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Jugend und Ernährung. Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung

15.10.2014 - (idw) Dr. Rainer Wild-Stiftung, Stiftung für gesunde Ernährung

Jugendliche sind auf der Suche nach der eigenen Identität und pendeln zwischen Eigenverantwortung, Peergroup und dem Wunsch, in Schule und Familie versorgt zu werden. Es ist eine Phase der Veränderungen und wie jeder Übergang geht auch dieser nicht ohne Reibungsverluste. Doch wie sieht die Ernährungswirklichkeit von Jugendlichen genau aus? Was beeinflusst ihr Ernährungsverhalten? Und können wir überhaupt von den Jugendlichen als Zielgruppe sprechen? Diese und viele weitere Fragen diskutierten die rund 130 Teilnehmenden am 1. und 2. Oktober 2014 auf dem 18. Heidelberger Ernährungsforum, das in Kooperation mit der Plattform Ernährung und Bewegung e.V. stattfand. Zeit der Veränderungen
Die Jugend beginnt mit der Pubertät und ist eine Phase des Übergangs, erläuterte Prof. Dr. Burkhard Gniewosz von der LMU München. Sie ist geprägt durch vielfältige körperliche und kognitive Veränderungen und der Suche nach der eigenen Identität. Es stehen Entwicklungsaufgaben an, die es zu bewältigen gilt: Jugendliche müssen lernen, mit den Veränderungen ihres Körpers umzugehen, sie lösen sich von ihren Eltern, bauen Beziehungen zu Gleichaltrigen auf, entwickeln ein eigenes Werte- und Normensystem und erlernen eigenverantwortliches Handeln. Auch das Risikoverhalten steigt im Jugendalter an in allen Kulturen und sogar bei anderen Spezies. Und noch riskanter wird es, wenn Jugendliche in der Gruppe unterwegs sind, führte Gniewosz aus. Wann genau die Jugendphase endet, bzw. das Erwachsenenalter beginnt, ist schwer zu definieren. Erwachsen zu sein ist eher ein subjektives Gefühl, das sich im Gegensatz zu früheren Zeiten bei jedem Menschen individuell über Jahre hinweg entwickeln kann (emerging adulthood).

Wie ticken Jugendliche?
Im Zeitalter der Digitalisierung stellt sich die Welt der Jugendlichen deutlich differenzierter dar als vor 30 Jahren. Deshalb reicht es nicht, so Manfred Tautscher von der Sinus Markt- und Sozialforschung GmbH, Jugendliche nach Alter und Geschlecht zu unterscheiden. Wichtiger sind ihre soziale Lage (Bildung, Wohnumfeld), ihre Lebensstile (Gewohnheiten, Rituale) und ihre Werte (Interessen, Orientierungen). Tautscher unterscheidet insgesamt sieben Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren, deren Grundorientierung von traditionell bis postmodern reicht: So gibt es neben den konservativ-bürgerlichen Jugendlichen mit geringer Lifestyle-Affinität beispielsweise auch die Materialistischen Hedonisten, die Spaß haben möchten und sehr markenbewusst sind, oder die Sozial-Ökologischen, die Nachhaltigkeit und Gemeinwohl als wichtig erachten und die Überflussgesellschaft kritisieren. Nach Tautscher spiegeln sich die unterschiedlichen Werte und Lebensstile der Jugendlichen auch in ihrem Konsum- und Ernährungsverhalten wider. Und nur wer versteht, was die Jugend bewegt, könne sie auch ansprechen und motivieren.

Wie konsumieren Jugendliche?
Jugendliche geben heute rund 5 Mrd. Euro für Essen und Trinken aus, deutlich mehr als für Spiele, so Ingo Barlovic von der iconkids & youth international research GmbH. Welche Produkte sie kaufen und was sie essen, hängt von vielen Faktoren ab: etwa dem Einfluss der Peergroup, den Eltern, dem Lebensstil und der (medialen) Umwelt. Auch die Polysensualität spielt eine wichtige Rolle. Das heißt, ein Produkt sollte nicht nur praktisch und günstig sein, sondern über mehrere (Geschmacks-)Komponenten und eine anregende Form verfügen, ein angenehmes Mundgefühl hervorrufen und einen ansprechenden Namen haben. Sind diese Kriterien erfüllt, ist Gesundheit kein Hinderungsgrund. Gesundheit bzw. gesundes Essen sind allerdings keine Grundbedürfnisse, sondern eher Mittel zum Zweck, beispielsweise um gut auszusehen und fit zu sein wichtige Voraussetzungen für Spaß am Leben und zahlreiche Freunde. Auch das gemeinsame Kochen ist beliebt: Beim Kochen können Jugendliche mit den Eltern Zeit verbringen, ohne lächerlich zu wirken, sie können zeigen, was in ihnen steckt, etwas Neues erschaffen oder auch in der Schulküche flirten. Letztendlich, so Barlovic, ist der Reiter (gesunde Ernährung) immer nur so gut wie sein Pferd (Grundbedürfnis, etwa Spaß).

Yes VeGan
Der vegane Lebensstil ist nach Ansicht von Dr. Bernd-Udo Rinas, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, in der Gesellschaft angekommen. Neben veganen Lebensmitteln und Kleidung gibt es eine Vielzahl veganer Kosmetikprodukte oder auch vegane Energie. Vegan lebende Jugendliche sind im Vergeich zu ihren Altersgenossen oft sehr viel besser informiert über das, was sie essen. Sie setzen sich Rinas zufolge intensiv und umfassend mit Lebensmitteln, deren Inhaltsstoffen und Produktionsbedingungen auseinander. In gesellschaftlichen Umbruchzeiten und Zeiten der Unsicherheit bedeutet der Veganismus für Jugendliche ein ganz persönliches, schnell umzusetzendes Lebenskonzept, das sich klar von der Erwachsenenwelt abgrenzt. Ganz wesentlich trägt das Internet zur Verbreitung des veganen Lebensstils bei: Junge Veganer informieren und vernetzen sich und bauen eine eigene soziale Infrastruktur auf. Rinas, der Jugendliche als Seismographen der Gesellschaft sieht, geht davon aus, dass Fleisch essen einmal genauso uncool sein wird wie heute das Rauchen.

Let me entertain you
Für Dr. Beate Großegger vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung sind jugend-kulturelle Trends nicht nur Modeerscheinungen, sondern eingebettet in gesellschaftliche Veränderungen. Gesunde Ernährung ist nur in wenigen ausgewählten Szenen Thema, wie z.B. bei Vegetariern oder Veganern. In vielen Jugendkulturen schwingt die Ernährung ihrer Meinung nach eher als Hintergrundgeräusch mit. Das Freizeitprinzip überträgt sich dabei auf die Ernährung: Essen sollte allzeit verfügbar sein, spontan Bedürfnisse befriedigen und zum jeweiligen Lifestyle passen. Eine gesunde oder ökologische Ernährungsweise finden viele Jugendliche langweilig. Bio hingegen passt in ihre Lebenswelt, zumindest in die von bildungsnahen Jugendlichen. Bei den Fast Food Freaks sieht das anders aus. Ernährung ist ein Stilelement und muss in das persönliche Lebenskonzept passen. Deshalb haben auch die gesunden Lifestyles der Eltern- und Großelterngeneration für Jugendliche kaum Leitbildfunktion. Je nach Grundmentalität (Genussmensch, Körperkapitalist oder Wohfühltyp) sind andere Ansätze notwendig. Und manche Jugendlichen, wie die resignierten und sozial abgehängten, werden sich nie für Gesundheitsthemen interessieren, da für sie andere Probleme im Vordergrund stehen, so Großegger.

Herausforderung Stoffwechselstörung
Jugendliche mit einer angeborenen Stoffwechselstörung wie der Phenylketonurie oder Galaktosämie können nicht frei entscheiden, was sie essen und was nicht, wie Prof. Dr. Thomas Lücke, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum, aufzeigte. Sie müssen ihr Leben lang Diät halten und anhand von Lebensmittellisten ihre tägliche Kost berechnen. Lücke zufolge können einige Jugendliche durchaus gut und offen mit ihrer Krankheit umgehen; vielen fällt es aber gerade in diesem Alter schwer, die Notwendigkeit der Diät zu akzeptieren. Andere Dinge werden wichtiger: Sie fühlen sich ausgegrenzt, wollen das essen, was in der Peergroup gerade in ist und an Klassenfahrten teilnehmen, ohne an ihre strikte Ernährung denken zu müssen. Häufig kommt es in dieser Phase zu Konflikten in der Familie. Diätferien, Kochkurse, Gesprächsrunden mit anderen betroffenen Jugendlichen sowie eine motivierende und eventuell auch psychologische Betreuung kann den Jugendlichen helfen, selbstverantwortlich mit der Krankheit umzugehen. Wichtig sei es, die Jugendlichen ernst zu nehmen und sie in die Behandlung mit einzubeziehen.


Essen und Psyche
Mit den Wechselwirkungen von Ernährung und Psyche in der Pubertät beschäftigte sich Dr. Özgür Albayrak vom Universitätsklinikum Essen. Albayrak untersucht die Zusammenhänge von Körpergewicht, -fett und psychopathologischen Auffälligkeiten (wie sozialer Rückzug, Ängstlichkeit, Depressionen, Ag
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