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Erinnerungskulturen im Wandel: Von den Helden zu den Opfern

22.07.2014 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

FRANKFURT. Jubiläen, Gedenk- und Feiertage sind willkommene Anlässe, sich gemeinsam zu erinnern. Aber wie stehen diese in Beziehung zu Erinnerungskulturen? Warum brauchen Gemeinschaften das kollektive Erinnern, um fort zu bestehen? Historiker zeigen, dass Erinnern nicht nur identitätsstiftend ist, sondern dass es auch bedeutet, sich vergangene Ereignisse zu vergegenwärtigen. Dazu stellt Prof. Dr. Christoph Cornelißen in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt einige grundsätzliche Überlegungen an. Den Begriff Erinnerungskultur nutzen Politiker und Festredner gern und verbinden dies mit der moralischen Pflicht, sich der vergangenen Ereignisse zu erinnern nicht selten mit erhobenem Zeigefinger im allgemeinen Imperativ. Erinnerungskultur ist seit etwa zwei Jahrzehnten zu einem Leitbegriff der modernen Kulturforschung geworden: Die Vergangenheit wird genutzt, um historisch begründete Identitäten zu formieren. Der Frankfurter Historiker Cornelißen weist in seinem Essay in Forschung Frankfurt darauf hin, dass Erinnerungskulturen nicht wie es oft geschieht als statisches Gedächtnis von Gruppen verstanden werden, sondern als ein dynamischer Prozess, in dem politische und gesellschaftliche Aspekte ausgehandelt werden.

Wenn Geisteswissenschaftler Erinnerungskulturen moderner Gesellschaften untersuchen, geht es darum, das In-, Mit- und Nebeneinander eines von diversen Erinnerungskonkurrenzen geprägten dynamischen Geschehens auszuloten. Welche Aspekte dabei zu berücksichtigen sind, erläutert Cornelißen: Je nach Generationszugehörigkeit, Geschlecht, Religion, Ethnie oder auch sozialen wie milieubedingten Zusammenhänge werden die gleichen Vorgänge unterschiedlich erinnert, auch deswegen, weil die Wortführer der jeweiligen Gruppen spezifische soziale Autobiografien konstruieren, die dann den Individuen eine zumindest partielle Identitätsfindung erlauben.

Historiker erforschen, wie Erinnerungskulturen über längere Perioden einem permanenten Wandel unterliegen, aber auch, wie sich scheinbar festgefahrene Erinnerungsmuster abrupt verändern können. Ein markantes Beispiel ist der Niedergang des Ostblocks und des Kommunismus Ende der 1980er Jahre. Dazu der Frankfurter Historiker: Wie in einem Zeitraffer meldeten sich massenhaft verschüttete Gedächtnisse erneut an der Oberfläche zurück, während sie zuvor über Jahrzehnte marginalisiert oder sogar unterdrückt worden waren. Dies bezieht sich vor allem auf die kontroverse Erinnerung an die stalinistischen Massenverbrechen, aber auch auf die nun erneut massiv beförderte Erinnerung an die Protagonisten der nationalen Kulturen.

Nach der Heldenverehrung der Nachkriegszeit (auch in westlichen Staaten) rücken nun die Opfer ins Zentrum der Erinnerungskulturen. Cornelißen diagnostiziert einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung zur historischen Viktimisierung. Kritiker sehen darin auch eine Suche nach Entlastung; denn die Identifizierung mit den Opfern ermögliche es, sich von ambivalenten Erinnerungen zu befreien, sie verspreche sogar eine Erlösung, und sie ermögliche es, die Täter ausgrenzen.

Neuerdings beobachtet der Frankfurter Historiker eine starke auch von der Europäischen Union geförderte Trend zur Europäisierung von Erinnerungskulturen: Sie tendiert dazu, die ältere Fassung einer Meister-Geschichte wiederzubeleben, die Europa ausschließlich als einen Kontinent der noblen Traditionen zeichnet, als einen Kontinent der Menschenrechte und der Demokratie, eben als Europa der westlichen Zivilisation. Damit sei sogar das Bestreben zur Universalisierung von Erinnerungskulturen auszumachen, wesentlich gefördert von der öffentlich inszenierten Erinnerung an den Holocaust. Dazu Cornelißen: Dies hat jedoch inzwischen zu durchaus problematischen Erscheinungen geführt. Werden doch die Anlässe wie Gedenkveranstaltungen immer stärker nur noch für eine zeitlose Ermahnung zur Humanität instrumentalisiert und lenken hierüber von einer Beschäftigung mit dem realen historischen Geschehen ab.

Der Historiker kommt zu dem Schluss, dass in diesen Erinnerungskulturen eine schleichende Enthistorisierung der Vergangenheit zu beobachten sei, es fehle die notwendige Dynamik der Erinnerungskultur. Das sollte nicht nur Historiker irritieren, meint Cornelißen: Denn wenn die Erinnerungskultur ihre Dynamik aus der Aktualität verliert, ist sie tot.


Informationen: Prof. Dr. Christoph Cornelißen, Historisches Seminar, Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 798-32591, cornelissen@em.uni-frankfurt.de

Die aktuelle Ausgabe von Forschung Frankfurt kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de. Weitere Informationen:http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de
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