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Die Franziskaner im kolonialen Brasilien

01.07.2014 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Gleich nach der Entdeckung Brasiliens waren die Franziskaner in dem südamerikanischen Land als Missionare und Seelsorger tätig. In einem Forschungsprojekt verfolgen Historiker die Spuren, die der katholische Orden in der Kolonialzeit dort hinterlassen hat. Im kolonialen Brasilien waren es zwei katholische Orden, die der Geschichte und Kultur des Landes ihren Stempel besonders dick aufprägten: die Franziskaner und die Jesuiten. Als Missionare und Seelsorger wirkten die Franziskaner schon ab dem Jahr 1500 in Brasilien. Die Jesuiten wurden erst knapp 50 Jahre später aktiv doch ihr Einfluss blieb im Gedächtnis der Nachwelt viel stärker verankert.

Die dominierende Stellung der Jesuiten hat mehrere Gründe. Die Ordensbrüder pflegten ein wohldurchdachtes Berichts- und Kommunikationssystem und hinterließen damit viele schriftliche Quellen über ihr Wirken. Sie betrieben auch eine gezielte Informationspolitik, etwa mit ihrer deutschsprachigen Zeitschrift Der Neue Welt-Bott, der bis 1761 erschien. So bestimmten sie das Bild, das man sich in der europäischen Öffentlichkeit von der Neuen Welt machte.

Der Franziskanismus als Seele Brasiliens

Die Franziskaner agierten in dieser Hinsicht deutlich im Schatten der Jesuiten: Sie waren kaum daran interessiert, ihre Taten zu dokumentieren. Trotzdem trug die franziskanische Glaubenspraxis viel dazu bei, in der brasilianischen Bevölkerung eine bestimmte religiöse Art auszubilden: mystisch und wenig dogmatisch, fröhlich und voller Verzauberung, erklärt Dr. Peter Mainka, Historiker von der Universität Würzburg. Anders ausgedrückt: Der Franziskanismus war und ist die Seele Brasiliens so sagte es der brasilianische Historiker Jaime Cortesão (1884-1960).

Deutsch-brasilianisches Forschungsprojekt

Die historische Forschung hat das Wirken der Franziskaner im kolonialen Brasilien bislang vergleichsweise wenig behandelt. Es steht nun im Mittelpunkt eines deutsch-brasilianischen Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Würzburg. Beteiligt sind Professorin Anuschka Tischer und Dr. Peter Mainka; ihr Kooperationspartner in Brasilien ist Professor Cézar de Alencar Arnaut de Toledo von der Universidade Estadual de Maringá. Mit dieser Hochschule unterhält die Universität Würzburg seit Anfang 2014 eine Partnerschaft.

Jesuiten und Franziskaner als Konkurrenten

Zum Wirken der Franziskaner in Brasilien gibt es auf den ersten Blick nur wenige Quellen. Viele davon stammen zudem aus den Federn der Jesuiten. Diese Quellen zeichnen ein ungenaues, einseitiges und verzerrtes Bild, ist sich Peter Mainka sicher. Kein Wunder, schließlich waren die beiden Orden regelrechte Gegner: Sie konkurrierten um die Gunst der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten und wetteiferten bei der Missionierung der indigenen Bevölkerung Brasiliens.

Auch sonst hatten die beiden Orden kaum Gemeinsamkeiten. Der lateinamerikanische Befreiungstheologe Leonardo Boff hat 2006 etwas pointiert die zwei Typen von Katholizismus beschrieben, für die die Jesuiten und die Franziskaner exemplarisch stehen: Hier der Evangelismus des Heiligen Franziskus, die Wanderschaft inmitten der Menschen und besonders der Armen, dort die straffe zentrale Organisation und die Gründung von Schulen. Hier die Poesie, die Musik und der Tanz, dort die Logik, die Vernunft und die Schulbänke. Hier das Ideal der Brüderlichkeit und der Verzicht auf jegliche Macht, dort die Unterweisung in der Glaubenspraxis von aus einer Machtposition heraus und ein elitäres Bildungsideal, bei dem die Armen verloren gehen.

Zerrbild der Franziskaner hinterfragen

Die Darstellung der Franziskaner durch die Jesuiten hat häufig Eingang in die noch heute gebrauchten geschichtswissenschaftlichen Handbücher gefunden, sagt Mainka. Darum gelte es, dieses Zerrbild der Franziskaner im kolonialen Brasilien kritisch zu hinterfragen und die Kontur eines authentischen neuen Bildes zu entwerfen das ist ein Ziel des neuen Forschungsprojekts.

Parallel dazu suchen die Wissenschaftler in Archiven in Brasilien und Portugal systematisch nach einschlägigen franziskanischen Quellen, die bislang nicht oder nur wenig benutzt wurden. Sie interessieren sich dabei besonders für Fragen der Kommunikation: Wie tauschten sich die Franziskaner vor Ort mit den Ordensoberen und Mitbrüdern in den portugiesischen Mutterprovinzen aus? Wie verliefen die Kontakte innerhalb der brasilianischen Ordensprovinz? Wie war das Verhältnis zu den weltlichen Obrigkeiten?

Wissenstransfer zwischen Alter und Neuer Welt

Im 16. Jahrhundert griffen die Europäer zunehmend in die Welt aus, es entstanden globale Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Handel. Darum befasst sich das Forschungsprojekt auch mit dem Informations- und Wissenstransfer zwischen Alter und Neuer Welt. Auch hier gilt es, das gängige Geschichtsbild zu überprüfen, sagt Mainka. Denn nach wie vor würden die Erschließung der Sprachen und Kulturen der indigenen Ureinwohner, die Beschreibung von Flora und Fauna sowie geschichtliche Dokumentationen fast ausschließlich den Jesuiten zugeschrieben.

Bedeutende Gelehrte gab es aber auch bei den Franziskanern unter anderem Frei Vicente do Salvador, der mit seiner Geschichte Brasiliens 1500-1627 als Vater der brasilianischen Geschichtsschreibung gilt. Oder Frei Cristovão de Lisboa, dessen Manuskript Geschichte der Tiere und Vögel von Maranhão von 1627 ihm die Bezeichnung erster Naturforscher Brasiliens eingetragen hat. Das Projekt soll darum den intellektuellen Horizont und Wirkungsgrad der franziskanischen Gelehrten bei der transkontinentalen Geschichtsverflechtung bestimmen.


Kontakt

Dr. Peter Mainka, Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Universität Würzburg, T (0931) 31-85424, peter.mainka@uni-wuerzburg.de
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