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Traumatisierte Kriegsopfer: psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfsangebote ausbauen

28.11.2014 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)

Die in diesem Jahr ausgebrochenen Kriege haben schon unzählige Opfer gefordert. Zu den körperlichen Verletzungen kommen schwere psychische Wunden, die ganze Volksgruppen, Völker und Landstriche betreffen und deren verheerenden Auswirkungen über Jahrzehnte hinweg anhalten. Betroffen sind auch Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen und Bundeswehr, insbesondere dann, wenn sie vor Ort Unterstützung und Schutz bieten. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stellen heute in Berlin Traumaexperten neue Wege vor, welche die Versorgung der Betroffenen verbessern können. Kriege bedeuten für die Psyche Extremstress. Todesangst, Gewalt, Verfolgung, Hass und Ausgrenzung hinterlassen nicht nur körperliche, sondern auch tiefe seelische Spuren. Die traumatischen Erfahrungen übersteigen die eigenen Bewältigungsmechanismen der Überlebenden des Krieges. Den betroffenen Menschen gelingt es oft auf Jahre nicht, sich aus den Erinnerungen zu befreien. Ständig verfolgen sie die Schrecken des Krieges. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depression, ein verzweifelter Griff nach der Droge und andere traumainduzierte Störungen sind immer dann die Folge, wenn die Summe schrecklicher Erfahrungen das Fassbare übersteigt.

Typisch für das Leiden der Betroffenen sind Formen des Wiedererlebens, die sich den Betroffenen tagsüber in Form von intensivsten Erinnerungen an den Horror, Tagträumen oder Flashbacks, nachts in Albträumen aufdrängen. Bedrohung zieht jetzt überall ein, ist ständig da, selbst nach einer Rückkehr aus den Kriegsgebieten. Bei vielen Kriegstraumatisierten ist das Selbst- und Weltbild erschüttert und das Vertrauen in andere Menschen nachhaltig gestört. Die Bewältigung des Alltags wird für sie zur Qual. Gleichzeitig kann der Verlauf körperlicher Erkrankungen durch eine PTBS negativ beeinflusst werden. Das Risiko für Suchterkrankungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen steigen bei einer PTBS stark an.

PTBS und traumainduzierte Störungen sind schwere psychische Erkrankungen, die therapeutischer Behandlung bedürfen. Doch in vielen Krisenregionen fehlt die Kompetenz für psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung vollständig. Professor Andreas Heinz, Vorstandsmitglied der DGPPN, sieht deshalb großen Handlungsbedarf: Wir benötigen kultursensible Hilfsprogramme, um die psychische Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge in den Krisenregionen und damit auch die Funktionstüchtigkeit der Überlebenden zu unterstützen. Deutschland kann hier eine wichtige Vorbildfunktion übernehmen und seine Aktivitäten weiter intensivieren. In Bezug auf die Einsatzkräfte und das medizinische Personal, das in den Krisenregionen aktiv ist, sind auch Präventionsmaßnahmen sehr wichtig.

Die gegenwärtigen Kriege zwingen immer mehr Frauen, Männer und Kinder aus Ihrer Heimat zu fliehen. Auch in Deutschland ist nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Zahl der Asylanträge weiter am Steigen. Rund 200.000 Asylanträge werden 2014 erwartet. Allein im Oktober stellten über 5000 Syrerinnen und Syrer einen Asylantrag. Bei ihrer Ankunft in Deutschland befinden sich viele Flüchtlinge und Asylsuchende in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Rund 40 Prozent haben mehrfach traumatisierende Erfahrungen gemacht. Die Rate für PTBS ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung 10-fach höher.

Doch auch in Deutschland ist die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden mit psychischen Erkrankungen nach wie vor unzureichend. Der aktuelle Lagebericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland stellt einen erheblichen Nachholbedarf im Gesundheitswesen fest. Professor Andreas Heinz erklärt: Immerhin erhalten künftig traumatisierte Flüchtlinge und Asylsuchende durch die von der Bundesregierung angekündigten Umsetzung der sogenannten Aufnahme-Richtlinie Anspruch auf psychotherapeutische Hilfe. Doch dies kann leider noch nicht gelingen: Viele Einrichtungen, die eine professionelle medizinische, psychotherapeutische und psychosoziale Behandlung und Beratung durchführen können, kämpfen mit Finanzierungsschwierigkeiten und sprachlichen Verständnisproblemen bei der Behandlung von Flüchtlingen. Gleichzeitig stellen hoch komplexe administrative Vorgaben große Hindernisse für eine Anpassung an die notwendige Versorgung der Betroffenen dar.

Um die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Deutschland zu verbessern, sind aus Sicht der DGPPN eine Reihe von Maßnahmen notwendig:

Interkulturelle Kompetenz ist personell und organisatorisch im Versorgungssystem sicherzustellen. Wichtig sind dabei auch die Einbeziehung von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund und ein regelhafter Einsatz von geschulten Sprach- und Kulturmittlern.


Eine unbürokratische gesetzliche Regelung der Kostenübernahme von Sprachmittlern (die nicht durchweg diplomierte Dolmetscher sein müssen) ist erforderlich.

In Anbetracht der Vielzahl der Fälle sind landesweit Möglichkeiten gestufter Behandlungsmodelle einzuführen. Weitere Informationen:http://www.dgppn.de Anhang
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