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'Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung': TUM-Hochschulleitung zum offenen Brief

22.01.2004 - (idw) Technische Universität München

In der Anlage übersenden wir einen offenen Brief der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienfakultät 'Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung' der TU München-Weihenstephan.

Die Hochschulleitung der TU München stellt dazu fest:

"Es ist zu verstehen und wird respektiert, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienfakultät den Studiengang Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung erhalten wissen wollen. Gleichwohl ist die Universität aufgrund der staatlich verfügten Kürzungen gezwungen, ihre strategische Ausrichtung und Schwerpunktsetzung auf den Prüfstand zu stellen. Die Hochschulleitung ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung in der bestehenden Form der TUM-typische ingenieurwissenschaftliche Schwerpunkt fehlt und den Absolventen deshalb einschlägige Berufsfelder verschlossen bleiben. Deshalb soll der Studiengang zum Wintersemester 2004/05 eingestellt werden".

TUM-Präsident Prof. Wolfgang A. Herrmann hat die Dekane der Fakultäten Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt, Architektur sowie Bauingenieur- und Vermessungswesen beauftragt, ein modernes Konzept zu den Themenkomplexen Umwelt-Ingenieurwesen, Raumplanung und Landschaftsplanung bzw. Landschaftsarchitektur zu erarbeiten. Dabei müssen alle an der Hochschule bereits vorhandenen Kompetenzen auf ihre Verfügbarkeit überprüft und dann auch genutzt werden. Die Hochschulleitung bedauert, dass unter den gegebenen Finanzzwängen der ursprünglich beabsichtigte Ressourcenausbau im Bereich Architektur und Landschaftsplanung nicht möglich ist. Andererseits sieht sie in der Einbeziehung der Fakultät Bauingenieur- und Vermessungswesen bisher nicht genutzte Chancen der Qualitätsverbesserung."


ANLAGE:

Offener Brief der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienfakultät
"Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung"
an der TU München-Weihenstephan

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Studiengang "Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung" an der TU München soll auf Empfehlung der Erweiterten Hochschulleitung vom 17. 12. 2003 zum Wintersemester 2004 eingestellt werden. Am 19. 12. 2003 erläuterte TU-Präsident Herrmann, diese Maßnahme sei notwendig, um Sparvorgaben der bayerischen Staatsregierung einzuhalten.

Die angeführten Argumente zur Schließung ausgerechnet dieses als herausragend evaluierten Studienganges sind irreführend und leicht zu widerlegen. Die Behauptung, die international renommierte Landschaftsarchitektur und -planung sei kein "Profilfach" der TU München, ist willkürlich. Von einem "besonders schwachen" Arbeitsmarkt für unsere Absolventen kann keine Rede sein, er ist besser als in vielen vergleichbaren Bereichen. Die steigende Nachfrage nach Studienplätzen machte erneut die Einführung eines Numerus Clausus erforderlich. Erst 2001 stellte eine externe Evaluierungskommission (ETH Zürich) die Exzellenz des Studienganges heraus und forderte dessen deutliche Stärkung. 2002 wurde deshalb vom Verwaltungsrat der TU München der Ausbau der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung um 7 (!) Professuren beschlossen. Derzeit laufen bereits mehrere Berufungsverfahren, u.a. für eine von der Allianz Umweltstiftung eingebrachte C4-Stiftungsprofessur ("Strategie und Management der Landschaftsentwicklung").

Wir, die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienfakultät "Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung", halten die Empfehlung zur Schließung für einen folgenschweren Fehler. Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung nehmen sich der komplexen, fächerübergreifenden Probleme aktueller Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen an. In der Vergangenheit wurden in unserem Hause zahlreiche Methoden u.a. zur ökologischen Fundierung der Landesentwicklung und Landschaftsplanung erarbeitet. Erinnert sei an Meilensteine wie die Entwicklung geographischer Informationssysteme (GIS), die Entwicklung von Strategien für postindustrielle Landschaften (z.B. im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher-Park), der Ökologische Leitplan Athen, das MAB-Projekt Berchtesgaden, das Arten- und Biotopschutzprogramm oder die Sanierung des Donaumooses. Dieses hohe Innovationspotential findet national wie international große Anerkennung. Laufende Kooperationen, Lehraufträge und Forschungsprojekte z.B. in Brasilien, China, im südlichen Afrika und den USA weisen auf den anhaltend hohen Standard und die Bedeutung des hier entstandenen Wissens für die globale Umweltforschung hin. Hier erarbeitete Verfahren werden weit über die Grenzen Deutschlands hinaus täglich angewendet.

Gegenwärtig laufen u.a. Projekte zur Revitalisierung von Altindustriestandorten und deren Infrastruktur, zur Nachhaltigkeit urbaner Systeme, zur Gestaltung stadträumlicher Veränderungen, zur Sicherheitsforschung über Umweltauswirkungen gentechnisch veränderter Organismen sowie zur Koexistenz von konventioneller Landwirtschaft und Landwirtschaft mit transgenen Pflanzen. Mit der EU-Integration und Osterweiterung stehen wir vor neuen Problemstellungen, für die unsere Institution Lösungsansätze entwickeln und qualifiziertes Personal ausbilden kann. In diesem Zusammenhang ist auch auf die rasche Weiterentwicklung der Umweltgesetzgebung auf nationaler und auf EU-Ebene hinzuweisen, die ihrerseits eine methodische Weiterentwicklung der Landschaftsplanung erforderlich macht. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Es ist nicht nachvollziehbar, warum ein erfolgreiches Kompetenzzentrum für Probleme größter gesellschaftlicher Relevanz in dieser Situation geschwächt werden soll.

Eine Landschaft ist kein allein mit naturwissenschaftlichen Methoden erfassbares Objekt, sondern ebenso ein kulturelles und ästhetisches Gebilde. Sie kann auch nicht auf der Grundlage rein technischen Wissens geplant und gestaltet werden. Dieser komplexen Aufgabenstellung trägt unser Studiengang durch seine betonte Interdisziplinarität Rechnung. Die Auffassung, eine solche Form interdisziplinärer Kompetenz könne - wie nun vorgesehen - quasi nebenbei von anderen, rein technisch orientierten Fachrichtungen vermittelt werden, unterschätzt auf fahrlässige Weise die Herausforderungen moderner, nachhaltiger Landschaftsarchitektur und -planung. Sie verkennt, welch hohes Gut die sorgsam entwickelte Praxis der Landschaftsgestaltung in Deutschland darstellt. Die gleichermaßen menschen- wie naturfreundliche Entwicklung unserer Umwelt ist keine Selbstverständlichkeit.

Interdisziplinäres Wissen und die Ausbildung entsprechend hoch qualifizierter Kräfte sind von zentraler Bedeutung für den Freistaat Bayern und weit darüber hinaus. Es kann nicht im öffentlichen Interesse liegen, dass eine Universität über die Abschaffung eines Studienganges mit national wie international erstklassiger Reputation autonom entscheidet und so den landesweiten oder gar bundesweiten Verlust wichtiger Kompetenzen heraufbeschwört. Unser Studiengang ist in Süddeutschland einmalig. Die als Innovationsvorbild gern zitierte Schweiz richtet gerade an der ETH Zürich einen ähnlichen Studiengang ein.

Der sich in Bayern abzeichnenden (umwelt-)bildungspolitischen Brandrodung sollte u.a. mit einem ver-antwortungsvollen, universitätsübergreifenden Strukturkonzept für alle Hochschulen des Freistaates begegnet werden. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen dürfen nicht ausgerechnet gesamtgesellschaftlich bedeutsame und international angesehene Eckpfeiler unserer Universitäten kurzsichtigen Profilierungsüberlegungen zum Opfer fallen.

Zusammenfassend stellen wir fest und fordern:
<sum> Die drohende Schließung des Studienganges "Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung" an der TU München in Weihenstephan muss verhindert werden!
<sum> Mit der drohenden Erosion wissenschaftlich qualifizierter Umweltplanung an der Schlüsselstelle von Forschung und Lehre in Weihenstephan zeichnet sich eine gefährliche Fehlentwicklung ab.
<sum> Wir fordern alle Verantwortlichen auf, sich unverzüglich und mit aller Vehemenz für den bereits zugesagten Ausbau des Studienganges einzusetzen. Die einzigartige Chance, das Kompetenzzentrum für Landschaftsarchitektur und -planung weiter auszubauen, darf nicht leichtfertig verspielt werden.

Wir wenden uns in der Hoffnung an Sie, dass Sie mit uns für die Erhaltung des Studienganges eintreten. Möglichkeiten der Unterstützung sind die Weiterleitung dieses Briefes (möglichst bald mit einem kurzen, von Ihnen unterschriebenen Begleitbrief) an Ihnen bekannte Persönlichkeiten und Institutionen oder ein persönliches Schreiben an: Herrn Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Dr. Thomas Goppel, Salvatorstr. 2, 80333 München; Herrn Staatsminister für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Dr. Werner Schnappauf, Rosenkavalierplatz 2, 81925 München; Frau Vigdis Nipperdey, Vorsitzende des Hochschulrates, Arcisstraße 21, 80333 München; den Präsident der TU München, Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann, Präsidialbüro, Arcisstraße 21, 80290 München.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Freising-Weihenstephan, den 14. 01. 2004

Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studienfakultät "Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung" an der TU München-Weihenstephan

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