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Wie Muslime sich die Hindu-Kultur aneigneten

11.07.2014 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Mehr als ein halbes Jahrtausend lang regierten muslimische Herrscher in Indien. Sie ließen zahlreiche Texte aus den indischen Sprachen ins Persische übersetzen: Es war einer der bedeutendsten Wissenstransfers der Weltgeschichte. Die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Orthmann von der Universität Bonn sammelt und untersucht diese Übersetzungen gemeinsam mit der Universität Sorbonne nouvelle - Paris 3. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und ihr französisches Pendant ANR fördern das Vorhaben mit insgesamt 470.000 Euro. Der Wahlsieg des Nationalisten Narendra Modi hat das schwierige Miteinander von Hindus und Muslimen in Indien wieder ins Blickfeld der Welt gerückt. Er ist nur das neueste Kapitel einer langen Geschichte zweier Kulturen denn seit Jahrhunderten ist auch der Islam ein Teil der indischen Gesellschaft. Mit dieser bedeutsamen Begegnung befasst sich das Forschungsprojekt Perso-Indica an der Universität Bonn: Prof. Dr. Eva Orthmann von der Abteilung für Islamwissenschaft und Nahostsprachen betreut es gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Fabrizio Speziale, der einen CNRS-Lehrstuhl an der Universität Sorbonne nouvelle - Paris 3 innehat. Beteiligt ist auch Prof. Carl W. Ernst von der North-Carolina-Universität in Chapel Hill (USA).

Mehr als ein halbes Jahrtausend lang herrschten Muslime über große Teile des indischen Subkontinents: Im Jahre 1206 entstand das Sultanat von Delhi, ihm folgte von 1526 bis 1858 das Reich der Großmoguln. Die Eroberer fanden eine hochentwickelte Kultur vor: philosophische Lehrbücher und historische Epen etwa, erotische Dichtung, aber auch wissenschaftliche Untersuchungen etwa zur Medizin, Mathematik und Astronomie. Vieles ließen die neuen Herrscher in die Sprache der muslimischen Eliten in Indien übersetzen, ins Persische: Es war vielleicht der weltweit bedeutsamste Kulturtransfer von einer Sprache zur anderen, seit die wissenschaftlichen Texte der griechischen Antike ab dem 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt wurden und so dem Vergessen entgingen.

Eine Datenbank soll alle Texte erfassen

Perso-Indica ist in vieler Hinsicht ein Pionierprojekt, sagt Prof. Orthmann: Zum Beispiel, weil wir nicht einmal wissen, wie viele solche Texte es überhaupt gibt. Der erste Schritt ist deshalb, sie alle zu erfassen. Die Forscher haben eine Online-Datenbank konstruiert, in die zahlreiche Experten weltweit ihre Erkenntnisse eintragen sollen. Anschließend stellt sich für jeden Text eine Vielzahl von Fragen: Wer ließ welchen Text übersetzen? Wann und wo? Für welchen Leserkreis? Und warum? Solche Übersetzungen macht man nicht einfach so, sagt die Islamwissenschaftlerin. Sie kosten viel Geld. Wir fragen also: Welche Interessen standen dahinter?

Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Für Medizin und Mathematik lässt sich ganz pragmatisch ein wissenschaftliches Interesse annehmen. Aber was wollten die Moguln wohl mit einer persischen Version des Nationalepos Mahabharata? Es ist vier Mal so lang wie Tolkiens ganzer Herr der Ringe. Prof. Orthmann vermutet dahinter eine politische Absicht: Eine Theorie ist, dass die Mogulkaiser das Epos vor allem als eine Darstellung von indischen Herrschern und ihrer Geschichte verstanden. Indem sie es in die persische Literatur einfügten, stellten sie sich im Gegenzug zugleich in die Tradition der indischen Könige.

Im 18. Jahrhundert begann der Stern der Moguln zu sinken: Die Briten eroberten Indien und erlagen bald selbst der Faszination der jahrtausendealten Kultur. Um sie kennenzulernen, nutzten auch sie zunächst den Umweg über das Persische: Die spätesten Perso-Indica-Texte stammen aus den 1830er Jahren und entstanden im Auftrag britischer Forscher und Militärs.

Der Mogulkaiser und die Astrologie

Rund 25 Experten beteiligen sich an dem Projekt; neun davon betreuen die einzelnen Themenbereiche, denen sich die Übersetzungen zuordnen lassen. Prof. Orthmann hat den Komplex Astrologie übernommen: Nicht, weil ich zuhause eifrig Horoskope stellen würde sondern weil die Geheimwissenschaften damals eine wichtige Rolle spielten. Der zweite Mogulkaiser Humayun etwa: Er hat die Astrologie zur Festigung seiner Legitimität genutzt und sich als »Sonnenherrscher« inszeniert. Sprach- und kulturwissenschaftlich besonders interessant ist laut Prof. Orthmann dabei auch, welche persischen Wörter die Übersetzer für hinduistische Begriffe fanden, die es im Islam nicht gibt zum Beispiel für Yoga oder für Holi, ein religiöses Volksfest der Hindus. Unser Ziel ist, hierzu ein spezielles Online-Wörterbuch aufzubauen, in dem die Begriffe und ihre jeweiligen Übersetzungen kontextbezogen angegeben werden, kündigt die Bonner Expertin an.

Fördergelder für das Projekt kommen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und ihrem französischen Pendant Agence Nationale de la Recherche (ANR): Ab Oktober 2014 finanzieren sie drei Jahre lang für Bonn und Paris je eine Postdoktorandenstelle, die technische Infrastruktur der Textdatenbank sowie jährlich ein Expertentreffen. Ein Kongress zum Thema ist für September 2015 in der indischen Metropole Delhi geplant.


Kontakt für die Medien:

Prof. Dr. Eva Orthmann
Abteilung für Islamwissenschaft und Nahostsprachen
Tel.: 0228/73-5873
E-Mail: eva.orthmann@uni-bonn.de Weitere Informationen:http://www.perso-indica.net Informationen zum Projekt
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