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Hertie-Berlin-Studie 2014: Hauptstadt der Optimisten

04.11.2014 - (idw) Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Studienergebnisse zeigen eine hohe Identifikation der Berliner mit ihrer Stadt / Unzufriedenheit mit Politik

Zum zweiten Mal nach 2009 hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung eine Berlin-Studie in Auftrag gegeben genau 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Ein Wissenschaftlerteam der Hertie School of Governance führte unter Leitung der Soziologen Helmut Anheier und Klaus Hurrelmann die Studie durch. Unter anderem wurden dafür 2000 Berlinerinnen und Berliner im Alter ab 14 Jahren telefonisch nach ihren Meinungen und Einstellungen zur Hauptstadt befragt. Die Stichprobe bildet die Berliner Wohnbevölkerung in der gesamten Breite ab. Unterfüttert wurden die Ergebnisse mit sozialen, ökonomischen und demografischen Daten. Die Studie zeichnet ein umfassendes Bild der Stadt heute und im Vergleich zu 2009 aus der Perspektive ihrer Bewohner.

Die Wirtschaft der Hauptstadt wächst so stark wie in keinem anderen Bundesland, allerdings von einem niedrigen Niveau (Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukt zwischen 2005 und 2013 durchschnittlich 2,3 Prozent jährlich; Bundesdurchschnitt: 1,5 Prozent). Berlin ist heute die Stadt mit den meisten Besuchern und den meisten Unternehmensgründern in Deutschland und die Arbeitslosenzahlen sinken. Aber mit 12 Prozent Hartz-IV-Empfängern liegt die Stadt weiterhin über dem Bundesdurchschnitt und bezahlbarer Wohnraum wird zunehmend knapp.
Ihrem Senat stellen die Berliner daher ein sehr durchwachsenes Zeugnis aus. Vor allem mit der Politik in den Bereichen Armutsbekämpfung, Arbeitsplätze, Infrastruktur, Wohnungspolitik und Schulen sind sie mehrheitlich unzufrieden. Die Stimmung scheint dies aber nicht wirklich zu drücken: 93 Prozent leben gern in Berlin (davon 59 Prozent sehr gern und 34 Prozent gern; 2009: 54 bzw. 35 Prozent) und blicken optimistisch in die Zukunft: 69 Prozent der Hauptstädter rechnen damit, dass sich die Stadt in den nächsten fünf Jahren positiv entwickeln wird.
Die Zufriedenheit der Berliner hat seit 2009 sogar noch zugenommen, und zwar ausgeprägter, als es objektive Indikatoren wie Einkommen, Arbeitslosigkeit oder die Wohnungssituation vermuten lassen. Der Optimismus ihrer Bewohner gepaart mit der offensichtlich hohen Anziehungs- und Integrationskraft der Stadt ist ihr derzeit größtes Potenzial, so Helmut K. Anheier, wissenschaftlicher Leiter der Studie.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Berlin wächst und wird jünger
Die Berliner Bevölkerung wächst seit 2010 jährlich um etwa ein Prozent und wird entgegen dem Bundestrend jünger: Altersdurchschnitt in Berlin 42,9 Jahre, in Deutschland 44,1 Jahre. Die Hälfte der Befragten ist nicht in Berlin geboren. Die Zugezogenen sind mehrheitlich gut ausgebildet und kommen der Karriere wegen in die Hauptstadt.

Hohe Identifikation mit der Stadt
Fast 90 Prozent der Befragten fühlen sich als Berliner. Auch Zugezogene stellen sehr bald eine positive Identifikation mit der Stadt her. Der Trend gilt für Ost- und Westberliner, für Deutsche wie Ausländer gleichermaßen.

Die Mauer in den Köpfen bröckelt langsam
Mittlerweile geben 36 Prozent der Befragten an, dass sie keine Unterschiede zwischen Ost und West mehr erkennen können. 2009 sagten das nur 24 Prozent. Die Mauer in den Köpfen verschwindet Schritt für Schritt.

Zentrum und Peripherie driften auseinander
Die Studie analysiert Berlin mit Hilfe des Gesellschafts- und Zielgruppenmodells der so genannten Sinus-Milieus. Danach sind zwei Gruppen im Bundesvergleich besonders ausgeprägt: das prekäre Milieu der wirtschaftlich, sozial und kulturell Benachteiligten mit 12 Prozent (bundesweit: 9 Prozent) sowie das kreative, mobile und ambitionierte Milieu der Expeditiven mit 9 Prozent (bundesweit: 7 Prozent). Letzteres findet sich vor allem in Mitte und den angrenzenden zentralen Bezirken, die auch am meisten vom Zuzug profitieren. Die Randbezirke hingegen verzeichnen kaum Zuzug und altern rapide.

Unzufriedenheit mit Politik, Anerkennung für Verwaltung
Dreiviertel der Berliner interessieren sich für Politik. Doch das Zeugnis für den Senat der Stadt ist nicht positiv: Vor allem bei den Themen Infrastruktur, insbesondere dem Flughafen, Armutsbekämpfung, Wohnungen, Arbeitsplätze und Schulen sind die Berliner nicht zufrieden. Anerkennung zollen sie hingegen der Verwaltung, die trotz Überlastung und Überalterung als kompetent und freundlich eingeschätzt wird.
Die Zufriedenheit damit, wie Demokratie funktioniert, ist deutlich gestiegen (2014: 35 Prozent, 2009: 25 Prozent), im Vergleich zu ähnlichen bundesweiten Befragungen aber immer noch relativ niedrig. Leicht gestiegen ist die Zufriedenheit mit den politischen Partizipationsmöglichkeiten, nämlich von 37 auf 40 Prozent. Direkte politische Beteiligungsmöglichkeiten werden honoriert, treten aber in ein zunehmendes Spannungsverhältnis mit der herkömmlichen repräsentativen Demokratie.

Die Hertie Berlin Studie Die Hauptstädter Berlin 25 Jahre nach dem Mauerfall, herausgegeben von Helmut K. Anheier und Klaus Hurrelmann, Hoffmann und Campe, 288 Seiten, ISBN: 978-3-455-50339-5, Erscheinungsdatum: 4.11.2014

Ausführliche Studienergebnisse mit entsprechenden Grafiken stehen zum Download bereit: www.hertie-berlin-studie.de

Pressekontakte:
Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Julia Riedel
T. 069/660756-162
riedelj@ghst.de

Hertie School of Governance

Regine Kreitz
T. 030/259219-113
kreitz@hertie-school.org

Als eine der größten weltanschaulich unabhängigen und unternehmerisch ungebundenen Stiftungen in Deutschland verfügt die Hertie-Stiftung über ein Anlagevolumen von mehr als 959 Millionen Euro (per 31.12.2013), dessen Erträge dem Allgemeinwohl gewidmet sind. Dem Willen ihres Stifters Georg Karg folgend, orientiert sich die Hertie-Stiftung an den Lebenssituationen der Menschen und den Herausforderungen der zukünftigen Gesellschaft in den Arbeitsgebieten Vorschule und Schule, Hochschule, Neurowissenschaften und Beruf und Familie. Anhang
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