ihre Kollegen aus Indien in den kommenden Jahren beschäftigen. Unterstützt werden sie dabei auch von einem großen Partner in der Entwicklungszusammenarbeit, der Gesellschaft für internationale Entwicklung.

Thomas Müller jedenfalls ist überzeugt davon, dass sich durch den kulturübergreifenden Austausch interessante Perspektiven im Hinblick auf ein inklusives Bildungssystem ergeben werden.

Mehr Informationen

Zur Kooperation der Sonderpädagogik mit Indien
http://www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de/forschung_projekte/a_new_passage_to_india/

Zum DAAD-Programm A new Passage to India an der Uni Würzburg
http://www.graduateschools.uni-wuerzburg.de/uwgs/funding_opportunities/uwgs_funds/mobility_india/

Zu den Lernleitern
http://www.lernleitern-ins-leben.de/%C3%BCber-lernleitern-ins-leben-e-v-1/

Kontakt

Dr. Thomas Müller, T: (0931) 31-82765; thomas.mueller1@uni-wuerzburg.de
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