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"Wer tut was wann warum?" - Rückblick auf die Tagung Rekonstruktive Wissensbildung

09.12.2014 - (idw) Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen

"Wer tut was, wann, warum?" Detektive stellen sich normalerweise diese Fragen und SozialarbeiterInnen. Auch sie haben es in ihrer beruflichen Praxis vor allem mit dem Verstehen zu tun. Deshalb sind verstehende und so genannte rekonstruktive Verfahren für die Soziale Arbeit grundlegend.

Vom 27. bis 29. November veranstaltete die Katholische Hochschule NRW, Abteilung Münster (KatHO Münster) eine wissenschaftliche Tagung, die die Bedeutung verstehender Methoden in der Sozialen Arbeit ausleuchtete und zur Theoriebildung beitragen sollte. Mindestens 18 Monate lang hatten die TagungsleiterInnen Prof. Dr. Walburga Hoff (KatHO NRW, Abt. Münster), Prof. Dr. Birgit Bender-Junker (Evangelische Hochschule Darmstadt) und Prof. Dr. Klaus Kraimer (Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes) die Veranstaltung vorbereitet. 26 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brachten 140 Tagungsteilnehmern "Historische und gegenwärtige Perspektiven einer gegenstandsbezogenen Theorie der Sozialen Arbeit", so der Untertitel der Tagung, näher. Die Gäste kamen aus der Bundesrepublik, der Schweiz und aus Österreich.

Die Tagung wurde durch die Fritz-Thyssen-Stiftung, die DKM Darlehnskasse Münster und die HTW Saar gefördert und in Kooperation mit dem Netzwerk Rekonstruktive Soziale Arbeit durchgeführt.

Prof. Dr. Peter Berker, Rektor der KatHO NRW und Prof. Dr. Rita Paß, Dekanin des Fachbereichs Sozialwesen der KatHO NRW, Abt. Münster, begrüßten am 27. November die Gäste im Hörsaal der KatHO. In ihrem Eingangsvortrag erläuterte Prof. Hoff, dass mit rekonstruktiver Wissensbildung so der Titel der Tagung gemeint sei, methodisch zwischen den Zeilen zu lesen. In einem Pressegespräch verdeutlichte sie, wie rekonstruktive Verstehensmethoden in der Praxis zur Anwendung kommen.

Dazu schilderte Prof. Hoff den Fall einer Familie, auf die das Jugendamt aufmerksam wurde, weil der Sohn durch aggressives Verhalten in der Schule aufgefallen war. Die Frau lag scheinbar depressiv zuhause im Bett und kümmerte sich nicht um den Jungen. Die mit dem Fall betraute Sozialarbeiterin ließ es nicht bei diesem vordergründigen Eindruck der Familie bewenden. Sie versuchte zunächst durch Hausbesuche das Vertrauen der Mutter zu gewinnen und die Situation zu befragen. So gelang es ihr, hinter die Dinge zu schauen und andere Perspektiven auf den Fall zu entwickeln. Die Frau war nicht depressiv, sondern hatte sich aufgrund der traditionellen Rollenverteilung in der Familie und den damit verbundenen Aufgaben sowie der schwierigen Wohnungssituation in einem sozial benachteiligten Stadtteil in die Passivität geflüchtet.

Mit Hilfe verstehender Zugänge zum Fall so Prof. Hoff entwickelte die Sozialarbeiterin eine passgenaue Intervention, die dem lebensgeschichtlichen und sozialen Hintergründen der Familie Rechnung trug, so dass die Mutter insgesamt aktiver wurde und ihre Aufgaben in der Familie wieder wahrnehmen konnte.

Prof. Kraimer ergänzte, dass Einzelfälle zwar nicht standardisierbar seien, es jedoch mit Hilfe verstehender-rekonstruktiver Methoden gelänge, komplexe Fallgeschichten zu entschlüsseln. Diese liefern SozialarbeiterInnen vor Ort eine wichtige Handlungsgrundlage und die Möglichkeit, eine professionelle Identität zu entwickeln.

In Vorträgen und Workshops wurde bei der Tagung zum einen dargestellt, dass Soziale Arbeit seit ihren historischen Anfängen rekonstruktiv-verstehende Methoden entwickelt hat wie beispielsweise Alice Salomon mit ihrer Sozialen Diagnose. Zum anderen wurde über die Bedeutung dieser Verfahren und verstehender Perspektiven für eine eigenständige Theoriebildung der Sozialen Arbeit diskutiert.

Referierende und Tagungsgäste wünschten sich manchmal mehr Zeit für Diskussionen, erkannten aber auch an, dass dies bei der Bewältigung eines so umfangreichen Tagungsprogramms oft schwierig sei. Viele Studierende freuten sich darüber, bei der Veranstaltung die AutorInnen jener Bücher persönlich kennen zu lernen, "die bei uns im Regal stehen". Zum Abschluss der Tagung gab es viel Lob: "Die Inhalte fand ich klasse", erklärte beispielsweise Gunda Sandmeir (Hochschule München). Die "gute Themenauswahl" hob auch Andrea Dischler (Katholische Stiftungshochschule München) hervor.

In ihrem Schlusswort verwies Prof. Dr. Sylke Bartmann (Hochschule Emden/Leer) auf die vielfältigen Angebote der Tagung. "Offene Fragen werden uns weiter begleiten", betonte sie. Prof. Dr. Andreas Hanses, Uni Dresden, skizzierte in seinem Schlusswort auch eine mögliche politische Dimension der Rekonstruktiven Wissensbildung, bevor er erklärte: "Es war sehr schön und sehr lebendig."

Anschließend gab es Blumen - und zwar für die studentischen Hilfskräfte, die die Tagung mit Esprit und außergewöhnlichem Engagement mit vorbereitet und begleitet hatten.

+++Interview mit Tagungsteilnehmerin Claudia Nürnberg von der FH Erfurt+++

Was bedeutet 'Rekonstruktive Wissensbildung'?
"Man geht zurück und daraus beginnt man zu verstehen. Aus diesem Verstehen entwickelt sich das Wissen."

Was kann 'Rekonstruktive Wissensbildung' in der Sozialen Arbeit bewirken?
"Professionalität."

Warum ist die Aneignung rekonstruktiver Forschungskompetenzen nötig?
"Dies stärkt die Entwicklung einer eigenständigen beruflichen Identität und verhilft zu genauen Fallanalysen, wenn die Professionellen über entsprechende Forschungskompetenzen verfügen."

Wie soll eine solche Theorie entstehen?

"Ich frage mich manchmal, ob es überhaupt eine Theorie geben kann. Auf jeden Fall muss die Theoriebildung von den Professionellen in der Sozialen Arbeit selbst betrieben werden. Dann gibt es eine Chance, aber das geht nicht von heute auf morgen."

Welchen Nutzen hätte die Allgemeinheit von einer solchen Theorie?
"Das Gemeinwohl würde professioneller und effizienter bearbeitet. Hilfsangebote würden zielgenauer. Es ginge nicht schneller, aber es wäre nachhaltiger."


Redaktion: Dr. Jan Schneider
Weitere Informationen: Prof. Dr. Walburga Hoff (w.hoff@katho-nrw.de)
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