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Wann Vorbeugen wirklich hilft

17.09.2014 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Psychologen der Uni Jena überprüfen die Wirksamkeit von Präventions- und Förderprogrammen für Kinder und Jugendliche Jedes fünfte Kind in Deutschland weist heute psychische Auffälligkeiten auf. Das geht aus dem jüngsten Bericht zur KIGGS Studie des Robert-Koch-Instituts und des Bundesministeriums für Gesundheit zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen hervor. Neben Verhaltensauffälligkeiten sind es vor allem Essstörungen und Lernschwierigkeiten, unter denen die 3- bis 17-Jährigen leiden. Dabei handelt es sich um durchaus gravierende Probleme, die die Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen können, macht Prof. Dr. Andreas Beelmann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena deutlich. Angesichts dieser Zahlen werde regelmäßig der Ruf nach mehr und neuen Präventionsprogrammen laut, beobachtet der Jenaer Psychologe. Schließlich belasten psychische Probleme nicht nur die Betroffenen und ihre Familien. Sie verursachen auch erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem.

Und so steigt die Zahl der Angebote zur Prävention, etwa von Gewalt oder Drogenkonsum, sowie zur allgemeinen Gesundheitsförderung der Heranwachsenden stetig. Doch wie wirksam sind diese in der Praxis? Das haben Prof. Beelmann und seine Kollegen Dr. Maximilian Pfost und Cordula Schmitt in einer aktuellen Studie untersucht. Die Autoren haben dazu die gesamte Wirksamkeitsforschung zur Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen aus dem deutschsprachigen Raum der vergangenen 40 Jahre analysiert (DOI: 10.1026/0943-8149/a000104). Ihr Fazit: Prävention kann substanzielle Wirkungen erzielen, ist aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Manchmal können Präventionsmaßnahmen sogar kontraproduktiv sein.

Insgesamt sind die Wirkungen moderat und erreichen in Einzelfällen nicht das Ausmaß der erhofften Effekte, erläutert Beelmann das Ergebnis der Meta-Analyse. Dabei hänge der Erfolg von Präventionsprogrammen in hohem Maße davon ab, wie die Maßnahmen umgesetzt werden. Ganz entscheidend ist, dass die betreuenden Personen gut ausgebildet sind, über fundiertes Wissen zum Präventionskonzept verfügen und das Programm insgesamt als sinnvoll erachten, so Beelmann. Voraussetzungen, die leider oft nicht gegeben seien, etwa wenn Präventions- oder Förderprogramme in Schulen von Lehrern durchgeführt werden, die nicht dafür ausgebildet sind oder das Programm von außen aufgetragen wurde. Hinzu kommt, dass während des Schuljahres meist nur ein sehr eng begrenzter zeitlicher Rahmen für solche Projekte zur Verfügung steht, was ein konzepttreues Arbeiten erheblich erschwert.

Auch die Auswahl der Erfolgskriterien sei ausschlaggebend für die ermittelte Wirksamkeit der Programme. So schneidet Prävention im Hinblick auf Wissensvermittlung generell am besten ab, wenn etwa Kinder und Jugendliche etwas über gesunde Ernährung lernen. Ob sich dieser Lernerfolg dann in einem veränderten Ernährungsverhalten niederschlägt, stehe auf einem anderen Blatt. Verhaltensänderungen durch Präventionsprogramme fallen durchweg bescheiden aus. Zudem haben die Forscher festgestellt, dass der Präventionsanlass entscheidend für eine Wirkung ist: Speziell auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnittene Programme erzielen deutlich bessere Ergebnisse, als universelle Angebote, wobei auch diese durchaus ihre Berechtigung haben, betont Prof. Beelmann.

Insgesamt mache die vorliegende Studie deutlich, dass zwei immer wieder vorgebrachte Ansichten über Präventionsmaßnahmen nicht haltbar seien. Erstens: Prävention sei immer gut und könne im schlechtesten Fall nicht schaden. Und zweitens: Man könne gar nicht früh genug mit Prävention beginnen. Beide Aussagen lassen sich aus der Forschung jedenfalls so generell nicht bestätigen. So könnten Präventionsmaßnahmen durchaus negative Wirkungen haben, wenn sie nicht entwicklungsangemessen sind und Kinder überfordern. Wenn sich Kinder beispielsweise zu früh mit den Gefahren des Drogenkonsums auseinandersetzen sollen, wird immer ein Teil von ihnen dabei sein, der das erste Mal auf diese Thematik aufmerksam wird. Für diese Kinder besteht dann die Gefahr, dass Drogen überhaupt erst interessant werden.


Original-Publikation:
Beelmann A et al. Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen. Eine Meta-Analyse der deutschsprachigen Wirksamkeitsforschung, Zeitschrift für Gesundheitspsychologie 2014, DOI: 10.1026/0943-8149/a000104

Kontakt:
Prof. Dr. Andreas Beelmann
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität
Humboldtstraße 26, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945901
E-Mail: andreas.beelmann[at]uni-jena.de Weitere Informationen:http://www.uni-jena.de
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