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Aufopfernd, fürsorglich, weiblich

28.08.2014 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Sie treten auf als engelsgleiche Retter oder als Engel des Todes und sind mal fürsorglich, mal hilflos: Filme über den Ersten Weltkrieg zeigen Krankenschwestern auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen. Die Medizinhistorikerin Karen Nolte hat ihre Darstellung erforscht. Sonntag, 20. September 1914, Le Mans, Zugsstation. Wir begannen mit Frühdienst im Schulspital der Jesuiten um 6 Uhr 30 und den Rest des Tages werde ich wohl nie vergessen. Der Kampf um die verschanzten Positionen der Deutschen hinter Reims war so fürchterlich, dass seit letztem Sonntag die Opferzahl gewaltig gestiegen ist. Drei Züge voll mit Verwundeten, zusammen 1175 gezählte Fälle, wurden an der Station abgegeben; wir wurden um 11 Uhr morgens hingeschickt. Der Zug, dem ich zugeteilt wurde, hatte 510 Fälle. Wir betraten einen Viehwagon, bewaffnet mit einem Tablett mit Verbandsmaterial und einem Eimer; die Männer lagen auf Stroh; sie waren wohl schon seit mehreren Tagen in Zügen; sie waren anscheinend nur einmal versorgt worden und viele hatten Wundbrand. Wenn wir einen fanden, der dringend eine Amputation, eine Operation brauchte oder im Sterben lag, riefen wir einen medizinischen Offizier, um ihn aus dem Zug ins Spital zu bringen. Niemand murrte oder regte sich auf.

So beschreibt eine englische Krankenschwester in ihrem Tagebuch ihre Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg. Sie ist nicht die Einzige, die solche Erfahrungen macht: Während mehrere Millionen Soldaten vier Jahre lang an den diversen Fronten kämpfen, sind gleich dahinter, in den Lazaretten, viele Frauen als Krankenschwestern im Einsatz. Auf deutscher Seite arbeiten dort nach Informationen des Deutschen Roten Kreuzes rund 25.000 von ihnen. Sie assistieren bisweilen unter Feindbeschuss bei Operationen, versorgen die Verwundeten so gut es geht und erleben dabei den Krieg hautnah. Wie ihre Arbeit in Filmen über den Ersten Weltkrieg dargestellt wird, hat die Privatdozentin Dr. Karen Nolte, Akademische Rätin am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg, untersucht. Ihre Ergebnisse hat sie Ende Mai auf der von ihr organisierten internationalen Konferenz Nursing 1914-1918: War, Gender and Labour in an European Perspective in Ingolstadt vorgestellt.

Fündig wurde Nolte vor allem in einer speziellen Art von Filmen, den Anti-Kriegsfilmen. Die Darstellung von Verwundeten, von Leiden und Sterben war zentrales Werkzeug, um die Inhumanität, Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges aufzuzeigen, sagt sie. Dass Filme, die die Bevölkerung für den Krieg mobilisieren und zum Durchhalten animieren sollten, auf solche Szenen verzichten, versteht sich von selbst. Für ihre Untersuchung hat sich die Wissenschaftlerin auf Filme konzentriert, die einem größeren Publikum bekannt und somit für das kollektive Gedächtnis bestimmend sind, wie sie sagt. Hier zwei Beispiele:

Im Westen nichts Neues

All quiet on the western front: Der US-amerikanische Spielfilm stammt aus dem Jahr 1930 und basiert auf Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues. Die Regie führte Lewis Milestone. Drei Szenen zeigen in diesem Film exemplarisch die Arbeit von Krankenschwestern hinter der Front. In einer ersten Szene besucht die Hauptfigur Paul Bäumer seinen verwundeten Kameraden Franz in einem provisorischen Lazarett in einer Kirche. Der Altar und Christus am Kreuz sind im Zentrum sichtbar. Allerdings steht die Handlung in einem starken Widerspruch zum christlichen Anspruch des Mitgefühls: Weder der Militärarzt noch die Schwestern kümmern sich um den frisch amputierten Soldaten, der im Sterben liegt. Sie sind vielmehr damit beschäftigt, den ständigen Strom an neuen Patienten zu versorgen.

Anders die Situation in dem katholischen Krankenhaus, in dem Paul Bäumer später selbst verwundet landet. Hier lobt der Film den hohen Standard der katholischen Pflege, zeigt aber gleichzeitig, dass die Schwestern keine Antworten hatten auf die hohe Zahl an Verwundeten, die der Krieg mit sich brachte. Sie konnten die Schwerverletzten nicht heilen; stattdessen gingen sie mit dem Tod äußerst pragmatisch um, wie der Film zeigt: Sterbende werden samt ihren Habseligkeiten in einen Nebenraum verlegt, ihre Betten werden sofort gereinigt und frisch bezogen, um Platz für den nächsten Verwundeten zu schaffen. Für die zusehenden Patienten ist jede Verlegung gleichbedeutend mit der Aussage, dass ihr Kamerad demnächst sterben wird. Dementsprechend wandelt sich das Bild der Schwestern vom rettenden Engel zu einem Todesengel.

Wohl auch deshalb war das Image der Krankenschwestern bei den Soldaten nicht nur positiv. Sie waren immerhin Teil des Systems und sollten die Verwundeten wieder fit machen für den Kampf an der Front, sagt Karen Nolte. Das erlebt auch Paul Bäumer so: Er schafft es zwar, trotz Verlegung ins Nebenzimmer, wieder gesund zu werden. Zurück an der Front wird er jedoch von einem Scharfschützen erschossen, als er sich aus dem Schützengraben lehnt, um einen Schmetterling zu fangen.

Westfront 1918

Der deutsche Spielfilm Westfront 1918 aus dem Jahr 1930 von Georg Wilhelm Pabst entstand am Übergang vom Stumm- zum Tonfilm. In ihm zeigen die Schauspieler noch die für den Stummfilm typische expressive Mimik. Durch das nachträgliche Hinzufügen vom Geschützdonner der Front erhält die Darstellung eine schwer erträgliche Eindringlichkeit. Tatsächlich haben damals viele Zuschauer verstört auf diesen Film reagiert, viele von verließen das Kino während der Aufführung, erzählt Nolte.

Im Mittelpunkt der Handlung von Westfront 1918 stehen vier Kameraden, von denen nur einer die Kämpfe überleben wird: ein namenloser Leutnant. Dieser allerdings erleidet, nachdem er den Tod seiner Kameraden mit ansehen musste, einen Nervenzusammenbruch und wird verrückt. Das Feldlazarett ist kein Ort der Ruhe und Sicherheit, halbzerstört befindet es sich in der Mitte der Schlacht, die Explosionen der Bomben sind die ganze Zeit zu hören. In ihm herrscht das reine Chaos, das die Krankenschwestern und Pfleger nicht kontrollieren können. Auch der Chirurg ist am Ende seiner Kräfte.

Während einer kurzen Kamerafahrt ist eine umgestürzte und zerbrochene Jesus-Statue zu sehen, umringt von verzweifelt schreienden Soldaten nicht einmal die Religion verspricht hier noch Hilfe. Als einer der vier Kameraden auf dem harten Boden stirbt, stehen ein Pfleger und eine Krankenschwester hilflos an seinem Totenbett. Im Augenblick seines Todes verschwimmt für den Sterbenden das Gesicht der Krankenschwester mit dem seiner Frau. Lebend wird er sie, wird sie ihn nicht mehr sehen.

Dieser Film legt nahe, dass die Wunden des Kriegs nicht geheilt werden können. Am Ende liegt alles in Scherben, sagt Karen Nolte. Gleichzeitig bediene er mit der Vermischung des Bildes der Ehefrau mit dem der Krankenschwester das Stereotyp von der fürsorglichen Weiblichkeit. Dieses Pflegerisch-Aufopferungsvolle wird eben als typisch weiblich gesehen, so die Wissenschaftlerin. Kein Wunder, dass Krankenpfleger in diesen Filmen keine besondere Rolle spielen. Sie tauchen meist nur als Träger der Verwundeten auf. Dabei waren männliche Pflegekräfte in der Realität keine Seltenheit. Das wurde allerdings im Laufe der Jahre vergessen: Das kollektive Gedächtnis spiegelt ihren großen Anteil nicht wider, sagt Nolte.

Das Forschungsprojekt


Karen Noltes Untersuchungen zur Rolle von Krankenschwestern in Spielfilmen über den Ersten Weltkrieg sind Teil eines größeren Projekts: Sie will ganz allgemein deren Darstellung im Film erforschen nicht nur im Zusammenhang mit dem Krieg. Deswegen schaut sie sich jetzt beispielsweise Nachtschwester Ingeborg aus dem Jahr 1958 an oder verfolgt Für alle Fälle Stefanie, eine Krankenhausserie, die von 1995 bis 2005 im Privatfernsehen lief. Mich interessiert die Frage, ob und wann sich das Bild der Krankenschwester verändert hat, sagt sie.

Mit ihrem Forschungsprojekt wird die Medizinhistorikerin Teil eines Netzwerks, das europaweit die Geschichte de
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