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Bündnis gegen Depression in Hamburg-Harburg gestartet

07.02.2004 - (idw) LBK Hamburg (Landesbetrieb Krankenhäuser)

Das größte Projekt gegen die Depression in der Geschichte des deutschen Gesundheitswesens hat jetzt auch einen Stützpunkt in Hamburg: Im Harburger Rathaus hat sich am 5. Februar 2004 das "Harburger Bündnis gegen Depression" gegründet.

Mit einer Auftaktveranstaltung formierte sich hier eine Allianz, die es bisher gegen die Krankheit noch nicht gab: Mediziner, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen, Gesundheitsamt, Beratungsstellen, psychosoziale Einrichtungen, Arbeitsrehabilitation und Apotheker ziehen an einem Strang - das AK Harburg mit seiner Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie gehört zu den Organisatoren des neuen Netzwerks. Schirmherrin und Schirmherr sind die NDR-Moderatorin Bettina Tietjen und der Präsident der Hochschule für Musik und Theater, Prof. Dr. Hermann Rauhe.

Die Depression sei die psychische Erkrankung mit dem höchsten Suizidrisiko und gehöre zu den am meisten unterschätzten Krankheiten, sagt Dr. Hans-Peter Unger, Leitender Arzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im AK Harburg. Er hat das Bündnis initiiert: "Die Depression ist eine der großen Volkskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck. Sie sollte nicht mit üblichen Stimmungstiefs oder Traurigkeit verwechselt werden - ein depressiv Erkrankter erfährt eine grundlegende Veränderung seines Erlebens. Er entwickelt Angst, Schuldgefühle, Grübelzwang, innere Unruhe und Konzentrationsstörungen. Die Unfähigkeit zur Freude bis hin zu lebensmüden Gedanken verbinden sich mit körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und schneller Erschöpfbarkeit. Gerade in unserer hochentwickelten Technologie- und Kommunikationsgesellschaft stellt die Depression so etwas wie den "Arbeitsunfall der Moderne" dar. Auch die Altersdepression nimmt zu. Dagegen wollen wir gemeinsam etwas tun. Depressionen können jeden treffen, und sie sind behandelbar."

90 Prozent der Patienten wären mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie erfolgreich zu behandeln, so Dr. Unger. Bisher suche aber nur ein Drittel der Betroffenen medizinische Hilfe. Daher vergehe oft wertvolle Zeit, bevor ein depressiv Erkrankter angemessen behandelt werden könne. Das Bündnis arbeite auf vier Ebenen: Aufklärung der Öffentlichkeit, Kooperation mit Haus- und Fachärzten, Zusammenarbeit mit Multiplikatoren wie Lehrern, Pastoren oder Betriebsräten, Angebote für die Betroffenen und Angehörigen.

Prof. Heinz Lohmann, Vorstandssprecher des LBK Hamburg, lobte auf der Auftaktveranstaltung das Engagement Beteiligten des Harburger Bündnisse und insbesondere den persönlichen Einsatz von Dr. Unger und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im AK Harburg: "Eine Depression kann wirklich jeden treffen, selbst Psychiatrieexperten. Leider wird sie allzu oft trotz aufwändigster somatischer Untersuchungsverfahren nicht erkannt oder fälschlicherweise bagatellisiert - auch von den Betroffenen und ihrem Umfeld." Sehr wichtig sei es, so Lohmann, dass diese Erkrankung und die davon Betroffenen endlich entstigmatisiert würden: "Oft lese ich in Biographien, dass auch sehr erfolgreiche Personen Krisen mit Ängsten und Depressionen durchleben. Leider ist das meist nur zwischen den Zeilen zu erfahren, dabei könnte ein offener Umgang mit diesem Thema vielen Betroffenen helfen, ihr eigenes Leiden zu erkennen und mit professioneller Hilfe zu bewältigen."

20.000 Flyer mit Selbsttest und Hinweisen auf Hilfsangebote, 500 Plakate, Videokassetten etc. stehen zur Verteilung an Arztpraxen, Apotheken, Beratungsstellen und öffentlichen Einrichtungen in Harburg zur Verfügung. Ein Veranstaltungsprogramm für die nächsten Monate wird ebenfalls vorgestellt, alles zum Thema Depression. Nach entsprechender Schulung durch Mitarbeiter der LMU München haben sich kleine Teams gebildet, die jetzt an Schulen, Altenheimen und in Betrieben über die Erkrankung Depression und rasche Behandlungsmöglichkeiten aufklären wollen.

Zu diesem Zweck hat sich das Harburger Bündnis gegen Depression e.V. gegründet.
Gründungsmitglieder sind:

· Allgemeines Krankenhaus Harburg
· APONOVA-Servicecenter der Apotheken im LBK Hamburg
· Der Hafen-VpH Harburg e.V.
· Elbe Werkstätten GmbH
· Ev. luth. Kirchenkreis Harburg
· Gesundheitsamt Harburg
· Hamburger Fachdienst
· Paritätischer Wohlfahrtsverband LV Hamburg
· Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke Harburg
· Haus- und Fachärzte

Anfang Mai 2003 erfolgte das offizielle Startsignal zur bundesweiten Ausweitung des erfolgreichen "Nürnberger Bündnisses gegen Depression". Das Modell ist eines der wichtigsten Teilprojekte des Kompetenznetzes "Depression, Suizidalität". Ziele des Projekts sind die Verbesserung der Diagnose und Versorgung depressiv erkrankter Menschen und die Senkung der Anzahl von Suiziden und Suizidversuchen. Zum Arbeitskonzept gehören Fortbildungen für Ärzte, Psychologen, Pfarrer, Beratungsstellen und Gesundheitsämter sowie eine breite Öffentlichkeitsarbeit und Selbsthilfe-Initiativen für Betroffene und Angehörige. Erste Ergebnisse des seit 2001 arbeitenden "Nürnberger Bündnisses gegen Depression" zeigen einen positiven Trend: die wissenschaftliche Auswertung konnte zeigen, dass das öffentliche Bewusstsein bezüglich des Themas Depression anstieg und suizidale Handlungen signifikant zurückgegangen sind. Das Kompetenznetz Depression, Suizidalität gehört zu den bisher 14 Kompetenznetzen in der Medizin, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 1999 fördert. Die Netze widmen sich jeweils einem spezifischen Krankheitsbild mit besonderer gesundheitspolitischer Bedeutung. Ziel ist es auch, die Kooperation und den Wissenstransfer zwischen den Forschungseinrichtungen und den verschiedenen Ebenen der Patientenversorgung zu verbessern.
Allein in Deutschland leidet jede zwanzigste Person nach wissenschaftlichen
Untersuchungen an einer behandlungsbedürftigen Depression, das sind insgesamt rund vier Millionen Menschen. Depressive Erkrankungen werden immer noch viel zu häufig als "Psychoprobleme" bagatellisiert oder aus Angst vor Stigmatisierung verschwiegen, sagt Dr. Unger. Weil meist vielfältigste körperliche Beschwerden hinzukämen, sei häufig der Hausarzt der erste, der die Anzeichen der Depression erkennen könne: "Da ein Mensch mit einer neu auftretenden Depression zunächst keine Erklärung für das hat, was sich in ihm verändert, spielt gerade der Hausarzt in der Frühdiagnostik der Depression eine entscheidende Rolle." 90 Prozent der Patienten wären mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie erfolgreich zu behandeln, sagt Dr. Unger. Deshalb strebt auch das "CareWerk Depressionsprojekt" der AKH-Apotheke eine enge Vernetzung zwischen Hausärzten, Psychiatern, Apothekern und Klinik an.
Eine adäquate Behandlung der Depression lindert nicht nur bei Betroffenen und Angehörigen großes Leid, sondern ist auch volkswirtschaftlich von enormer Bedeutung: Vor allem unter 20- bis 40-Jährigen nimmt die Arbeitsunfähigkeit wegen Depressionen beständig zu. Als Folge depressiver Erkrankungen wurden beispielsweise in Deutschland innerhalb eines Jahres elf Millionen Ausfalltage registriert und 10.629 Frühberentungen ausgesprochen.

Weitere Informationen:

Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im AK Harburg

Leitender Arzt Dr. Hans-Peter Unger
Eißendorfer Pferdeweg 52, 21075 Hamburg
Tel.: 040/7921-3254, Fax: 040/7921-3996

Das "Harburger Bündnis gegen Depression e.V." im Internet:
www.buendnis-depression.de
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