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Welthunger auf bestehenden Ackerflächen stillen, Schäden für Fauna und Flora verringern

09.07.2014 - (idw) Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

DBU fordert Nachhaltigkeitsstandards für Landwirtschaft Keine Lösung ohne technischen Fortschritt Osnabrück. Die Bürger der Europäischen Union sind in Sorge: Rund drei Viertel haben Angst, dass in Zukunft Nahrungsmittel fehlen, um den Bedarf der Weltbevölkerung zu decken. Um die 2050 rund 9,1 Milliarden Erdenbürger ausreichend zu versorgen, muss sich die Nahrungsmittelproduktion auf der Erde nahezu verdoppeln, sagen die Vereinten Nationen. Wir müssen diesen Zusatzbedarf auf den heute existierenden Ackerflächen befriedigen und gleichzeitig schädigende Wirkungen auf Wasser, Boden, Luft, Arten und Biotope auf ein dauerhaft tragfähiges Maß verringern. Diese Herkules-Aufgabe bewältigt nur eine nachhaltige Landwirtschaft, die bisher nur in Konturen erkennbar und möglichst schnell zu entwickeln ist. Wir müssen auf bestehender Fläche effizienter wirtschaften, Erträge steigern und gleichzeitig hohe Nachhaltigkeitsstandards einhalten. Eine Lösung ohne die Zuhilfenahme des natürlichen biologischen und technischen Fortschritts ist nicht vorstellbar, sagt Dr. Heinrich Bottermann, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Die Stiftung, die nach ihrer gerade im sächsischen Ostritz beendeten Internationalen Sommerakademie mit vielen hochrangigen Experten aus Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zum Thema nachhaltige Landwirtschaft zu diesem Ergebnis kommt, sieht das Problem und spürt den Wunsch, zu einer Änderung des Status quo beizutragen: Die gegenwärtige Landwirtschaft, die wie andere Teile der Gesellschaft auch nur den technischen Fortschritt nutzt und entsprechende Effizienzsteigerungen aufzuweisen hat, wird dafür in Teilen der Öffentlichkeit als industrialisierte Landwirtschaft stark kritisiert, so Bottermann. Und: Eine klare Trennung zwischen sachlich gerechtfertigten Kritikpunkten und emotional motivierten Meinungen scheint derzeit kaum möglich.
Doch damit will sich die DBU nicht zufrieden geben. Für die Zukunft mit einem allseits anerkannten Leitbild einer Nachhaltigen Entwicklung sei es von großer Bedeutung, die Nachhaltigkeitsdefizite der Landwirtschaft klar zu benennen, sachlich fundierte Ziele zu definieren und praktikable Lösungsansätze für eine nachhaltige Landwirtschaft zu erarbeiten. Die DBU hat für Deutschland und die EU konkrete Handlungsfelder identifiziert, auch für die eigene Förderarbeit. Um die Zukunftsaufgaben zu meistern, sei es erforderlich, zunächst ein umfassendes Bewertungssystem der Nachhaltigkeit zu entwickeln und zur breiten Anwendung zu bringen, faktenbasiert, transparent und in aggregierter Form auch für Verbraucher verständlich und nutzbar. Das gelte insbesondere für Kriterien der artgerechten Haltung von Tieren.
Die heute üblichen Produktionsverfahren müssten einer Nachhaltigkeitsbewertung unterzogen und je nach Notwendigkeit Schritt für Schritt weiterentwickelt werden unter verantwortlicher Nutzung des technischen Fortschritts. Der Festlegung der Nachhaltigkeitsziele sei ein breit angelegter gesellschaftlicher Diskussionsprozess voranzustellen.
Die DBU sieht für Deutschland und die EU folgende konkrete Handlungsfelder, von denen einige auch Handlungsfelder der DBU-Förderung sind bzw. werden sollen:
Landnutzungswandel: Ein weiterer Landnutzungswandel ist weitestgehend zu beschränken. Das gilt global, indem möglichst kein Naturland in Agrarland umgewandelt wird. Auf nationaler Ebene ist der Flächenumfang von Grünland und Ackerland stabil zu halten; bei notwendiger Umwandlung in Siedlungsflächen ist der Saldo durch Rekultivierung vollständig auszugleichen. Dazu bedarf es auch überregionaler Ansätze des Flächenmanagements.
Artenrückgang in Agrarlandschaften: Vor allem das Vereinheitlichen des Bewirtschaftens von Flächen in Zeit und Raum zum Optimieren der Erträge reduziert die Lebensraumvielfalt von Agrarlandschaften und damit auch die Artenvielfalt. Es sind gemeinsam mit den Bewirtschaftern lokale Lösungen zu erarbeiten, die in Summe zu einem Stabilisieren der Populationen typischer Arten der Agrarlandschaften führen. Ein erster Ansatzpunkt wäre das lokale Optimieren der in Zukunft verpflichtend vorgegebenen Greening-Maßnahmen.
Tierhaltung: Für die wichtigsten Haltungsformen für Nutztiere sind Nachhaltigkeitsbewertungsverfahren zu entwickeln. Vor allem sind tiergerechte und gleichzeitig emissionsarme Ställe zu entwickeln (Ställe der Zukunft).
Verminderung der Verluste reaktiver Stickstoffverbindungen: Die in der Tierhaltung anfallenden organischen Dünger sind eine wesentliche Quelle für Stickstoffemissionen, die weitreichende ökologische Wirkungen (Eutrophierung, Versauerung, Minderung der Biodiversität) nach sich ziehen. Diese Verluste sind nach heutiger Erkenntnis nur durch ein zeitnahes Aufbereiten der Exkremente und anschließendes bedarfsgerechtes Verwenden der Nährstoffe zu vermeiden.
Nährstoffkreisläufe: Ohne das konsequente Rückführen der in den Nahrungsmitteln enthaltenen Nährstoffe, d.h. deren Rückführen aus urbanen Räumen, können Landwirtschaft und Ernährung nicht nachhaltig sein. Hier bedarf es umfassender Verfahrensänderungen beim Aufarbeiten von organischen Abwässern und Abfällen aller Art. Das Rückführen darf sich nicht auf das Phosphat beschränken, sondern sollte letztlich alle Pflanzennährstoffe einschließlich Stickstoff umfassen. Voraussetzung für die Nährstoffrückführung ist das Eliminieren der Schadstoffe.
Grünlandnutzung: Die Grünlandnutzung ist je nach Zielsetzung stärker zu differenzieren in Dauergrünland zum Bereitstellen hochwertiger Futtermittel und in Extensivgrünland mit vorrangiger Naturschutzzielsetzung. Beide Ziele sind auf einer Fläche nicht gleichzeitig erreichbar, wohl aber in räumlichem und betrieblichem Verzahnen. Entsprechende Pilotvorhaben sind zu entwickeln.
Verbraucherinformation: Der Verbraucher von Nahrungsmitteln kann sich nur dann in Richtung Nachhaltigkeit orientieren, wenn er fundierte Angaben dazu direkt auf der Verpackung oder über einen Zugang im Internet vorfindet. Dementsprechend sind einfache Konzepte für das Darstellen wichtiger Indikatoren der Nachhaltigkeit zu entwickeln und zu erproben.
Landwirtschaft sei dann nachhaltig, wenn im globalen Maßstab und über Generationen hinweg betrachtet die Nahrungsmittelversorgung und -qualität aller Menschen gesichert sei und die Produktivität der Böden und die Artenvielfalt dauerhaft erhalten würden. Bottermann: Dazu gehört auch, dass Umweltbelastungen auf ein unvermeidbares Maß im Rahmen der natürlichen Regenerationsmöglichkeit reduziert sind, Tiere artgerecht gehalten werden, die ökonomische Existenzfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe sichergestellt ist und die in der Landwirtschaft tätigen Menschen gerechte und zufriedenstellende Lebensbedingungen im Kontext ihrer Gesellschaft vorfinden. Aus ethischer Sicht unstrittig sei die Rangfolge der Nutzungen: Nahrungsmittel haben Vorrang vor Futtermitteln, diese vor der stofflichen und schließlich der energetischen Nutzung von Biomasse.
Fast überall auf der Welt sei die Landwirtschaft noch mehr oder weniger weit von diesem Leitbild entfernt. Die abnehmenden Nährstoffgehalte vieler Böden in Afrika, die Versalzung und übermäßige Nutzung fossiler Wasserreserven in Dürre-Gebieten und die Stickstoffüberschüsse in Ostasien seien Beispiele dafür. In Mitteleuropa, einer im globalen Maßstab günstigen Region für Landwirtschaft, seien der Artenrückgang in der Agrarlandschaft und die Stickstoffüberschüsse beim konventionellen Bewirtschaften als wichtigste Nachhaltigkeitsdefizite zu nennen. Aber auch der Ökolandbau, der bei diesen Kriterien die Anforderungen der Nachhaltigkeit sehr gut erfüllt, habe bisher ungelöste Nachhaltigkeitsprobleme in Form systembedingter Rückgänge der Phosphor- und Kaliumgehalte der Böden und der ungenügenden Flächeneffizienz, die bei stärkerem Ausdehnen zu Lasten bisher nicht genutzter Naturlandschaften gehe.

Mit Blick in die Zukunft stehe die globale Landwirtschaft vor einer großen Herausforderung. Bottermann: Einer global stark steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln
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