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Patientenwohl und Kostendruck

12.02.2004 - (idw) Universität Ulm

Patientenwohl und Kostendruck
Hermann Heimpel über die Zukunft der Gesundheitsleistungen

Die gesundheitsökonomische Debatte reißt nicht ab. Patienten werden in den kommenden Jahren mit schwerwiegenden Leistungseinschränkungen konfrontiert sein. Prof. em. Dr. Hermann Heimpel, ehedem Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin III (Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie) der Universität Ulm und Mitglied des Falkauer Kreises, äußert sich zu der Problematik im aktuellen gesundheitspolitischen Schwerpunktheft "Gesundheit und Gerechtigkeit" der Wissenschaftszeitschrift UNIVERSITAS.

Grundlage des ärztlichen Handelns ist nach dem Selbstverständnis der Ärzteschaft die Ausrichtung aller diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen am Wohle des Patienten. Leistungssteuerung, Wettbewerb, Effizienz, Wirkungsbeweis durch kontrollierte Behandlungsstudien, Kosten-/Nutzen-Relation, Budgets oder ähnlichen Begriffe, welche die Diskussion unseres Gesundheitssystems bestimmen, spielen bei diesem Bekenntnis zunächst keine Rolle.

Rationalisierung vor Rationierung ist eine Forderung aller Partner des Gesundheitswesens, in der sich Politiker, Ärzte und Versicherte treffen. Sie ist aber nur unvollständig und mit wiederum kostspieligen Anstrengungen zu realisieren. Da Rationalisierung und Effizienzsteigerung im Gefolge des medizinischen Fortschritts zu Verschiebungen der Inanspruchnahme und damit des Gewinns verschiedener Anbietergruppen führen, stellen sich Abwehrreaktionen ein, die durch die Medien unkontrolliert verstärkt werden können. Kehrseite der Versorgungsgerechtigkeit ist also eine im Vergleich zum freien Markt niedrige Effizienz; was nach Heimpel dazu führen dürfte, daß Rationierungen notwendig werden, bevor die tatsächlich bestehenden Rationalisierungsreserven ausgeschöpft sind.

Rationierung, das heißt die von Kostenträgern erzwungene oder vom einzelnen Arzt verfügte Verweigerung notwendiger, wirksamer und potentiell nützlicher Diagnostik und Therapie ist mit der ausschließlichen Fokussierung auf das Patientenwohl nicht zu vereinbaren und wirft für die Begründung ärztlicher Entscheidungen schwerwiegende ethische Probleme auf. Dies gilt auch für die Situation, daß Leistungsverweigerung gegenüber einzelnen Patienten oder Patientengruppen Ressourcen freimacht, deren Nutzen für die Gesamtheit der Betreuten, gemessen zum Beispiel an der Zahl der gewonnenen Lebensjahre, überwiegt. Die Auflösung dieses Dilemmas durch Diskurs und Konsens wird erforderlich werden, ohne daß die Lösung heute erkennbar ist.

Rationierung findet bereits statt. Das Wort "Verweigerung" suggeriert, daß der Betroffene sich ihr unter Kenntnis seines Nachteils fügen muß. Vor allem in der Intensivmedizin und bei der Behandlung alter Menschen sind aber Leistungseinschränkungen dem Patienten oder seinen Bezugspersonen meist nicht bekannt. Sie dürften wegen der Gefahr möglicher zivil- und strafrechtlicher Konsequenzen auch kaum in institutionellen Richtlinien festgehalten werden. Um welche Größenordnungen es dabei gehen kann, zeigt das Beispiel einer seltenen Gerinnungsstörung, der Hemmkörperhämophilie: hier können nach einer notwendigen Operation ohne entsprechende Vorbehandlung innerhalb einer Woche Kosten bis zu 400.000 Euro anfallen. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Aspekte der Problematik wie die Forderung nach Transparenz, die Einigung mit dem Patienten, die Klärung der Zuständigkeit und die Bewertung des Grenznutzens werden im Schwerpunktheft der UNIVERSITAS "Gesundheit und Gerechtigkeit" vertieft, das kostenlos bei Dirk Katzschmann, Chefredakteur der UNIVERSITAS, im Rahmen eines kostenlosen und unverbindlichen Probeabonnements (zwei Hefte) angefordert werden kann: UNIVERSITAS, Birkenwaldstraße 44, 70191 Stuttgart, Tel. 0711-2582-240 oder 0711-2582-352; E-Mail: universitas@hirzel.de

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