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Debatte zur Klimapolitik verliert Zwei-Grad-Obergrenze aus dem Blick

22.07.2014 - (idw) Zeppelin Universität

Friedrichshafen. Bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 verständigte sich die internationale Staatengemeinschaft auf das globale Klimaschutzziel der Zwei-Grad-Obergrenze. Es sollen Maßnahmen ergriffen werden, die durchschnittliche Erwärmung der Erde unter zwei Grad gegenüber vorindustriellen Werten zu halten. Die Zwei-Grad-Obergrenze wurde daraufhin zum Leitthema der gesellschaftlichen Debatte über den Klimawandel. Fünf Jahre danach jedoch spielt sie praktisch keine Rolle mehr. Welche Ursachen, welche Folgen hat das? Das hat Prof. Dr. Markus Rhomberg, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Kommunikation an der Zeppelin Universität (ZU), im Auftrag des Umweltbundesamts untersucht. Rhomberg analysierte gemeinsam mit seinem Doktoranden Jonas Kaiser dazu die Medieninhalte von sechs Tageszeitungen (die tageszeitung, Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Bild) und vier Wochenmagazinen (Die Zeit, Focus, Der Spiegel, Stern). Dabei zeigte sich, dass die Häufigkeit der Berichterstattung nach einem Hoch während des Klimagipfels in Kopenhagen im Dezember 2009 bis heute langsam, aber stetig abnimmt. Spiegelbildlich zeige sich dies auch im Zuge der Energiewende-Debatte, so die Forscher. Dort werde vor allem diskutiert, wie die Wende gestaltet werden soll. Rhomberg: Warum eine Energietransformation notwendig ist und welche Rolle die ,Zwei-Grad-Obergrenze dabei spielt, ist kaum Thema.

Zwar könnte man nach Ansicht Rhombergs argumentieren, dass die Häufigkeit der Berichterstattung kein aussagekräftiger Indikator für die Wichtigkeit eines Themas für die Politik ist. Zumindest bedeutet dies aber, befindet Rhomberg, dass das Thema nach und nach aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwindet. Dies auch mit dem Nebeneffekt, dass die Politik durch dieses Defizit an Aufmerksamkeit auch nicht unter starken Handlungsdruck gerate und stehe.

Die Politik zieht sich zurück

Innenpolitisch, so die Wissenschaftler, werde die Zwei-Grad-Obergrenze in den Jahren 2009 bis 2014 zumindest nur wenig diskutiert: Die Bundestags-Fraktionen hätten sich kaum zum Thema geäußert. Und wenn sich dazu die Politik in den Medien äußerten, dann vor allem durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und das Bundeskanzleramt. Hingegen seien deutsche Politiker mit Aussagen zur Zwei-Grad-Obergrenze rund um die Vertragsstaatenkonferenzen der UN-Klimarahmenkonvention, der Rio+20-Konferenz sowie dem Bericht der Arbeitsgruppe 1 zum 5. IPCC-Sachstandsbericht in den Medien präsent. Spätestens ab dem Jahr 2012 übernahmen in den führenden deutschen Medien aber wissenschaftliche Akteure die Hauptrolle in der Debatte um die Einhaltung der Zwei-Grad-Obergrenze.

In diesem Zusammenhang ist für Rhomberg und Kaiser auch der Befund interessant, dass sich die Debatte vom Politikteil der Zeitungen in die Wissenschaftsteile verlagert hat: Die Zwei-Grad-Obergrenze ist vom Politikthema zum Wissenschaftsthema geworden.

Liegt das am Fehlen durchschlagender Verhandlungserfolge? Schiebt die Politik ihre Verantwortung ab? Ist dies ein Indiz für Resignation in der Klimapolitik? Was sich deutlich zeigt, ist, dass die durchaus optimistische politische Grundstimmung, die bis zum Jahr 2010 erkennbar war, in der Medienanalyse immer mehr einer gewissen Indifferenz für das Thema weicht, stellen die Wissenschaftler fest.

Die Medien schreiben: Die Klimadiplomatie ist gescheitert

In den Medien werde in den Folgejahren geradezu eine Müdigkeit gegenüber der Zwei-Grad-Obergrenze, wenn nicht sogar dem gesamten Klima-Thema gegenüber, spürbar. Bei ihrer Medienanalyse stellten Rhomberg und Kaiser fest, dass die großen internationalen Klima-Gipfel nicht als erfolgreiches Mittel zur Einhaltung der Zwei-Grad-Obergrenze wahrgenommen werden. Lieber griffen die Medien das Scheitern dieser Gipfel auf. Die Klimapolitik sei hier in einer Zwickmühle: Einerseits steige das öffentliche Interesse im Zuge solcher Konferenzen. Andererseits würden die Frustrationen höher, weil der große Durchbruch eben nicht gelingt. Rhomberg: Immer wieder flankiert von Meldungen über steigende Emissionstrends weltweit verwundert es auch nicht, dass insbesondere die ,Nicht-Erreichbarkeit der Zwei-Grad-Obergrenze thematisiert wird.

Aus Medienperspektive sei die Debatte um die Zwei-Grad-Obergrenze kein Einhaltungsdiskurs, sondern vor allem ein Zieldiskurs. Das Warum ist die Einhaltung von zwei Grad notwendig und sinnvoll? werde nur am Rande diskutiert. Im Zentrum hingegen stehe das Erreichen beziehungsweise Nicht-Erreichen, verbunden mit der Konnotation des politischen Scheiterns: Wird das Ziel erreicht ja oder nein? Die sozioökonomischen und ökologischen Konsequenzen des Überschreitens der Zwei-Grad-Obergrenze würden zumindest in den analysierten Medien kaum diskutiert. Ebenso wenig stehe der Nutzen der Einhaltung der Zwei-Grad-Obergrenze beziehungsweise der Maßnahmen dafür im Blickpunkt. Rhomberg: Dass die Einhaltung der Zwei-Grad-Obergrenze mit der Bewahrung von Lebensräumen und Menschenleben eng verknüpft ist, gerät weitgehend aus dem medialen Fokus.

Die Wissenschaft auf unbekanntem Terrain

Für die Wissenschaft bedeutet der Rückzug der Politik aus den Medien nach Ansicht der Forscher zweierlei: Einerseits werde von ihr verlangt, klare Aussagen zu treffen. Andererseits bewege sie sich in den Medien auf unbekanntem Terrain. Die Forschung selbst nimmt das Thema in ihren Publikationen erst nach dem Ende des medialen Hypes auf. Insbesondere in der deutschen Forschungslandschaft fällt Rhomberg und Kaiser aber eine intensivere Beschäftigung im internationalen Vergleich auf. In der Forschung werden dabei jene Fragen thematisiert, die die Politik nur selten aufgreift: nämlich welche Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Zwei-Grad-Obergrenze einhalten zu können, und was erwartbare Konsequenzen des Nicht-Erreichens dieses globalen Klimaschutzziels sind.

Was bedeutet es schließlich, dass die Wissenschaft ihre Erkenntnisse zunehmend auch medial publiziert? Wird sie dadurch stärker politisiert? Wird sie dadurch auch angreifbarer? Im Wissenschaftssystem selbst gehört die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum guten Stil, analysiert Rhomberg, Medien-Debatten zwischen Wissenschaftlern werden hingegen von außenstehenden Akteuren gerne genutzt, um Uneinigkeit der Wissenschaft in der Klimafrage zu propagieren. Indem Wissenschaftler nach ihren Empfehlungen gefragt würden, setzten sie sich gleichzeitig der Kritik aus, eine Rolle einzunehmen, die ihnen nicht zustehe. Rhomberg: So bewegen sich Wissenschaftler auf dem ihnen meist unbekannten Medien-Terrain; nur wenige suchen aktiv und strategisch den Weg in die Öffentlichkeit.

Brücken bauen zwischen Politik, Wissenschaft und Medien

Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Beratungsinstitute und andere Akteure, die sich im Feld zwischen Wissenschaft, Politik und Medien bewegen, könnten nach Meinung der Forscher hier eine Scharnierfunktion übernehmen. In den Medien sind sie konstant mit Kommentaren zur Zwei-Grad-Obergrenze vertreten. Rhomberg: Ihre Kernkompetenz liegt vor allem darin, Wissenschaft, Politik und Medien miteinander zu verbinden. Viele dieser Akteure beobachteten die politischen Entwicklungen, sichteten wissenschaftliche Studien systematisch und versuchten die Ergebnisse in den Medien zu platzieren. Dies gelinge jedoch nur teilweise. Wie können sie noch besser dazu beitragen, dass die wichtigsten Botschaften ihren Weg in die Öffentlichkeit finden? Der Austausch zwischen Akteuren ist ein wichtiges Instrument, um besser zu verstehen, welchen Mechanismen die mediale Debatte um Klimaschutzthemen folgt, schlussfolgern Rhomberg und Kaiser.

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