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Eine grenzüberschreitende Sprache

19.11.2014 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Slawisten der Universität Jena starten Projekt zur slawischen Minderheitensprache Russinisch 24 Amtssprachen gibt es in der Europäischen Union. Hinzu kommen zahlreiche Minderheitensprachen, wie etwa Russinisch. Wie viele Menschen auf der Welt die slawische Minderheitensprache sprechen, ist jedoch nicht genau bekannt, sagt Prof. Dr. Achim Rabus von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Den wohl berühmtesten Vertreter der Russinen kann der Slawist aber ganz genau benennen: Andrej Warhola, besser bekannt als Andy Warhol. Der Pop-Art-Künstler wurde zwar in den USA geboren, hat aber russinische Wurzeln. Seine Eltern stammten aus einem Dorf in der Ostslowakei und waren beide Russinen, weiß Rabus.

Russinisch wird vorwiegend in Südostpolen dort als Lemkisch bezeichnet , der Ostslowakei, in den ukrainischen Karpaten und in kleineren Gebieten im nördlichen Ungarn und Rumänien gesprochen. Verschiedene sprachliche und politische Grenzen, nicht zuletzt auch die EU-Außengrenze, zerschneiden das russinische Volk, sagt Rabus. Wie sich das auf die Sprache auswirkt, das wollen Jenaer Slawisten um Achim Rabus in einem neuen Forschungsprojekt herausfinden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben in den nächsten drei Jahren mit 200.000 Euro. Angesiedelt ist das Projekt am Jenaer Institut für Slawistik und dem Aleksander-Brückner-Zentrum für Polenstudien der Universitäten Jena und Halle-Wittenberg.

Die Wissenschaftler werden Russinen in Polen, der Slowakei, der Ukraine und in Ungarn interviewen. Wir werden die Menschen darüber befragen, was sie denken, wie sie selbst und wie andere Menschen in ihrem Land sprechen, erklärt Rabus. Anschließend werden die Forscher neben dem Inhalt auch die Art und Weise des Gesagten analysieren das heißt Grammatik, Syntax sowie Aussprache und die Ergebnisse aus den einzelnen Ländern miteinander vergleichen. Auf diese Weise können wir ermitteln, welche Sprachelemente die Menschen wahrnehmen und welche Varianten des Russinischen es tatsächlich gibt, erklärt Rabus, der die Aleksander-Brückner-Professur für Slawistische Sprachwissenschaft innehat und zugleich stellvertretender Direktor des Aleksander-Brückner-Zentrums für Polenstudien ist. Rabus und sein Team untersuchen zudem, wie die jeweilige politische, soziale und linguistische Konstellation in den Ländern mit russinischer Bevölkerung die russinische Sprache verändert. In der Ukraine gilt das Russinische als Dialekt und es vermischt sich stark mit dem Ukrainischen, sagt Rabus. In der Slowakei und in Polen bestehe das Russinische hingegen neben der ebenfalls slawischen, in Ungarn neben der nicht-slawischen Landessprache. Sprachwissenschaftler bezeichnen das als slawische oder nicht-slawische Überdachung des Russinischen, erklärt Rabus. Die Russinen leben in diesen Ländern zweisprachig. Sie sprechen im familiären Umfeld eher Russinisch und bei offiziellen Anlässen die Dachsprache, also beispielsweise Polnisch.

Unterstützung erhält Achim Rabus von zwei Projektmitarbeitern, die beide aus der Ukraine kommen und daher enge Kontakte zur lokalen Bevölkerung haben: Yuriy Remestvenskyy, der im russischsprachigen Teil der Ukraine aufgewachsen ist, und Andrianna Schimon, die selbst Russinin ist. Für mich ist es unglaublich spannend, meine eigene Kultur und den Wandel meiner Muttersprache zu erforschen, sagt Schimon. Remestvenskyy ergänzt, dass die Ukrainer, die jenseits der Karpaten leben, nur wenig über die Russinen wissen. Auch mir ist sehr spät bewusst geworden, wie vielfältig die Ukraine eigentlich ist.

Tatsächlich sind Russinen und Russinisch Ausdruck der Pluralität slawischer Länder, wie etwa der Ukraine und Polen, dem Hauptforschungsgebiet des Aleksander-Brückner-Zentrums, betont Prof. Rabus. Aufgrund der nationalstaatlichen Ordnung wird jedoch häufig eine sprachliche und ethnische Homogenität angenommen, die es so aber gar nicht gibt, sagt der Wissenschaftler. Und genau hier knüpfe das neue Projekt an: Die große sprachliche und kulturelle Vielfalt in Europa ist ein großer Schatz. Mit unseren Forschungen möchten wir das möglichst vielen Menschen bewusst machen, betont Rabus.


Kontakt:
Prof. Dr. Achim Rabus
Institut für Slawistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Ernst-Abbe-Platz 8, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944875
E-Mail: achim.rabus[at]uni-jena.de Weitere Informationen:http://www.uni-jena-de - Homepage der Universität Jenahttp://www.aleksander-brueckner-zentrum.org - Homepage des Aleksander-Brückner-Zentrums für Polenstudien
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