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Selbstbestimmtes Sterben? Abschied von einem Tabu.

27.01.2015 - (idw) Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Letzter Akademietag der Pallottiner Vallendar widmete sich der komplexen Thematik des selbstbestimmten Sterbens. Mit dem Thema Selbstbestimmtes Sterben? Abschied von einem Tabu befasste sich der für dieses Jahr dritte und letzte Akademietag der Pallottiner Vallendar am Samstag, 24. Januar 2015, zu dem rund 200 Besucher in die Aula der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) gekommen sind.

Das zurzeit in unserer Gesellschaft breit diskutierte und komplexe Thema des selbstbestimmten Sterbens tendiert mehr und mehr zu einer Akzeptanz der assistierten Selbsttötung bzw. der aktiven Sterbehilfe bei ausdrücklichem Sterbewunsch von todkranken Menschen. Dagegen lehnen die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche die aktive Sterbehilfe und den assistierten Suizid ab, weil sie mit dem christlichen Verständnis vom Menschen nicht vereinbar seien. In seinem Referat zeigte der an der Universität Fribourg/ Schweiz lehrende Moraltheologe Prof. Dr. theol. Markus Zimmermann Möglichkeiten einer verantwortlichen Entscheidungsfindung in dem Dilemma, dass durch die gegensätzlichen Stellungnahmen zum Problem des selbstbestimmten Sterbens entsteht, auf.

Anhand der Darstellung verschiedener Sterbeerlebnisse erklärte Prof. Zimmermann, dass das mögliche Spektrum des Sterbens relativ groß ist und sehr verschieden gestorben wird. Auf diese Erkenntnis aufbauend ging er unter dem Titel Kultureller Wandel im Zeichen der reflexiven Moderne der Frage nach, was sich gegenwärtig hinsichtlich der letzten Lebensphase verändert. Dabei geht er davon aus, dass das Sterben heute zu einem omnipräsenten Thema geworden ist und geht dabei auf soziologische Deutungen, insbesondere die Rede von der Entdeckung des Sterbens als einer eigenständigen Phase am Lebensende eines Menschen ein. Tod und Sterben werden heute nicht mehr in erster Linie als Feind, sondern als eine zu gestaltende Aufgabe wahrgenommen, so Prof. Zimmermann. Wir sind heute realistisch gesehen nicht mehr frei, nicht frei mit dem Sterben umzugehen.

Gesellschaftliche Reaktionen darauf seien beispielsweise die Schaffung neuer Institutionen wie Palliativstationen, Hospizbewegung, aber auch Sterbehilfeorganisationen. Deren zentrale Anliegen seien Kontrolle und Sicherstellen des Sterbens, Schmerzfreiheit und Lebensqualität bis zuletzt. Zudem erläuterte er einige Herausforderungen, mit denen wir heute gesellschaftlich angesichts des Sterbens konfrontiert sind, wie der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Angehörigen, der Fragmentierung der Aufgaben in Krankenhäusern, dem Umgang mit so genannten und vor allem in den USA bekannten Last Chance-Therapien (von der Herzchirurgie über die Radiologie bis zur Onkologie und Intensivmedizin), der Etablierung der Palliative Care (Palliativmedizin und pflege sowie Hospizarbeit) und der Regelung der ärztlichen Suizidhilfe.

Was heißt selbstbestimmtes Sterben?

Im Hinblick auf die Frage: Was heißt selbstbestimmtes Sterben? hält Prof. Zimmermann am Autonomieideal (mangels vernünftiger Alternativen) fest. Ich bin aber der Ansicht, dass Autonomie oder Selbstbestimmung heute häufig verkürzt verstanden werden, sagte Prof. Zimmermann. Betont wird einseitig die negative Freiheit (Freiheit von), vergessen werden dagegen die positive Freiheit (Freiheit für), zudem die soziale Dimension der Freiheit (frei sein kann man nur zusammen mit anderen, die relationale Autonomie) und schließlich die spirituelle Autonomie, die Gottbezogenheit im Leben gläubiger Menschen. In diesem Zusammenhang ging Prof. Zimmermann auf die Sterbewünsche und deren mögliche Bedeutungen ein.

Abschließend verwies Prof. Zimmermann auf eine neue Sterbekultur, die an der Zeit sei. Anerkennung von Endlichkeit, die passive Seite der Autonomie (Autonom lebt nur, wer frei dafür ist, sich von der Welt, von den anderen und erst recht von sich selbst überraschen zu lassen, Martin Seel), Vertrauen, Leiden, Liebe, Glauben und Weisheit dienten Prof. Zimmermann dabei als Anhaltspunkte.

Palliativmedizinische Optionen zur Linderung des Leides aufzeigen

In einer sich anschließenden Diskussionsrunde diskutierten mit Prof. Zimmermann Dr. med. Christoph Lerchen, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Palliativmedizin und ärztlicher Direktor des Herz-Jesu-Krankenhaus Dernbach, Hannah Braun, Sterbe- und Trauerbegleiterin in Hachenburg sowie Christian Wuth, Notfallseelsorger in Diez/Lahn. Es zählt unbedingt zu meinen ärztlichen Aufgaben, mich respektvoll mit Ängsten und Todeswünschen von Patienten auseinanderzusetzen. In den kritischen Phasen einer todbringenden Erkrankung können Lebenswille und Todessehnsucht zeitweise durchaus nebeneinander bestehen, erklärte Dr. med. Christoph Lerchen. Hinter dem Sterbewunsch kann durchaus der Wunsch stehen, leben zu wollen, aber nicht mit dieser entsetzlichen Symptomlast. Neben dem Angebot der Begleitung ist es vorrangig, den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen die palliativmedizinischen Optionen zur Linderung ihres Leides aufzuzeigen und zu versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Der weitere Ausbau palliativer und hospizlicher Versorgungsstrukturen sei dringend geboten. Als Palliativmediziner sehe ich mich einer Medizin verpflichtet, die aus ihrem lebensbejahenden Ansatz heraus Hilfe beim Sterben anbietet, jedoch nicht Hilfe zum Sterben leistet und den Tod herbeiführt. Ich sehe mich der Würde des Menschen zutiefst verpflichtet und lehne aktive Sterbehilfe ab, so Dr. med. Lerchen. Auch sehe er es nicht zum Grundverständnis der Palliativmedizin gehörig, Beihilfe zur Selbsttötung zu leisten oder über die gezielte Durchführung eines Suizids zu beraten.

Assistierter Suizid als weitere Option?

Notfall-Seelsorger Christian Wuth fragte, ob die Möglichkeit des assistierten Suizids die palliative Versorgung um eine weitere Option bereichern kann. Zudem fragte er, ob die Planbarkeit des Suizids (Zeitpunkt) das Verhältnis zu Angehörigen und Freunden etwa durch letzte Gespräche und Rituale bereichern könne. Wenn beide Fragen bejaht werden könnten, dann wäre sicher kein Einsatz der Notfallseelsorge nötig.

Leben lernen Sterben lernen

Sterbe- und Trauerbegleiterin Hannah Braun verdeutlichte den Aspekt des Sterben-lernens, des Ja-Sagens zum Schicksal, wie es ist. Anhand eines eindrücklichen Beispiels erläuterte sie wie es einer Frau, die sie gegen Ende deren Lebens begleitet hat, gelungen ist, bejahend und reif inmitten von Leid und dem Wissen bald zu sterben, umgegangen ist. Nicht die Quantität, sondern die Qualität des Lebens zählen, so Hannah Braun. Die letzten Schritte auf dem Lebensweg durch aktive Sterbehilfe zu verkürzen kann uns wertvolle Erkenntnis, Wandlung und Reifung berauben. Schmerz und Leid gehören ebenso zu unserem Leben wie Freude und Glück. Mit einer Patientenverfügung und Versorge-Vollmacht könne jeder vorbeugen, unnötig lange Qualen zu erleiden, indem er für sich lebensverlängernde medizinische Behandlungsmaßnahmen ausschließe. Meine Aufgabe als Sterbebegleiterin sehe ich darin, den todkranken Menschen, sofern er dazu bereit ist, unterstützend und wertschätzend durch die unterschiedlichen Phasen des Sterbeprozesses zu begleiten.

Fragen der Besucher waren unter anderem, ob es genug Plätze für die Patienten in Hospizen und auf Palliativstationen gebe und wer darüber entscheidet, ob der Patient dort eingewiesen würde. Zudem interessierte die Besucher wie man das Thema Tod in das heutige Leben integrieren könne, da der Tod zum Leben gehöre. Weitere Fragen richteten sich an das Thema der Rechtssicherheit für die Familienangehörigen bei der Sterbebegleitung zuhause und zur Rolle von Notfallseelsorgern.


Die Akademietage werden in Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung Fachstelle Koblenz und der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald-Rhein-Lahn geplant und veranstaltet.

Information zur PTHV:
Die Philosophisch-Theologische Hochschule Valle
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