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"Schlips ab" ohne Kastrationsgelüste

12.02.2004 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Wer Weiberfastnacht mit Krawatte zur Arbeit kommt, läuft traditionsgemäß Gefahr, dass sein gutes Stück einer hinterhältigen Schnippelattacke übermütiger Möhnen zum Opfer fällt. Küchenpsychologen argumentieren, dass "frau" mit diesem Brauch ihre latenten Kastrationsphantasien auslebt. "Alles Quatsch", kommentiert der Bonner Karnevalsforscher Dr. Wolfgang Herborn: Der Schlips sei früher vielmehr ein Statussymbol gewesen; der beherzte Griff an die Kehle des Vorgesetzten sollte beim Betriebskarneval wenigstens für einen Tag die Rangunterschiede zwischen Chef und Angestellten aufheben.

Auch sonst räumt der Kulturhistoriker mit lieb gewonnenen Klischees auf: "Der rheinische Karneval hat nichts mit den Winteraustreibungs- oder Fruchtbarkeitsriten der Römer oder Germanen zu tun, sondern er hat eindeutig christliche Wurzeln." Vor Beginn der christlichen Fastenzeit mussten Fleisch, ursprünglich auch Eier und Milchprodukte, aus den Speisekammern verschwinden; die Hühner mussten geschlachtet werden, um die Eierproduktion möglichst gering zu halten. Auf diesen Zusammenhang verweist nicht nur der Begriff "Fastnacht" (der Tag vor Beginn der Fastenzeit), sondern auch das italienische Wort "carnevale" ("Fleisch lebewohl"). "Außerdem liegt der Karnevals-Termin nicht fest, sondern richtet sich schon seit dem Mittelalter nach dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit."

Verkleidung verboten

Zum ersten Mal erwähnt wird der Kölner Karneval 1341. Auch Maskierungen schienen damals schon üblich zu sein. Die Obrigkeit sah das aber nicht gerne: Im Februar 1431 erließ der Kölner Rat ein öffentliches "Vermummungsverbot" - vor allem wohl aus Angst vor Verbrechen. Augenscheinlich ließen sich die Kölner ihren Spaß aber nicht verderben; jedenfalls musste das Verbot in den Folgejahren immer wieder auf's Neue ausgesprochen werden.

Zwar gab es auch öffentliche Umzüge von Handwerksgesellen, hauptsächlich war Karneval aber ein privates Fest. Weiberfastnacht und Rosenmontag (früher noch "kleiner Fastabend" genannt) waren die unwichtigsten Karnevalstage; die wichtigste Rolle spielte der Fastnachtsdienstag. Man besuchte sich im Familien- und Freundeskreis, aß und trank reichlich und war jedesmal, wie der Kölner Bürger Hermann Weinsberg im 16. Jahrhundert festhielt, "frolich gewest." Verkleidungen waren dabei durchaus üblich, selbst nachdem sich Anfang des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Gegenreformation die karnevalsfeindliche Stimmung im Rat verstärkte. "Vor allem der Brauch, sich als Mönch oder Nonne zu verkleiden, erregte Anstoß; 1601 erließ der Rat daher ein grundsätzliches Verkleidungsverbot, das auch für Privatfeiern galt", so Dr. Herborn. "Helfen tat es nicht, obwohl die Stadt Denunzianten nicht nur Diskretion zusicherte, sondern sogar eine Belohnung versprach."

Geburt des organisierten Straßenkarnevals

1823 schlug dann die Geburtsstunde des organisierten Karnevals heutiger Prägung. Einige Dutzend Männer aus der Kölner Führungsschicht schlossen sich zur einer Karnevalsgesellschaft zusammen. Dieser "Elferrat" (später pendelte sich die Zahl im Festkomitee auf elf ein) organisierte den ersten Rosenmontagszug. Damit wollten sie die seit Jahren nachlassende "Lust zum Maskieren in Bewegung bringen". Den Montag hatten sie gewählt, weil an diesem Tag traditionell kaum etwas lief. In der Folge entwickelte sich der "rasende" Montag zum Hauptkarnevalstag - und "Kölle Alaaf" (nichts geht über Köln), die Düsseldorfer mögen es verzeihen, zum Schlachtruf aller wahren Närrinnen und Narren.

Ansprechpartner:

Dr. Wolfgang Herborn
Institut für Rheinische Landeskunde der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7484
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