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Schwerpunkthema DIVI2014 - Worauf es auf Intensivstationen wirklich ankommt

01.12.2014 - (idw) Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e. V.

Deutschland zählt zu den medizinisch am besten versorgten Ländern weltweit. Ein breites Angebot an Krankenhäusern, Arztpraxen und Einrichtungen gewährleistet eine medizinische Versorgung für alle. Trotzdem ist es nötig, die ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Abläufe immer weiter zu verbessern. Das gilt insbesondere für Intensivstationen, auf denen es fast immer um Leben und Tod geht. Durchdachte Qualitätsindikatoren sollen genau dafür sorgen. Was macht eine gute Intensivstation aus? Diese Frage stellen sich alle Einrichtungen dieser Art und manche von ihnen orientieren sich an der Sterblichkeitsrate. Je niedriger sie ist, desto besser die Qualität. Doch genau diesen Qualitätsindikator hält Professor Rainer Röhrig, Leiter der Sektion Informations- und Medizintechnik der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) für problematisch. Unser Ziel darf es nicht nur sein, Leben unter allen Umständen zu erhalten, vielmehr sollte es darum gehen, die Lebensqualität zu erhalten oder unter Umständen auch ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Es gibt schwerkranke oder auch sehr alte Patienten, die bestimmte lebenserhaltene Maßnahmen nicht wollen und deshalb auch sterben dürfen.

Entscheidend ist dabei immer die Prognose, sagt der Experte des Departments Versorgungsforschung der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Das Überleben darf weder in die Qualitätsbewertung noch in die Leistungsvereinbarungen eines Krankenhauses einfließen, weil dadurch falsche Anreize gesetzt werden. Ein viel wichtigerer Qualitätsindikator ist es, sich auf die Infrastruktur und vor allem die einzelnen Prozesse und Abläufe auf einer Intensivstation zu konzentrieren. Das Stichwort lautet hier: multiprofessionelle Visiten. Dabei handelt es sich um einmal tägliche Visiten, an denen alle für einen Patienten zuständigen Fachkräfte teilnehmen sollen. Dazu gehören Ärzte und Pflegekräfte, aber auch Ergo-, Physio- und Sprachtherapeuten. Alle gemeinsam sollten sich für jeden Patienten Tagesziele setzen und diese dokumentieren, damit diese schichtübergreifend verfügbar ist, sagt Prof. Röhrig. Die Dokumentation zwingt zu einem interdisziplinären und interprofessionellen Dialog und einen Konsens, der einsehbar ist und auf den sich alle berufen können, sich aber auch daran halten sollten und nur in begründeten Fällen abweichen. Wenn eine Therapie für alle Beteiligten nachvollziehbar ist, dann werden weniger Fehler gemacht. Die Zeit, die man durch vergeudete Rückfragen und Diskussionen einspart, steht danach für individuelle Pflege, Diagnostik oder Therapieentscheidungen zur Verfügung. Es klingt paradox, aber man kann durch diesen Standard individueller auf den Patienten eingehen.

Dabei ist es überaus sinnvoll, sich an die international anerkannten Richtlinien zu halten. Ein gutes Beispiel dafür ist die häufig notwendige Beatmung eines Patienten. Hier ist es beispielsweise ratsam, jeden Tag einen so genannten Sedierungsstopp durchzuführen, um zu sehen, ob der Patient wach wird und von alleine wieder atmen kann.

Häufig besteht bei Patienten und Angehörigen eine Angst vor der Maschinenmedizin auf der Intensivstation. Es ist wichtig zu erklären, dass in der Intensivmedizin die Medizintechnik vor allem lebenswichtige Organfunktionen überwacht oder ersetzt und damit dem Menschen die Möglichkeit zur Heilung bietet. Wir müssen akzeptieren, dass die moderne Medizintechnik ein unverzichtbarer Bestandteil einer jeden Intensivstation ist, sagt der DIVI-Sektionsleiter. Das Ziel ist nicht, einen Menschen möglichst lange am Leben zu erhalten. Aber wir müssen Zeit gewinnen, bis eine Prognose möglich ist. Wie lange dies dauert, wird derzeit von der Öffentlichkeit an dem früheren Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher verfolgt.

Nicht zu vergessen: Bei jeder Intensivstation handelt es sich um eine hochinvasive, hochspezialisierte und hochtechnisierte Einrichtung, die Voraussetzungen schafft, damit es bei einem Patienten zu Heilungsprozessen kommt. Dazu gehört natürlich auch die menschliche Zuneigung, sagt Prof. Röhrig. Das Personal muss sich nicht nur mit der teilweise sehr komplizierten Technik auskennen, es sollte auch über die notwendige Sensibilität bei Patienten und Angehörigen verfügen. Deshalb sind regelmäßige Fortbildungen und vor allem klar definierte Therapieziele so wichtig.

Ein entscheidendes Werkzeug zur Verbesserung der Versorgung von Patienten auf Intensivstationen ist das Peer Review-Verfahren für die Intensivmedizin. Dabei handelt es sich um die Bewertung einer Intensivstation unter anderem von konsentierten Qualitätsindikatoren, zum einen von den Mitarbeitern selbst und zum anderen durch externe Experten, erklärt Professor Elke Muhl, Präsidentin der DIVI. Personal, Organisation, Patientenbelange und die Qualität der Behandlung werden genau unter die Lupe genommen, um so Stärken und eventuelle Schwächen aufzulisten und dann zu beheben.

DIVI Kongress 2014
Das Thema Qualitätsindikatoren auf Intensivstationen ist ein Schwerpunkt des DIVI-Kongresses 2014, der unter dem Motto Humanität und Technologie vom 03. bis 05. Dezember im CCH Congress Center in Hamburg stattfindet.

Außerdem werden Schulungskurse für Ärzte und Pflegepersonal angeboten. Kongresspräsident Professor Andreas Unterberg zum DIVI2014: Intensiv- und Notfallmedizin haben in den letzten Jahrzehnten einen stetigen Wandel und eine enorme Weiterentwicklung erlebt. Was vor über zwei Jahrzehnten bei den ersten DIVI-Kongressen noch sensationell war, ist heute Normalität. Geblieben ist der Fokus all unserer Bemühungen, das Wohl der von uns versorgten Patienten und ihrer Angehörigen. Im Zentrum unserer Arbeit steht daher immer an erster Stelle die Humanität. Die Methoden und die Technologie, die uns heute zur Verfügung stehen, schwerstkranke Patienten zu behandeln, entwickeln sich von Jahr zu Jahr weiter. Jedoch sind unsere Ressourcen nicht unbegrenzt. Und so sollte sich der Einsatz von Technologie nachweislich und messbar lohnen. Auch dieser Aspekt sollte stets berücksichtigt werden.

Ein weiterer Höhepunkt des Kongresses ist der DIVI Charity Lauf am 4. Dezember, dessen Erlös an die Organisation Kinderhilfe Organtransplantation Sportler für Organspende e.V. geht. Schirmherr des Laufes ist der Olympiasieger im Gehen Hartwig Gauder, der selbst seit 1997 ein Spenderherz hat.

Die Feuerwehr der Stadt Hamburg führt am 04.12.2014 eine Personenrettung aus dem 27. Stockwerk des Radisson Blu Hotel sowie eine Rettung von adipösen Patienten am 05.12.2014 vor. Beide Termine finden von um 11:45-12:15 Uhr statt. Die Bundeswehr stellt eine militärische Rettungskette dar und ADAC Luftrettung zeigt die Funktionen eines Intensivtransporthubschraubers.

DIVI weltweit einzigartig
Die 1977 gegründete DIVI ist ein weltweit einzigartiger Zusammenschluss von mehr als 2000 Anästhesisten, Neurologen, Chirurgen, Internisten, Kinder- und Jugendmedizinern sowie Fachkrankenpflegern und entsprechenden Fachgesellschaften und Berufsverbänden: Ihre fächer- und berufsübergreifende Zusammenarbeit und ihr Wissensaustausch machen im Alltag den Erfolg der Intensiv- und Notfallmedizin aus. Insgesamt bündelt die DIVI damit das Engagement von mehr als 30 Fachgesellschaften und persönlichen Mitgliedern.

Die Experten der DIVI:
- Professor Andreas Unterberg ist diesjähriger Kongresspräsident und Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg.
- Professor Elke Muhl ist Präsidentin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sowie Intensivmedizinerin und Oberärztin in der Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig Holstein/Campus Lübeck.
- Professor Rainer Röhrig ist stellvertretender DIVI-Sprecher der Sektion Medizinische Informatik in Anästhesiologie und Intensivmedizin und tätig an der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Schmerztherapie der Justus-Liebig-Universität Gießen.


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