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Hilfe in 187 Fällen: Netzwerk ProBeweis zieht positive Bilanz

09.07.2014 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

Sozialministerin Rundt lobt Modellprojekt / Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt und Sexualstraftaten besteht seit zwei Jahren Jede dritte Frau in Deutschland wird Schätzungen zufolge mindestens einmal im Leben Opfer häuslicher Gewalt oder einer Sexualstraftat. Die meisten dieser Übergriffe geschehen im engen sozialen Umfeld, meist durch den Ehe- oder Lebenspartner. Gerade in diesen Fällen besteht für die Betroffenen eine hohe Hemmschwelle, ihre Rechte wahrzunehmen und bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten. Falls sie sich doch zu dem Schritt entscheiden, ist für eine erfolgreiche Strafverfolgung aber eine zeitnahe und gerichtsverwertbare Beweissicherung notwendig. Seit zwei Jahren gibt es am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) das Modellprojekt Netzwerk ProBeweis. Den Betroffenen wird in derzeit 15 Städten in Niedersachsen die Möglichkeit gegeben, Verletzungen dokumentieren und Spuren sichern zu lassen ohne sofort eine Strafanzeige erstatten zu müssen. Das Niedersächsische Sozialministerium finanziert das Projekt drei Jahre lang.

Niedersachsenweites Netz knüpfen

Bei einer Pressekonferenz zogen die Niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt und MHH-Experten eine erste Bilanz. 187 Fälle in zwei Jahren verdeutlichen, dass das Projekt für Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt richtig und notwendig ist. Es bietet Betroffenen eine professionelle Spurensicherung, ohne dass sie gleich einen Strafantrag stellen müssen. Jetzt geht es darum, Wege zu finden, diese Form des Beweisschutzes in Niedersachsen, aber auch bundesweit dauerhaft als feste Hilfe zu verankern, sagte Cornelia Rundt. Ziel ist es, ein niedersachsenweites Netz von Anlaufstellen zu knüpfen, um eine möglichst wohnortnahe Versorgung zu erreichen. Wir freuen uns, dass eine kostenfreie, gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen und Spurensicherung nach sexueller und häuslicher Gewalt inzwischen in ausgewählten Partnerkliniken in 15 Städten möglich ist, betonte Professor Dr. Michael Klintschar, Direktor des MHH-Instituts für Rechtsmedizin. Außer in Hannover gibt es in derzeit folgenden Städten Ambulanzen: Aurich, Braunschweig, Göttingen, Lüneburg, Meppen, Northeim, Oldenburg, Osnabrück, Papenburg, Stade, Uelzen, Vechta, Verden und Wolfsburg.

Nach zweijähriger Projektlaufzeit haben bislang 181 Frauen und sechs Männer das Angebot von Netzwerk ProBeweis in Anspruch genommen. Insgesamt zeichnet sich eine stetig wachsende Nachfrage ab, stellte Professorin Dr. Anette Solveig Debertin vom MHH-Institut für Rechtsmedizin fest. Es handelte sich bisher in etwa zu gleichen Teilen um körperliche und sexuelle Gewalt, in einigen Fällen auch um eine Kombination aus beiden. Nach unserem Kenntnisstand sind in über 20 Prozent dieser Fälle Anzeigen bei der Polizei erstattet worden. Dieses werten wir als Erfolg und Bestätigung der Notwendigkeit eines solchen Angebotes.

Da alle Anlaufstellen bei der forensischen Untersuchung nach demselben Standard vorgehen müssen, arbeiten sie mit einheitlichen, vom Institut für Rechtsmedizin entwickelten Dokumentationsbögen und Untersuchungskits. Sie sind in den Anforderungen mit den Standards, die auch die Polizei einhält, abgestimmt. Vorher lernen die Ärztinnen und Ärzte in den Partnerkliniken in speziellen Schulungen, wie Beweise und Spuren gerichtsverwertbar gesichert werden. Bislang wurden mehr als 200 Ärztinnen und Ärzte in den Partnerkliniken geschult und an allen Standorten ein strukturiertes Vorgehen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation und Spurensicherung unter Gewährung der ärztlichen Schweigepflicht etabliert, erklärte Privatdozentin Dr. Tanja Germerott vom MHH-Institut für Rechtsmedizin.

Die zweite Beweisambulanz in der MHH befindet sich in der Frauenklinik unter der Leitung von Professor Dr. Peter Hillemanns. ProBeweis hat sich in zweifacher Hinsicht bewährt, erläuterte der Klinikdirektor. Zum einen ist es ein niederschwelliges Angebot für alle, die sich noch nicht entscheiden können, ob Anzeige erstatten oder nicht. Zum anderen verbessert es erheblich die komplexe Untersuchungsprozedur für die Frauenärzte.

Im Anschluss an das Pressegespräch werden bei einer zweitägigen, interdisziplinären Fachkonferenz einerseits die bisherigen Erfahrungen aus dem Modellprojekt Netzwerk ProBeweis vorgestellt. Andererseits wird besonderes Augenmerk auf die aktuellen Erkenntnisse und Entwicklungen in der Gewaltopferversorgung gelegt. Zur Bestandsaufnahme der derzeitigen Strukturen in der niederschwelligen Gewaltopferversorgung präsentieren Experten aus dem Gesundheitswesen, aus Frauenunterstützungseinrichtungen und Opferhilfe sowie von Polizei und Justiz Ansätze und Modelle aus verschiedenen Bundesländern.


Die interdisziplinäre Fachkonferenz bietet erstmals eine bundesweite Plattform zum Austausch und zur Vernetzung zwischen den im Hilfesystem verankerten Professionen. Ziel ist eine bundesweite Diskussion zur Strukturierung, nachhaltigen Qualitätssicherung und Verbesserung der Versorgung von Betroffenen häuslicher und sexueller Gewalt.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Anette Debertin, Telefon (0511) 532-4589, debertin.anette@mh-hannover.de und Dr. Tanja Germerott, Telefon (0511) 532 5928, germerott.tanja@mh-hannover.de, MHH-Institut für Rechtsmedizin.
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