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Koran-Übersetzungen als Politikum

09.12.2014 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Dr. Armina Omerika beleuchtet die Diskussionen über die Koranübersetzung in Bosnien. Ihr Vortrag läuft in der Reihe "Der Koran - ein Text im Dialog zwischen Osten und Westen" am nächsten Montag. FRANKFURT. Die Übersetzung des Korans aus dem Arabischen in eine andere Sprache kann ein Politikum sein. Dies wird die Islamwissenschaftlerin Dr. Armina Omerika von der Goethe-Universität in ihrem Vortrag am Montag (15. Dezember) am Beispiel der Übertragungen des Korans ins Bosnische/Serbische/Kroatische näher beleuchten.

Die Veranstaltung gehört zu der Vorlesungsreihe Der Koran Ein Text im Dialog zwischen Osten und Westen. Sie wird im Rahmen der Stiftungsgastprofessur Wissenschaft und Gesellschaft der Deutsche Bank AG im Wintersemester vom Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität veranstaltet und wendet sich insbesondere an die Bürger im Rhein-Main-Gebiet. Die Vorlesung beginnt um 18 Uhr im Renate von Metzler-Saal, Casino, Campus Westend.

Trotz der jahrhundertelangen Präsenz des Islam und der Einbindung weiter Teile Südosteuropas in die staatlichen Strukturen des Osmanischen Reiches erfolgte die erste direkte Übertragung des Korans aus dem Arabischen in die Sprache einer der größten muslimischen Bevölkerungsgruppe der Region, der Bosniaken, erst im Jahre 1977 durch den Gelehrten Besim Korkut. Korkuts Übersetzung waren andere vorausgegangen, die allerdings auf Umwegen über andere Sprachen erfolgt waren, etwa über das Französische oder das Türkische. Die Übertragungsakte lösten zum Teil heftige innermuslimische Polemiken über die generelle Übersetzbarkeit des Korans und damit auch über den exegetischen Zugang zum koranischen Text aus.

Anhand von drei Koran-Übersetzungen ins Bosnische/Serbische/Kroatische (Ljubibrati 1895; Panda/auevi 1937 und Korkut 1977) und der Darstellung der sie begleitenden Debatten wird die Wissenschaftlerin zeigen, dass die Frage der Koran-Übersetzungen in einem engen Zusammenhang mit der Neubewertung der islamischen theologischen Traditionen durch die Muslime des Westbalkans stand. Dabei spielten die Bedingungen der Moderne eine entscheidende Rolle. So wurden beispielsweise nicht nur die lexikalischen und grammatikalischen Entscheidungen der Übersetzer kritisiert, sondern auch die bei der Übersetzung zu Hilfe genommenen arabisch-sprachigen Korankommentare und deren theologischen Grundannahmen.

Darüber hinaus standen die Koran-Übersetzungen, ihre Motivationen und auch die ausgelösten Debatten in einem engen Zusammenhang mit den sprach-, wissenschafts- und religionspolitischen Entwicklungen. Sie waren auch nicht frei von vorherrschenden (national)staatlichen Ideologien der jeweiligen Zeit. Es sind diese Wechselwirkungen, die aus den Übersetzungen des Offenbarungstextes über rein theologische Implikationen hinaus auch ein Politikum machten, betont Armina Omerika.

Die Frankfurter Islamwissenschaftlerin wurde 1976 in Mülheim an der Ruhr geboren, besuchte die Grundschule in Mostar, Bosnien und Herzegowina, Abitur machte sie 1996 in Mülheim. Armina Omerika studierte Islamwissenschaften, Film- und Fernsehwissenschaften und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum und an der John Moores University Liverpool. Sie promovierte 2009 in Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema Jungmuslime in Bosnien und Herzegowina, 1941-1983. Es folgten Lehr- und Forschungstätigkeiten in Islam- und Geschichtswissenschaften an den Universitäten Bochum, Erfurt, Basel, Frankfurt und an der St. Lawrence University, Canton/NY (USA). Seit Mai 2013 ist sie Leiterin der Postdoc-Gruppe Wissens- und Methodentransfer in den Islamischen Studien am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Sommersemester 2014 hatte sie eine Vertretungsprofessur Islamische Studien/Islamische Theologie an der Universität Hamburg inne.

Sie hat zahlreiche Publikationen zum Themenfeld Islam auf dem Balkan veröffentlicht, u.a. Muslimische Stimmen aus Bosnien und Herzegowina. Die Entwicklung einer modernen islamischen Denktradition (Herder Verlag 2013); Islam in Bosnien und Herzegowina im 20. Jahrhundert und das Netzwerk der Jungmuslime (Harrassowitz Verlag 2014). Armina Omerika war Stipendiatin der Volkswagen-Stiftung und der Gerda-Henkel-Stiftung und von 2010 bis 2012 Mitglied des Plenums der Deutschen Islam Konferenz.

Weitere Vorträge in der Reihe Der Koran Ein Text im Dialog zwischen Osten und Westen auf einen Blick:
Die Veranstaltungen finden jeweils montags um 18 Uhr im Renate von Metzler-Saal, Casino, Campus Westend statt.

12. Januar 2015
Nicolai Sinai, Universität Oxford
Wie viel Kritik verträgt der Koran? Zum gegenwärtigen Stand der historisch-kritischen Koranforschung

26. Januar 2015
Stefan Wild, Universität Bonn
Viele Wege zum Text? Gespräche zwischen muslimischen Gelehrten und Orientalisten

9. Februar 2015
Podiumsdiskussion
Den Text verstehen. Zeitgenössische Koranhermeneutik in der islamischen Welt
Moderation: Bekim Agai, Goethe-Universität Sunnitische Zugänge: Rotraud Wielandt, Universität Bamberg Schiitische Zugänge: Katajun Amirpur, Universität Hamburg

Informationen: Prof. Dr. Bekim Agai, Zentrum für Islamische Studien, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798 32751, agai@em.uni-frankfurt.de, www.islamischestudien.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 2014 feiert sie ihren 100. Geburtstag. 1914 gegründet mit rein privaten Mitteln von freiheitlich orientierten Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern fühlt sie sich als Bürgeruniversität bis heute dem Motto Wissenschaft für die Gesellschaft in Forschung und Lehre verpflichtet. Viele der Frauen und Männer der ersten Stunde waren jüdische Stifter. In den letzten 100 Jahren hat die Goethe-Universität Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften.


Mehr Informationen unter www2.uni-frankfurt.de/gu100

Herausgeber: Der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Redaktion: Ulrike Jaspers, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung Marketing und Kommunikation, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt am Main,
Tel: (069) 798-13066, Fax: (069) 798-763 12531, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de
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