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Die Stadt als Hindernis / Turnen: Sich aus eigenem Antrieb komplex bewegen / Bewegungslabor

28.08.2014 - (idw) Stiftung Universität Hildesheim

Springen, kriechen, drehen wenn die Stadt zum Hindernis wird. Wer Wände hochlaufen und die dritte Dimension erklimmen will, muss klein anfangen. Jüngere Sportarten wie Parkour, Move Artistic und Breakdance sind in. Wie beim klassischen Turnen sind flüssige Bewegungen und maximale Kraftleistungen in Körperpositionen gefordert, die man kaum im Alltag einnimmt. Ein Besuch bei Thomas Heinen, Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Universität Hildesheim. Wie Turner überhaupt etwas wahrnehmen, untersucht er im neuen Bewegungslabor. Jüngere Sportarten wie Parkour, Freerunning oder Move Artistic sind eine gewisse Art von Lebensstil. Man hat lässige Kleidung an, man nutzt die Bewegungsangebote, die sich so draußen ergeben. Da ist ein Zaun, ich springe rüber, schlage einen Salto, sagt Thomas Heinen, Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Universität Hildesheim. Das erfordert körperlich viel und ist ein Stück gefährlicher, als das Turnen in einer mit Matten abgesicherten Halle. Die Jugendlichen gehen ein Risiko ein, das ist wohl ein gewünschter Spannungsbogen. Ihre Vorbilder präsentieren ihre Bewegungen in Kurzfilmen auf youtube. Über das Internet wird verbreitet, was man kann. Sie haben neue Tricks, die sie mit der Handykamera aufnehmen und der Welt präsentieren. Sie haben auch griffige Namen erfunden, ein Salto rückwärts ist dann ein Back Flip, eine Sprunghocke wird als cat pass monkey oder gorilla bezeichnet. Das ist nichts Neues, hört sich aber cooler an, sagt Thomas Heinen.

Parkourläufer und Freerunner erklimmen urbane Räume, ziehen ihre Bewegungslinien durch die Stadt, die so zum Hindernis wird. Parkour kommt auch in Universitäten an.

Donnerstagvormittag, in der großen Turnhalle: Wer Fliegen will, muss zunächst Wände erklimmen. Mit Hilfe. Während jeweils zwei Sportstudierende sichern, läuft die dritte Person die Wand hoch, um einen Überschlag zu machen, die Vorform für den anstehenden Salto. In Reihen anstehen, stramme Bewegungen, strenge Turnübungen. Früher lief Turnunterricht meist so ab: Da steht ein Kasten mit einem Sprungbrett in der Turnhalle und jedes Kind springt einmal darüber. Nein, modernes Turnen ist anders, sagt Thomas Heinen. Ein Miteinander, gegenseitiges Helfen und Sichern gehören dazu und so können auch Personen, die kein gutes Koordinationsprofil haben, Turnübungen erlernen. 95 Prozent unserer Sportstudierenden können am Ende des Semesters einen Salto. Sie sollen einmal selbst Interesse an Sport und Bewegung vermitteln, wer positive Erfahrungen gesammelt hat, im Miteinander, werde Sportunterricht in Grund- und weiterführenden Schulen einmal anders gestalten.

Turnen und Bewegungskünste gehören zu den Studieninhalten der angehenden Lehrer und Sportwissenschaftler der Hildesheimer Universität. Eigentlich gibt es gepflasterte Wege, um vom Hörsaal zum Sportgebäude zu gelangen. Aber verlockend sind die: Treppen, stabile Zäune, Fassaden, verschachtelten Gebäude, meterlangen Bänke und Geländer. So wird auch der Campus zum Hindernis, das die Studierenden in möglichst flüssigen Bewegungen überbrücken. Wir vermitteln im Studium klassisches Gerätturnen, unter dem Part Bewegungskunst fallen dann auch Parkour und move artistic, also alles was man mit seinem Körper so artistisch darstellen kann. Das ist auf nichts beschränkt, je kreativer, desto besser. Wir überlegen im Seminar: Wie kann man einen Stuhl oder Zäune nutzen, um einen Handstand oder einen Überschlag zu machen?, sagt Thomas Heinen. Das probiert er mit seinen Sportstudierenden aus. Wir erproben dies immer im gesicherten Umfeld, mit Bewegungsführung und Hilfestellung, und fragen, wie man diese Sportarten in den schulischen Unterricht einbauen kann, so dass es sicher ist und jeder teilhaben kann der Draufgänger wie auch Schüler, die eher ängstlich sind.

Wie kommt es, dass Sportarten wie Parkour unter Jugendlichen beliebter sind als klassisches Gerätturnen wo die körperlichen Anforderungen doch ähnlich sind? Turnen ist gebunden an eine Norm. Der Strecksprung hat in einer bestimmten Art und Weise auszusehen, gestreckte Füße, angelegte Arme. Das alles spielt bei den neueren Bewegungsformen keine Rolle, man kann Beine abknicken und individueller und spektakulärer halten, sagt Professor Heinen. Das Regelbuch allein im Kunstturnen zählt über 200 Seiten, von der Kleiderordnung über Körperbewegungen und Verhalten am Gerät bis zum Abmelden bei Kampfrichtern. Regeln gibt es für jedes Übungsteil: Ein Handstand ist nur dann ein Handstand, wenn der Körper exakt gestreckt ist und die Abweichung zur Vertikalen maximal plus/minus 10 Grad beträgt.

Beim Gerätturnen erklimmen Sportler den Raum, die dritte Dimension, und fliegen durch die Luft. Was charakteristisch am turnerischen Bewegen ist Thomas Heinen beschreibt das so: Die Flüssigkeit der Bewegungen. Es soll sehr leicht aussehen, der Turner wirkt nicht so, als würde er sich sehr anstrengen müssen. Doch dahinter steckt eine enorme Leistung des Sportlers. Das Turnen stellt mit die höchsten Anforderungen an den Menschen: maximale Kraftleistungen in komischen Körperpositionen, die man im Alltag so nicht hat. So wird zum Beispiel der Kreuzhang nur durch drei, vier Muskeln getragen. Der ganze Körper ist beim Turnen in Bewegung, das erfordert Koordination. Man ist nah an der Wahrnehmungsgrenze des Menschen, sich aus eigenem Antrieb in der Komplexität dreifacher Salto mit einer dreifachen Schraube schneller zu bewegen, geht kaum.

Professor Thomas Heinen untersucht im neuen Bewegungslabor der Universität Hildesheim, was im Körper passiert, um solche Leistungen erbringen zu können. Im Bewegungslabor können die Forscher alle Bewegungen des Menschen, sowohl in der räumlichen-zeitlichen wie in der Kraftdimension vermessen. Es ist sehr aufschlussreich, die menschliche Leistung zu erfassen und mit dem Tierreich oder Maschinen zu vergleichen. Die Sprunghöhe eines Menschen auf einer gefederten Akrobatikbahn bei einem Salto nach einem 10 Meter langen Anlauf ist bis zu 3 Meter hoch etwa das, was ein 20 cm großes Galago-Äffchen aus dem Stand schafft.

Die Forscher können anhand der Bewegungsanalyse Vorhersagen treffen, welche weiteren Bewegungen bei einem Sportler möglich sind wäre etwa ein vierfacher Salto denkbar? Sie untersuchen auch, welche Wirkung das beliebte Kinesiotaping erzielt. Denn ob die bunten Streifen, die sich Sportler auf den Körper kleben, etwas verändern ist unklar. Die Forschergruppe am Institut für Sportwissenschaft untersucht außerdem Wahrnehmungsprozesse: Wie nehmen Sportler bei solch komplexen Bewegungen überhaupt noch etwas wahr? Dafür messen sie das Blickverhalten mit einem mobilen Eyetracker, können erfassen, in welchen Phasen das Auge bei einem dreifachen Salto geschlossen ist, wann es stationär auf einem bestimmten Punkt im Raum ruht und man sich darauf fixiert. Es gibt Unterschiede abhängig von der Art der Bewegung und der Erfahrung: Anfänger schließen Augen meist, Experten haben die Augen offen, um sich an der Decke zu orientieren und die Landung vorzubereiten. Sie nutzen die Informationen. Wir untersuchen, wo hier Grenzen liegen, beim dreifachen Salto ist die Geschwindigkeit so hoch, auch Experten schließen die Augen, sagt Thomas Heinen, der im Bewegungslabor Experten und Novizen vergleicht. Das Labor liegt direkt neben der Turnhalle, eine Tür kann geöffnet werden, so dass auch Anläufe und Geräte mit eingebaut werden können. Unser Labor ist mobil, wir können das gesamte Equipment in Sporthallen und ins Freie bringen. Die Sportwissenschaftler untersuchen derzeit auch die zwischenmenschliche Koordination und fragen, wie man in Synchronsportarten zu einer Synchronizität kommt. In den Studien arbeiten sie mit dem Olympiastützpunkt in Hannover, mit den Wasserball- und Handball-Nationalmannschaften und Turnern aus Niedersachsen zusammen. Die Sportler freuen sich über Rückmeldungen und sind sehr interessiert, gerade kleinere Vereine haben meist nicht solche komplexen Geräte, um kinemati

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