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Literatur körperlich und sinnlich nacherleben

18.11.2014 - (idw) Universität Siegen

Promovendin der Universität Siegen erforscht den Literaturtourismus. Neugierde, die Suche nach dem Original oder das Abgleichen von Fantasie und Wirklichkeit Hauptmotive, warum Leser sich aufmachen und den Wegen fiktiver Protagonisten folgen. Literatur als Reiseziel steht im Fokus der Dissertation von Raphaela Knipp, die dem DFG-Graduiertenkolleg Locating Media der Universität Siegen angehört.

Die einen spazieren durch die Straßen Dublins, lernen die Orte kennen, an denen Leopold Bloom und Stephen Dedalus in James Joyce Roman Ulysses agiert haben. Sie rezitieren die entsprechenden Passagen aus dem Buch an eben jener genau beschriebenen Stelle ein Stück begehbare Literatur. Andere folgen den geographischen Hinweisen aus den Eifelkrimis. Auch das Haus der fiktiven Buddenbrook-Familie in Lübeck zieht zahlreiche Literatur-Touristen in seinen Bann. Man glaubt, man sei Teil des Romans, erklärt einer der Reisenden, die Raphaela Knipp befragt hat.

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit verbindet die Promovendin Fragestellungen aus den Bereichen Literatur und Medientheorie sowie der Kulturgeographie: Bisher haben sich Forscher kaum damit beschäftigt, wie Leser ihre Literaturfaszination über die Lektüre hinaus ausleben. In methodischer Hinsicht setzt das Projekt auf eine innovative Verknüpfung von literaturwissenschaftlichen Methoden der Textanalyse mit empirisch-ethnographischen Methoden der Teilnehmenden Beobachtung, der Durchführung von Interviews sowie der Dokumentenanalyse (Reiseberichte, Reiseführer, touristische Werbematerialien etc.). Denn will man Näheres erfahren, was genau Leser dazu bringt, in den Spuren fiktiver Figuren zu wandeln beziehungsweise nachzuvollziehen, was vor Ort eigentlich tatsächlich passiert, so muss man zwei Dinge tun, die für Literaturwissenschaftler eher ungewöhnlich sind: Erstens wird man seinen Schreibtisch verlassen und sich ins Feld begeben müssen, sprich an die Orte, wo Literaturtourismus stattfindet; was zweitens bedeutet, dass man sich mit einem Akteur auseinandersetzt, den die Literaturwissenschaft in der Regel bloß als ein theoretisches Konstrukt denkt: den realen Leser, erklärt Raphaela Knipp.

In den Befragungen wurde deutlich: Die emotionale Komponente spielt für die meisten Literaturreisenden eine große Rolle. Sie wollen näher dran sein, sich in die Lage der Hauptfiguren hineinversetzen und das Gelesene körperlich und sinnlich nacherleben. Sie suchen nach dem Realen in der Literatur und sagen: Wenn die Geschichten so greifbar verortet sind, dann könnte es ja auch tatsächlich so passiert sein. Das Publikum ist sehr heterogen. So folgen 40- bis 65-Jährige meist den Spuren klassischer Literatur, während im Krimigenre eher Jüngere unterwegs sind. Raphaela Knipp trifft vor Ort auch viele Nichtleser, die Teil der Kultur sein wollen oder Unterhaltung suchen. Einige Touristen betrachten das Spektakel auch als eine Art Ersatzlektüre, eine Paradoxie des Phänomens.

Aber darf man so mit Literatur verfahren? Nimmt man damit der Fantasie des Lesers etwas weg? Wie weit darf ich als Veranstalter wie Museumsleiter, Stadtführer oder Tourismusagentur oder auch als Besucher gehen und wann reduziere ich den Text und tue ihm somit unrecht? Häufig ist alleine das Gemeinschaftserlebnis von Bedeutung, die Menschen tauschen sich aus. Literarische Spurensuche und Beschäftigung mit dem Text muss sich nicht ausschließen, lässt sich als ein Ergebnis der Untersuchung festhalten.

Historisch betrachtet reicht die Idee, literarische Orte physisch aufzusuchen, mindestens bis ins 16. Jahrhundert ins Zeitalter der sogenannten Grand-Tour zurück. Wurden bis ins späte 19. Jahrhundert vor allem literarisierte Landschaften bereist, erweitert sich mit dem Aufkommen des Stadtromans im 20. Jahrhundert auch die literaturtouristische Karte. Ein prominentes Beispiel ist Joyce Ulysses. Die Wege der Hauptfiguren durch Dublin sind leicht nachzuvollziehen, etwa vom Martello Tower, einem alten Turm in der Dubliner Bucht, am Strand entlang, hin zu einer Drogerie, einem Friedhof oder Pub. Ein Stadtführer bringt die Faszination Literaturtourismus auf den Punkt: Uns begleiten oft Menschen auf Stadtrundgängen, die sagen: ,Hier hat Leopold Bloom also dies und jenes gemacht und ich muss sie dann daran erinnern, dass das alles natürlich ein Stück Fiktion war. Aber sie glauben wirklich, dass sie in den Fußstapfen von Leopold Bloom durch die Stadt laufen.


Weiterführende Infos:
Nicole Reschke
0175-5810090
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