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Das Ende des jüdischen Lebens im saarländischen St. Ingbert im Dritten Reich

08.12.2014 - (idw) Universität des Saarlandes

Vor der Machtergreifung Hitlers blickte die Stadt St. Ingbert auf 120 Jahre jüdisches Leben zurück. Lebten zu Beginn der 1930er Jahre rund 60 Juden in der Gemeinde, entschlossen sich 80 Prozent von ihnen aufgrund der Repressalien durch die Nationalsozialisten frühzeitig zur Flucht. Wie es ihnen dabei ergangen ist, hat die Kulturhistorikerin Myriam Weidmann an der Saar-Uni untersucht. So sind die meisten nach Frankreich geflohen und zum Teil weiter in die USA. Keiner von ihnen kehrte nach dem Krieg zurück. Ums Leben kamen 16 Juden aus St. Ingbert, darunter sechs im Konzentrationslager Auschwitz. 34 erhielten nach dem Krieg eine Entschädigung, auf die sie im Schnitt 21 Jahre warten mussten. Als Kaufleute, Ärzte, Lehrer oder Handwerker lebten Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mitte der St. Ingberter Gesellschaft. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 änderte sich dies jedoch schnell. Bereits drei Jahre später waren die meisten jüdischen Geschäfte in der Kaiserstraße, der Haupteinkaufsstraße, geschlossen, sagt Myriam Weidmann. Die Kulturhistorikerin hat das Leben von 57 Juden der Kreisstadt erforscht, auf deren Spuren sie unter anderem im Landesarchiv in Saarbrücken und im Stadtarchiv St. Ingbert gestoßen war. Der größte Teil von ihnen ist bereits 1935 ins Ausland geflohen meist in das nahgelegene Frankreich und mitunter weiter in die USA. In der neuen Heimat konnten die meisten Emigranten allerdings nicht mehr an ihr altes Leben anknüpfen, so Weidmann weiter. Viele haben sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten oder sind beim Versuch, etwas Neues aufzubauen, gescheitert. Der St. Ingberter Arzt Dr. Erich Meyer mit gut laufender Praxis beispielsweise floh nach Kuba, wo er nie wieder Fuß fassen konnte. Der einst angesehene Kaufmann Otto Beer und seine Familie, die sich in die USA gerettet hatten, gingen mit einer Hühnerfarm bankrott, da die Tiere alle an einer Virusgrippe starben. Erst Beers Kinder konnten sich in der neuen Heimat etablieren.

Doch nicht allen glückte die Flucht ins rettende Ausland: Insgesamt 16 Juden aus St. Ingbert kamen ums Leben, darunter sechs im Konzentrationslager Auschwitz. Das Ehepaar Loeb zum Beispiel floh mit seinen fünf Kindern 1935 nach Belgien. Hier wurde die älteste Tochter 1942 zur Zwangsarbeit eingezogen. Den Eltern gelang es daraufhin noch, die anderen Kinder bei befreundeten belgischen Familien zu verstecken. Sie selber flohen erneut, wurden aber in der Nähe von Brüssel aufgegriffen und schließlich nach Auschwitz deportiert. Ebenso erging es Fritz und Elisabeth Beer, die in St. Ingbert geblieben waren. Sie wurden zunächst in ein Internierungslager im südfranzösischen Gurs verschleppt, bevor sie 1942 nach Auschwitz kamen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stand den NS-Opfern laut Bundesentschädigungsgesetz von 1956 eine Wiedergutmachung zu. Dazu mussten sie Anträge stellen, die in aufwendigen, zum Teil langwierigen Verfahren bearbeitet wurden. So erging es auch den Betroffenen aus St. Ingbert. In den Archiven fand Weidmann Belege, dass 34 von ihnen eine Entschädigung erhalten haben. Im Schnitt lag diese bei 21.000 DM in Form einer Einmalzahlung, so die Historikerin. Die Opfer mussten allerdings durchschnittlich 21 Jahre darauf warten. Dabei sei ein wirtschaftlicher Schaden in der Regel höher entlohnt worden als ein Freiheitsentzug.


Myriam Weidmann hat Historisch orientierte Kulturwissenschaften an der Universität des Saarlandes studiert. Ihre Abschlussarbeit hat sie bei Professorin Gabriele Clemens am Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte geschrieben.

Fragen beantwortet:
Myriam Weidmann
E-Mail: s9myweid(at)stud.uni-saarland.de

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