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Ungleichheit ein zentrales Thema der Wirtschaftswissenschaften

11.08.2014 - (idw) Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau e.V.

Wirtschaftsnobelpreisträger und engagierte Nachwuchsökonomen aus aller Welt treffen nächste Woche in Lindau zusammen, um über Modelle und Konzepte zu diskutieren. In Folge der Weltwirtschaftskrise und der anschließenden wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen ist das Thema Ungleichheit erneut zum Schwerpunkt öffentlicher Debatten geworden. Die Faktoren, die für die zunehmend ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen verantwortlich gemacht werden, sowie verschiedene wissenschaftliche Modelle, die sich mit geeigneten Gegenmaßnahmen beschäftigen, zählen zu den zentralen Themen, die 17 Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und rund 450 Nachwuchsökonomen aus 80 Ländern in der nächsten Woche während der 5. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften erörtern wollen. Die Tagung lädt zu einem einzigartigen Generationen, Kulturen und wissenschaftliche Hintergründe übergreifenden Dialog ein. Eröffnet wird die Veranstaltung am 20. August mit einer Grundsatzrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Einen Ausblick auf die Situation und die Aussichten für Lateinamerika gewährt ein Vortrag von Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2010.

Vom 20. bis 23. August haben die teilnehmenden Nobelpreisträger und jungen Wirtschaftswissenschaftler vielzählige Gelegenheiten zu einem intensiven Ideenaustausch. Die zahlreichen Vorträge, Diskussionsrunden, Master Classes und Podiumsdiskussionen, die auf dem Programm stehen, beschäftigen sich mit zentralen Feldern der Disziplin wie die Ökonometrie, die Spieltheorie, die Mechanismus-Design-Theorie, das Neoklassische Wachstumsmodell und Messungen des Systemischen Risikos. Thema der abschließenden Podiumsdiskussion der Tagung am Samstag, dem 23. August auf der Insel Mainau wird die übergeordnete Frage sein: Wie nützlich sind die Wirtschaftswissenschaften wie sind die Wirtschaftswissenschaften nützlich?. Als Ehrengast der Abschlussveranstaltungen an diesem Tag wird Königin Silvia von Schweden erwartet.

Zu den Beiträgen, die sich mit der Herausforderung großer und wachsender Ungleichheiten auseinandersetzen, zählen die Vorträge von Joseph Stiglitz, Eric Maskin und James Mirrlees.

Joseph Stiglitz: Inequality, wealth and growth: why capitalism is failing

Aktuellen Daten ist zu entnehmen, dass nicht nur das Vermögen, sondern auch das Verhältnis zwischen Vermögen und Einkommen enorm zunimmt. Ein damit verbundener Rückgang der Zinsen oder Lohnerhöhungen, wie man sie hätte erwarten können, blieben jedoch aus. In einigen Ländern, wie beispielsweise in den USA, ist stattdessen von einer stagnierenden Lohn- und Gehaltsentwicklung die Rede.

Wenn Vermögen als Kapital verstanden wird, führt dies zu einem scheinbaren Paradoxon, einem starken Widerspruch zum neoklassischen Modell, weil ausgeprägte Ungleichheiten als natürlicher Aspekt des Kapitalismus betrachtet werden mit Ausnahme einer kurzen Periode von einigen Jahrzehnten vor 1980.

In seinem Vortrag wird Joseph Stiglitz dieses scheinbare Paradoxon auflösen. Er beschreibt die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte, die zu wachsender und nachlassender Ungleichheit führen. Und er zeigt auf, wie das Gleichgewicht zwischen diesen Kräften seit 1980 gestört wurde, was schließlich zu einem höheren Gleichgewichts-Niveau der Ungleichheit führt.

Professor Stiglitz wird auch darauf eingehen, dass die heute größere Ungleichheit nicht nur das Ergebnis von Marktkräften, sondern auch von politischen Strategien und Maßnahmen ist, die zum Teil die Verhaltensmechanismen eines gut funktionierenden Wettbewerbsmarktes beeinträchtigt haben. Zum Abschluss seiner Analyse wird er eine Verbindung zwischen wachsender Ungleichheit und Finanzsystem sowie Kreditschöpfungsprozess herstellen.

Eric Maskin: Why havent global markets reduced inequality in developing economies?

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile prophezeit, dass die Globalisierung in Schwellenländern für einen Rückgang der Einkommensunterschiede sorgt. Allerdings hat sich dies in der gegenwärtigen Ära eines zunehmenden internationalen Handels nicht bewahrheitet (obwohl die Prognose auf frühere Globalisierungsformen zutraf).

In seinem Vortrag wird Eric Maskin eine alternative Theorie präsentieren, die er in Zusammenarbeit mit seinem Harvard-Kollegen Michael Kremer entwickelt hat diese scheint auch auf die jüngere Geschichte zuzutreffen. Das Modell begreift Globalisierung als eine Zunahme der internationalen Produktion. Computer sind ein gutes Beispiel dafür: Sie können in den USA entwickelt, in Europa programmiert und in China zusammengebaut werden.

Professor Maskin wird aufzeigen, dass ein Abbau von Hemmnissen für die internationale Produktion in Schwellenländern zu neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für mäßig qualifizierte Arbeitskräfte, nicht aber für ungelernte Arbeiter führt. Und dieses Missverhältnis, so seine Argumentation, sorgt in vielen Schwellenländern für eine zunehmende Ungleichheit.

Sir James Mirrlees: Some Interesting Taxes and Subsidies

Den Analysen von Sir James Mirrlees zufolge gibt es Situationen, in denen Grenzsteuersätze von hundert Prozent oder nahezu hundert Prozent gerechtfertigt sind. In seinem Vortrag wird er auf drei Modelle eingehen: Ein Modell, das ungewöhnliche Annahmen zu Arbeitspräferenzen trifft, begründet Einkommensbeihilfen für niedrige Einkommen bei impliziten Grenzsteuersätzen von hundert Prozent.

Das zweite Modell, das von einer hohen Substituierbarkeit von Konsum und Arbeit ausgeht, könnte Grenzsteuersätze von annähernd hundert Prozent auf die höchsten Einkommen rechtfertigen. Und das letzte Modell legitimiert bei einem Wettbewerb zwischen qualifizierten Fachkräften (wie etwa Sportler oder Erfinder) um Marktanteile Grenzsteuersätze von hundert Prozent auf hohe Einkommen einer bestimmten Art.

Professor Mirrlees wird zu dem Ergebnis kommen, dass die Annahmen, unter denen diese Schlussfolgerungen gezogen werden, in den gegenwärtigen Wirtschaftssystemen nicht haltbar sein müssen aber mitunter sein könnten. Auf jeden Fall geht es um extreme Ergebnisse, deren Begründungen dazu beitragen können zu verstehen, wie Anreize funktionieren und welche Auswirkungen sie auf die Besteuerung haben.

Die Lindauer Tagungen

Seit ihrer Gründung im Jahr 1951 als Initiative zur Nachkriegs-Aussöhnung von Wissenschaftlern haben sich die Lindauer Nobelpreisträgertagungen zu einem weltweit einzigartigen Forum für den ungezwungenen Austausch unter Physiologen und Medizinern, Physikern und Chemikern entwickelt. Die Tagungen dienen dem Wissenstransfer, der Inspiration und der Vernetzung von Wissenschaftlern. Jedes Jahr kommen Nobelpreisträger und Nachwuchswissenschaftler aus der ganzen Welt in Lindau zusammen, um miteinander in einen generationenübergreifenden und interkulturellen Dialog zu treten. Die wirtschaftswissenschaftlichen Tagungen wurden im Jahr 2004 ins Leben gerufen. Hier haben einige der engagiertesten jungen Ökonomen der ganzen Welt die Gelegenheit, die Fragen zu stellen und die Themen zu diskutieren, die sie am meisten interessieren und bewegen.
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Informationen für die Presse:

Die Lindau Nobel Laureate Meetings richten vom 19. bis 23. August 2014 die 5. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften aus. Journalisten haben die Möglichkeit, sich online für eine Akkreditierung anzumelden:

accreditation.lindau-nobel.org/2014

Informationen zur Tagung und zum Tagungsprogramm sind im Internet zu finden unter:
mediatheque.lindau-nobel.org/meetings/2014-eco

Die folgenden 17 der 38 lebenden Träger des Preises der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel, die gemeinhin als Wirtschaftsnobelpreisträger bezeichnet werden, nehmen an der Tagung teil: Robert Aumann, Peter Diamond, Lars Peter Hansen, Finn Kydland, Eric Maskin, Daniel McFadd
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