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Europa droht Mangel an Gesundheitspersonal

02.10.2014 - (idw) European Health Forum Gastein

Europa steht eine wachsende Nachfrage nach Fachkräften im Gesundheitswesen bevor: Dem schon aus demographischen Gründen steigenden Versorgungsbedarf steht eine steigende Zahl von Angehörigen der Gesundheitsberufe gegenüber die das Pensionsalter erreichen. Die Ost-West-bzw. Süd-Nord-Migration hat das Problem in einigen west- und nordeuropäischen Ländern zwar etwas entschärft. Doch Mobilitätsmuster verändern sich und werden schwerer vorhersehbar, so Experten auf dem European Health Forum Gastein. Regierungen von Abwanderungsländern sind gefordert, Strategien zu entwickeln, um ihre medizinischen Fachkräfte im Land zu halten.
Bilaterale Abkommen zwischen Ab- und Zuwanderungsländern können in diesem Zusammenhang eine Option sein.

Bad Hofgastein, 2. Oktober 2014 Die Aussichten sind eher düster, vor allem für west- und nordeuropäische Länder: Sie stehen vor einem doppelten demographischen Problem, einer alternden Bevölkerung stehen gleichzeitig alternde Fachkräfte im Gesundheitswesen gegenüber, erklärte Prof. Dr. James Buchan, Queen Margaret Universität Edinburgh, auf dem European Health Forum Gastein (EHFG). Der steigende Bedarf an gesundheitlicher Versorgung fällt zusammen mit einer zunehmenden Zahl an Angehörigen der Gesundheitsberufe, die sich in den Ruhestand zurückziehen. Die Lücke wird schon bald spürbar werden bis zum Jahr 2020 werden Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge etwa eine Million Ärzte, Pflegepersonen und andere Angehörige anderer Gesundheitsberufe fehlen, so Prof. Buchan und die Lücke zwischen verfügbaren Arbeitskräften und vorausgesagter Nachfrage nach Gesundheitsprofis werde weiter wachsen, es sei denn, die Politik ergreife rechtzeitig Gegenmaßnahmen.

Kein Land kann sich sicher fühlen

Diese Entwicklung führt naturgemäß zu einem zunehmenden Wettbewerb um qualifiziertes Gesundheitspersonal innerhalb der EU, und zu einem Teil konnten westliche und nördliche Mitgliedsstaaten Lücken bisher durch Zugänge aus Ost- und Südeuropa füllen. Die Anzahl der Ärzte/-innen und Zahnärzte/-innen aus den neuen EU-Staaten (EU10, z.B. Polen, Slowakei, Ungarn, etc.) ist beispielsweise in den wichtigsten Zielländern der EU15 zwischen 2003 und 2007 deutlich gestiegen. Generell zeigen aktuelle Migrationsdaten allerding, dass der Anteil emigrierender Gesundheits-Fachkräfte geschätzt werden diese auf der Basis von Daten, die eine Auswanderungsabsicht erfassen - in den neuen EU Ländern nie bei mehr als drei Prozent der gesamten Fachkräfte übersteigt.

In einem aktuellen Bericht* haben Prof. Buchan und Kollegen die aktuellen Trends in Sachen Migration von Gesundheitspersonal umfassend aufgearbeitet. Die Richtung von Migrationsströmen und deren Veränderung sei zunehmend schwierig vorhersehbar, so die Experten. Für Länder, die sich auf Gesundheitspersonal aus anderen Ländern verlassen, um den Mangel an inländischen Fachkräften auszugleichen, kann das riskant sein, so die Expertenanalyse. Die Mobilitätsmuster verändern sich laufend und werden immer schwerer vorhersehbar, die Migration von Angehörigen der Gesundheitsberufe gewinnt an Bedeutung, und die Rahmenbedingungen werden komplexer. Vor diesem Hintergrund kann es sich kein Land leisten, diese Mobilität zu ignorieren oder sich sicher zu wähnen. Ein- und dasselbe Land kann heute von der Zuwanderung von Fachkräften im Gesundheitsbereich profitieren und morgen selbst Gesundheitspersonal an andere Destinationen verlieren, betonen die Experten.

Tatsächlich kämpfen inzwischen auch klassische Empfängerländer zunehmend mit medizinischen brain drain: Aktuelle Daten aus Österreich beispielsweise zeigen, dass nur ungefähr 60 Prozent der Absolventen/-innen eines Medizinstudiums des Jahrgangs 2013 in Österreich ärztlich tätig sind. Viele Mediziner/-innen wandern ins Ausland ab, 2013 waren in Deutschland rund 2.700 Ärzte aus Österreich tätig.

Rahmenbedingungen und Karrierechancen

Mehrere Schlüsselfaktoren seien zu berücksichtigen, so Prof. Buchan, wenn es um Migrationsmotive von Angehörigen der Gesundheitsberufe geht: Ein besseres Einkommens ist ein, aber beileibe nicht das einzige Motiv. Man darf hier natürlich nicht zu sehr vereinfachen, denn jedem Einzelfall liegt eine unterschiedliche Dynamik zugrunde. Doch der wichtigste Ansporn, sein Land zu verlassen, sind meist schlechte oder relativ gesehen schlechte Rahmenbedingungen und Aussichten. Zu wichtigen Motiven zählen auch Karrierechancen, Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder oder die politische Stabilität des Ziellandes.

Die Regierungen betroffener Länder seien aufgerufen, die Faktoren zu analysieren, die zur Abwanderung von Angehörigen der Gesundheitsberufe führen, so Prof. Buchan. dann kann man mit angemessenen politischen Maßnahmen darauf reagieren. Diese Länder werden vielleicht nicht immer mit den Zielländern mithalten können, was das Gehaltsniveau betrifft, doch sie können versuchen, als Strategie gegen die Abwanderung die Rahmen- und Arbeitsbedingungen insgesamt zu verbessern. Eine sinnvolle Option, so der Experte, könne es sein, die von bilateralen Abkommen mit Zielländern zu prüfen und sicherstellen, dass sich Anwerbeländer an den WHO-Kodex für die grenzüberschreitende Anwerbung von Gesundheitsfachkräften halten. So kommen Quell- und Zielländer in einen politischen Dialog, um dem sogenannten medizinischen Brain Drain zu begegnen, sagte der Experte.

Electing Health The Europe We Want ist das Motto des diesjährigen EHFG. Rund 600 Teilnehmer/-innen aus mehr als 50 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme. Die zukünftige Richtung der europäischen Gesundheitspolitik ist das Schwerpunktthema des Kongresses.


* Zahlen, Daten und Fakten über die Mobilität des Gesundheitspersonals in Europa: www.euro.who.int/en/about-us/partners/observatory/studies/health-professional-mobility-in-a-changing-europe.-new-dynamics,-mobile-individuals-and-diverse-responses

EHFG Pressebüro
Dr. Birgit Kofler
B&K Kommunikationsberatung GmbH
Tel. während des Kongresses: +43 6432 85105
Mobil: +43 676 636 89 30
Tel. Büro Wien: +43 1 319 43 78 13
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