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Unstatistik des Monats: Bummel-Bachelor

30.06.2014 - (idw) Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

Die Unstatistik des Monats sind Meldungen, an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin würden Studenten in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen wieder länger studieren. Darüber berichtete unter anderem die Zeitschrift Forschung und Lehre in ihrer Juni-Ausgabe unter dem Titel Wieder längere Studienzeiten an Berliner Universitäten. So seien an der FU die durchschnittlichen Studienzeiten von Bachelorabsolventen von 6,8 Semestern im Jahr 2010 auf 7,3 Semester im Jahr 2012 und von Masterstudenten von 5,1 Semestern auf 5,5 Semester angestiegen. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften würden die Regelstudienzeiten wieder überzogen. Die Regelstudienzeiten für einen Bachelorabschluss an einer Universität sind üblicherweise 6 Semester, die für einen Masterabschluss weitere 2 bis 4 Semester. Diesen Befund nahm der Tagesspiegel zum Anlass, in einem weiteren Artikel über die möglichen Ursachen der ansteigenden Studiendauer zu berichten.

Es kann durchaus sein und wäre wenig überraschend, dass die Studienzeiten von Bachelor- und Masterstudenten ansteigen. Zu einem nicht unerheblichen Teil dürfte es sich dabei jedoch um ein reines statistisches Artefakt handeln, dessen Ursache in der noch kurzen (und je nach Fachbereich unterschiedlichen) Laufzeit der neuen Studiengänge liegt.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Angenommen, ein Bachelorstudiengang ist zum Wintersemester 2009/2010 gestartet. Alle Studenten, die zum Ende des Sommersemesters 2012 ihr Zeugnis erhalten haben, haben das Studium in der Regelstudienzeit absolviert - die durchschnittliche Studiendauer ist genau 6 Semester. Einige Studenten, die im Wintersemester 2009/2010 begonnen haben, haben jedoch nicht alle Prüfungen bestanden und müssen ein Semester anhängen. Zum Wintersemester 2012/13 gibt es dann viele Studenten, die in der Regelstudienzeit abgeschlossen haben und einige, die erst im 7. Semester abgeschlossen haben - die durchschnittliche Studiendauer ist automatisch angestiegen. Und im Sommersemester 2013 gibt es Studenten die in der Regelstudienzeit, Studenten die im 7. und Studenten, die im 8. Fachsemester ihren Abschluss erreichten - die durchschnittliche Studiendauer ist wieder gestiegen. Erst nach einigen Jahren wird sich die gemessene Studiendauer an die wahre durchschnittliche Studiendauer annähern.

Aufgrund dieses Automatismus sollten derzeit auch nur Studiengänge miteinander verglichen werden, die zum selben Zeitpunkt eingeführt wurden. Wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften Vorreiter in der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen waren, ergibt sich die höhere Studiendauer in diesen Bereichen automatisch. Aus diesem Grund ist es derzeit auch noch unsinnig, eine durchschnittliche Studiendauer über alle Fachrichtungen hinweg zu berechnen.

Fazit: Auf Basis der derzeit gemessenen durchschnittlichen Studiendauer lässt sich in vielen Fällen noch nicht beurteilen, ob die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge wirklich zu einer Verkürzung der Studiendauer beitragen. Für eine wirklich aussagekräftige Statistik ist es einfach noch zu früh.


Ihr Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Thomas K. Bauer Tel.: (0201) 8149-264

Mit der Unstatistik des Monats hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle Unstatistiken finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de. Weitere Informationen:http://www.unstatistik.de - Hintergrundinformationen und Unstatistik-Archiv Anhang
Pressemitteilung zur Unstatistik vom Juni 2014
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