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Greifswalder Studie zum Polnischunterricht in grenznahen Kitas und Schulen

30.06.2014 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die Vermittlung der polnischen Sprache in der vorschulischen Bildung mit anschließendem systematischen Unterricht in den Grundschulen und in den weiterführenden Schulen ist in der deutsch-polnischen Grenzregion Mecklenburg-Vorpommern derzeit nicht möglich. Potenzial und gute Ansätze gibt es in grenznahen Gemeinden, für die entsprechende Bildungskonzeptionen entwickelt wurden. Das ist zusammengefasst das Ergebnis einer Studie, die zwischen April 2012 und Januar 2014 in der Grenzregion Mecklenburg-Vorpommerns zu Polen durchgeführt wurde. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald hatte Wissenschaftler der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald mit der Untersuchung beauftragt; finanzielle Unterstützung kam vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Fragestellung der Studie lautete: Wie wird das Polnische in grenznahen Kindertagesstätten und Schulen im Landkreis Vorpommern-Greifswald gelehrt und wie lassen sich die Sprachenkonzepte der einzelnen Einrichtungen besser aufeinander abstimmen?

Modul I

Unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Wöll erfassten Mitarbeiter des Lehrstuhls für Ost- und Westslawische Philologie der Universität Greifswald und des Landkreises Vorpommern-Greifswald von April 2012 bis Juli 2013 in Modul I der Untersuchung zunächst die Rahmenbedingungen für das Erlernen der polnischen Sprache in Kitas, allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich zu Brandenburg und Sachsen. Hierbei wurde ein besonderes Augenmerk auf die Möglichkeit des durchgängigen Sprachenlernens von der Kita über die Grundschule bis in die weiterführenden Schulen gelegt. Für Mecklenburg-Vorpommern wurden in diesem Kontext die Bildungsstandort der Gemeinden Ostseeband Heringsdorf und Löcknitz dokumentiert und analysiert. Darüber hinaus wurden Beispiele guter Praxis zum Spracherwerb Polnisch der grenznahen Bundesländer, eine Übersicht bestehender Lehrwerke für das Fach Polnisch nach Schularten sowie die Verfahren der Bundesländer zur Anerkennung ausländischer Erzieherabschlüsse recherchiert.

Ergebnisse aus Modul I

Die grenznahen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg haben erkennbare Bemühungen unternommen, das Erlernen der Nachbarsprache in ihren Bildungssystemen zu verankern. Trotzdem lernen heute nur wenige Schülerinnen und Schüler Polnisch auf einem B1- oder B2-Niveau entsprechend des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Im Freistaat Sachsen wurden bisher die größten Anstrengungen auf diesem Gebiet unternommen. Als erstes Bundesland hat Sachsen mit dem Intensiven Sprachenlernen (ISL) Grundlagen für die Einführung des systematischen Polnischunterrichts in den Grundschulen und mit anschließenden Angeboten Ansätze für durchgängige Polnischangebote geschaffen. Doch auch hier ist nicht jedem Schüler, der in der 1. Klasse mit dem Polnischlernen beginnt, die Möglichkeit gegeben, den Fremdsprachenerwerb bis zum Abschluss der Klasse 10 oder 12 fortzusetzen.

In Mecklenburg-Vorpommern ist mit Aussetzen des Modells Mehrsprachige Erziehung 2010 die Vermittlung der Polnischen Sprache mittels der intensiven Immersionsmethode in Kindertagesstätten eingebrochen. Fünf Kitas in Grenznähe bieten derzeit Polnisch stundenweise im Angebotsmodell an. In den Kitas fehlen die personellen Ressourcen, um Polnisch im Sinne der Immersionsmethode (Fremdsprachenerwerb im Kitaalltag durch fremdsprachliche Umgebung) anbieten zu können. Die Einstellung polnischer Muttersprachler wird erschwert, weil polnische Pädagogen mit einem in der Republik Polen erworbenen Abschluss im Fach Vor- und Grundschulpädagogik für die Arbeit in einer deutschen Kindertageseinrichtung in der Regel nur Teilanerkennungen erhalten. Insgesamt gibt es im Land derzeit nur zwei bilinguale Kitas, die nach der Immersionsmethode arbeiten (aktuelle Studie des Vereins für mehrsprachige Erziehung an Kitas und Schulen).

In der Grund- und Orientierungsstufe fehlen in Mecklenburg-Vorpommern die bildungspolitischen Rahmenbedingungen für den systematischen Polnischunterricht, ausreichend qualifizierte Fachkräfte sowie geeignete Lehrmaterialien für die Klassenstufen 1 bis 6, die über ein Arbeitsgemeinschafts-Angebot hinausgehen. Erschwerend für solche Angebote kommt hinzu, dass entsprechende Leistungsstandards fehlen, die Kontinuität nicht gewährleistet werden kann, die Schüler aufgrund der Konkurrenz anderer Ganztagesangebote schwer zu motivieren sind, Lehrkräfte für solche Angebote unzureichend oder nur eingeschränkt qualifiziert werden können.

In den Regionalen Schulen, eine Kombination aus herkömmlichen Haupt- und Realschulen, kann Polnisch nur im Wahlpflichtunterricht erlernt werden, die Konkurrenz zu anderen kreativen Angeboten in diesem Bereich ist groß.

Einzig in den Gymnasien kommt der polnischen Sprache der Status einer zweiten bzw. dritten Fremd-sprache ab Klasse 7 beziehungsweise Klasse 9 oder 11 mit einem festgeschriebenen Curriculum für den Polnischunterricht zu.

In den beruflichen Schulen wird derzeit kein Polnischunterricht vorgehalten.

Empfehlungen zur Förderung des Nachbarsprachenlernens (Auswahl)

Der Schwerpunkt der Bemühungen zur Verbesserung des Spracherwerbs Polnisch sollte sowohl im frühkindlichen als auch im schulischen Bereich, hier insbesondere in der Primarstufe, liegen und eine Fortführung in den weiterführenden Schulen sicherstellen. Entsprechend der für den Englischunterricht in der Primarstufe geschaffenen personellen, finanziellen und zeitlichen Rahmenbedingungen, sollte der polnischen Sprache an grenznahen Schulstandorten des Landes eine gleichwertige Aufmerksamkeit eingeräumt werden.

Es wird empfohlen,

den deutsch-polnischen Grenzraum in Mecklenburg-Vorpommern bildungspolitisch zu definieren. Zu empfehlen ist ein kontinuierlicher und progressiver Fremdsprachenerwerb im Fach Polnisch in einer durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern zu definierenden deutsch-polnischen Grenzregion. An Schulen, die sich in dieser Region befinden, sollte das Nachbarsprachenlernen ministeriell geregelt sein,

das Immersionsmodell in ausgewählten Kitas umzusetzen. Da das Immersionsmodell in der Kita die Nachhaltigkeit am Übergang in die Grund- und weiterführenden Schulen voraussetzt, wird zur Wiederauflage und Verstetigung des Modells an Kitastandorten mit weiterführenden Polnischangeboten in der Grundschule geraten,

einen systematischen und ergebnisorientierten Fremdsprachenunterricht mit Beginn in der Grundschule anzubieten und die Nachbarsprache in der Stundentafel der Primar- und Orientierungsstufe der beruflichen Schulen mit einer ausreichenden Stundenzahl zu berücksichtigen,

die Anerkennung der in Polen erworbenen pädagogischen Abschlüsse wirksam und nachhaltig zu
verbessern,

qualifizierte pädagogische Fachkräfte für die Vermittlung des Polnischen einzustellen und deren fortlaufende Qualifizierung abzusichern,

eine durchgängige Polnischdidaktik mit altersgerechten und aufeinander aufbauenden Lehrmaterialien für die Primarstufe und die Sekundarstufe I zu entwickeln,

eine systematische und nachhaltige Kampagne für die Sprache und Kultur des Nachbarlandes zu organisieren und umzusetzen.


Modul II

Von Mai 2013 bis Januar 2014 im Rahmen des Moduls II wurden auf Grundlage der Ergebnisse von Modul II eine Bildungskonzeption für den Spracherwerb Polnisch mit aufeinander aufbauenden Sprachlernangeboten von der Kita über die Grundschule bis in die weiterführenden Schulen in den grenznahen Gemeinden Löcknitz und Ostseebad Heringsdorf entwickelt. Mitarbeiter der Universität Greifswald und des Landkreises Vorpommern-Greifswald erarbeiteten gemeinsam mit den Leiterinnen und Leitern der Bildungseinrichtungen der Standorte Heringsdorf/Ahlbeck und Löcknitz in fünf aufeinander folgenden Workshops ein Rahmenmodell, das aufeinander abgest
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