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EHFG 2014 zur Ebola-Krise: Starke Gesundheitssysteme sind bestes Bollwerk gegen Epidemien

02.10.2014 - (idw) European Health Forum Gastein

Die Ebola-Krise ist ein Ausdruck lang anhaltender und zunehmender Ungleichheiten beim Zugang zu Gesundheitsleistungen, betonten Gesundheitsexperten auf dem EHFG 2014. Die Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern sind zu schwach, um den Herausforderungen durch Ebola gewachsen zu sein. Jetzt ist massive Akuthilfe erforderlich, mittelfristig brauchen diese Länder robustere und effizientere Gesundheitssysteme und Public Health-Überwachungssysteme, damit sie im Fall einer neuerlichen Epidemie schneller und wirksamer reagieren können. In einer globalisierten Welt kann sich Ebola ohne geeignete Gegenmaßnahmen zu einer geopolitischen Krise entwickeln. Bad Hofgastein, 2. Oktober 2014 Die Ebola-Epidemie bedeutet aus Public Health-Sicht ein klares Gebot zum Handeln. Ungelöst kann daraus eine geopolitische Krise entstehen. Das ist eine der Kernaussagen eines offenen Briefs, in dem 44 Gesundheitsexperten aus 15 Ländern, darunter EHFG-Präsident Prof. Dr. Helmut Brand, die EU-Regierungen auffordern, im Kampf gegen Ebola alle verfügbaren Ressourcen zu mobilisieren. Prof. Brand: Zum Beispiel soll es Angehörigen von Gesundheitsberufen ermöglicht werden, auf freiwilliger Basis vorübergehend im Ebola-Gebiet Hilfe zu leisten zu können. Die EU-Regierungen sollen in Partnerschaft mit Ländern Westafrikas und der UNO eine aktive Rolle dabei spielen, dass die Unterstützungsmaßnahmen in den nächsten Monaten transparent und wirksam durchgeführt werden. Die Aktivitäten sollen sowohl die humane als auch die wirtschaftliche Entwicklung in der Region fördern.

Ebola müsste keine Epidemie sein

Zahlreiche aktuelle Analysen und Kommentare gehen davon aus, dass sich Ebola rasch und wirksam beherrschen ließe, wäre die Krankheit nicht in drei westafrikanischen Staaten ausgebrochen, sondern beispielsweise in einem EU-Land, so Dr. Armin Fidler, Chefberater für Gesundheitsfragen der Weltbank. Für diesen Befund spricht einiges. In Ländern mit einem gut entwickelten Gesundheitssystem würden Menschen unter Infektionsverdacht rasch und konsequent isoliert werden. Gesundheitsdienstleister wären angemessen ausgestattet, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Ärzte und Pflegepersonen würden bestmögliche Behandlungen anbieten zum Beispiel gegen das Austrocknen, gegen beeinträchtigte Leber- und Nierenfunktion, gegen Blutungen und einen gestörten Elektrolythaushalt. Verseuchte Materialien würden sachgerecht entsorgt werden, und es gäbe ausführliche Information für die Öffentlichkeit über die Krankheit, deren Übertragung und das richtige Verhalten bei einer Ebola-Epidemie.

Ebola ist Ausdruck anhaltender Ungleichheiten

Dass Ebola in einem funktionierenden Gesundheitssystem wohl rasch und wirksam kontrolliert werden könnte, zeigt das Beispiel des Marburg-Virus, einer Ebola ähnlichen, ebenfalls hämorrhagisches Fieber auslösenden Erkrankung: Als dieses im Jahr 1967 in Deutschland und dem damaligen Jugoslawien ausbrach, betrug die Todesrate bei infizierten Personen 23 Prozent. In den Ländern der Sub-Sahara waren es seither 86 Prozent. Der Unterschied ist, dass Deutschland und Jugoslawien funktionierende Gesundheitssysteme und ausreichend Ressourcen für die Behandlung hatten, so Dr. Fidler. Die Länder Westafrikas, die jetzt mit Ebola kämpfen müssen, haben beides nicht.
Die Ebola-Krise ist ein Ausdruck lang anhaltender und zunehmender Ungleichheiten beim Zugang zu Gesundheitsleistungen. Das Gesundheitssystem in diesen Ländern ist zu schwach, die Behandlungskosten sind zu hoch und Gesundheitsdienstleister zu rar.

Ein Beispiel: Liberia hat einen Arzt pro 70.000 Bewohner, Sierra Leone einen Arzt pro 45.000 Bewohner. Eine Analyse von Mitte September zeigte, dass rund 70 Prozent der Patienten mit eindeutigen Ebola-Befunden verstorben sind. Berücksichtigt man jedoch nur die Patienten in Krankenhäusern, so lag die Rate der Todesfälle deutlich niedriger was die Annahme erhärtet, dass eine rasche Therapie wesentliche Vorteile bringt. Für eine wirksame Kontrolle von Ebola wird es also entscheidend sein, ob es gelingt, die Übertragungsorte ausreichend zu kontrollieren und den Anteil der behandelten Patienten deutlich zu steigern. Derzeit liegt die Behandlungsquote Schätzungen zufolge in Liberia bei weniger als 50 Prozent und in Sierra Leone bei 40 Prozent (Stand Ende September).

Die Agenda ist klar: Akut müssen zusätzlich Gesundheitsdienstleister eingesetzt und angemessen unterstützt werden. Dann benötigen die betroffenen Länder mehr mobile Laboratorien, Kliniken und Schnelltests, aber auch mehr Kommunikation über die Krankheit, ihre Verbreitung und ihre Behandlung. Mittelfristig brauchen diese Länder robustere und effizientere Gesundheitssysteme und Public Health-Überwachungssysteme, damit sie im Fall einer neuerlichen Epidemie schneller und wirksamer reagieren können, so Dr. Fidler. Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es eines koordinierten und entschlossenen Vorgehens durch internationale Organisationen und wohlhabende Länder, das der Herausforderung durch Ebola entspricht. Und es bedarf eines ausreichenden Investments in die Gesundheitssysteme dieser Region, und eines besseren Verständnisses dafür, dass Gesundheitsinvestitionen etwas Sinnvolles sind. Ein Beispiel: Die Pro-Kopf-Aufwendungen für Gesundheit betragen in Deutschland pro Jahr 4.459 US-Dollar, in Uganda nur 44 Dollar. Eine Konsequenz davon ist, dass die Menschen in Deutschland im Durchschnitt 80 Jahre alt werden, in Uganda 54 Jahre.

Entwicklungshilfemittel im Gesundheitsbereich, so der Experte, würden oft für kurzfristig wirksame oder allgemein leicht nachvollziehbare Projekte und Maßnahmen zweckgewidmet, zum Beispiel Impfprogramme oder HIV/AIDS. Dr. Fidler: So wichtig solche Projekte sein mögen, aber auf diesem Weg entstehen keine nachhaltigen Gesundheitsstrukturen, und die nächste Epidemie kann wieder ungehindert zuschlagen. Wir machen uns daran letztlich mitschuldig, wenn wir als unterstützende Länder die Mittel nicht in den Aufbau funktionierender Gesundheitssysteme stecken.

Epidemien wie Ebola dürfen in einer globalisierten Welt nicht als rein regionales Problem gedacht werden, so Prof. Brand. Zum einen kann die Krankheit schnell nicht nur in Nachtbarländer, sondern auch in andere Teile der Welt exportiert werden, auch nach Europa und die USA. Je später internationale Hilfe eintrifft und wirksam wird, desto höher wird dieses Risiko. Zum andern kann eine Epidemie wie Ebola ökonomisch schwache Länder, die außerdem schwere kriegerische Konflikte hinter sich haben, besonders stark und nachhaltig destabilisieren. Das kann durchaus auch internationale Auswirkungen haben.


Electing Health The Europe We Want ist das Motto des diesjährigen EHFG. Rund 600 Teilnehmer/-innen aus mehr als 50 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme. Die zukünftige Richtung der europäischen Gesundheitspolitik ist das Schwerpunktthema des Kongresses.
EHFG Pressebüro
Dr. Birgit Kofler
B&K Kommunikationsberatung GmbH
Tel. während des Kongresses: +43 6432 85105
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